Jamie T Carry On The Grudge

Jamie T greift auf seinem neuem Album, Carry On The Grudge, nach den großen Popgesten. Klassenfragen sind da längst nicht mehr von Belang.

Ein karg eingerichteter Wohnraum. Heißer Kaffeedampf kondensiert über Jamie Ts weißem Hemdkragen. Er schürzt die Oberlippe kess, während die pomadige Haartolle mit den Lederstiefeln im Takt wippt. Die Pose im Video seiner Single »Don’t You Find« sitzt. Es ist eine klassische Joe-Strummer-Ikonografie, die der 28-jährige Jamie Treays aus Wimbledon da aufruft. Man muss zuerst an die Arctic Monkeys denken, die stilistisch gerade etwas Ähnliches verfolgen, an das Zitieren von Musikern aus der britischen Arbeiterklasse – auch wenn Strummer selbst dieser gar nicht entstammte –, die damals versuchten, mithilfe schicker Kleidung ihre Herkunft vergessen zu machen. Nach Bands wie Oasis oder den Happy Mondays ruft knapp 40 Jahre nach Strummer auch Jamie T mit seinem Cockney-Akzent und den kulturellen Referenzen seiner Songtexte das Bild des working class hero wieder auf.

Warum macht er das? Verkörpern britische Musiker wie Alex Turner oder Jamie T die gerade in Anbetracht etwa des großen Erfolgs von UKIP notwendige Subversion gegen die konservative englische Gesellschaft? Gerne würde man dem Gedanken weiter nachgehen, doch da drängen sich die Töne von Jamie Ts Single in den Vordergrund. Und schnell wird klar: Mit Klassenfragen kommt man auf Carry On The Grudge nicht weit. Zugegeben, auch in der Vergangenheit war der Musiker nicht unbedingt dafür bekannt, besonders politisch zu sein. Auf seinem nach einer fünfjährigen Pause veröffentlichten dritten Album tilgt er nun aber auch in musikalischer Hinsicht die letzte Schnoddrigkeit. Statt in spitzem Cockney vorgetragenen Sprechgesangsstücken reichert Jamie T darauf Balladen mit umarmenden Streichersätzen an, er sucht das Wilde nicht in der Instrumentierung, sondern in den zwischenmenschlichen Beziehungen: »I’m a hurricane«, heißt es in »Limits Lie«. Zur zurückhaltend zupfenden Gitarrenhand mischt sich eine softe Drum-Machine. »Love Is Only A Heartbeat Away« – singt er das gerade wirklich in Endlosschleife? Selbst die etwas mehr upbeat gehaltenen Nummern klingen nun entschärft und poliert.

Auf Carry On The Grudge möchte Jamie T anstelle seiner ehemals spezifischen Melange aus Britpop, HipHop und Reggae in den Topf der großen Popgesten greifen, er reicht dabei allerdings viel zu oft nur an die Konserve heran. Damit führt er die Geste der britischen Lässigkeit konsequent zu ihrem Ende, da bis auf ihre Äußerlichkeit nichts mehr übrig bleibt. Das Raue und Genuschelte erscheint nur noch als genau kalkulierte Zutat, es fungiert als Stempel des Authentischen, der scheinbar immer noch unerlässlich ist, will man ein breites Publikum erreichen. Mit einer weiteren, etwas billig parfümierten Ballade klingt das Album nach zwölf Stücken schließlich aus. »I give up, I give in / Just show me love, show me love«, heißt es da. Aber jetzt erst mal ein bisschen Joe Strummer hören!

 

2 KOMMENTARE

  1. Ich habe das Album nicht gehört, kann in vielen Belangen nicht mitreden.

    Was ich an der Rezension jedoch recht diskutabel finde, ist das die Lyrics hier nur kritisch oberflächlich ohne Tiefen angeschnitten, gar zur Kenntnis genommen werden.
    Zudem wird hier in keiner Zeile, der Albumname in Erwähnung gezogen, der hinweg als auch als Leitthema lyrisch fungiert.

    Es ist, von dem was ich in den Liedern und Interviews gelesen und vernommen habe, ein Album, welches sich unter anderem mit dem Aspekt befasst in seinen Endzwantigern zu sein und Zehn Jahre im Erwachsenenleben zu stehen und zu verstehen, dass es gewisse Sachen gibt, die du nicht ablegen kannst und nicht weisst, wie du soo weitertragen sollst in deinem Leben. Alles was du machen kannst, ist diese Last weiterzutragen.

    Eine recht oberflächliche Rezension, die sich auf äußerlichkeiten beschränkt und vielen Leuten quasi den Zugang, aufgraund geschaffener Vorurteile, blockiert, zu einem der größten, ehrlichsten und facettenreichsten Songwriter unserer Zeit!

  2. Ok, Ich hab mir das Album jetzt angehört. Und mir wird klar wie lächerlich eure Rezension ist.
    Euer Problem ist, dass es halt ein wesentlich besseres (Konzept-)Album ist, als ihr euch nur ansatzweise vorstellen könnt und so ehrlich ist, wie kaum ein anderes. Das glatt poliertere Erscheinungsbild vieler Lieder und dieses, sich in den musikalischen Einflüssen die verarbeitet werden, beschränken zeugt meiner Meinung nach vom s.g. Coming of Age und spricht im Kontext von einer abgeklärtheit und Ruhe, die sich im Gesamtbild nahtlos einfügt!

    Der Typ ist eines der wenigen Originale, die das Musikbusiness noch übrig hat.
    Ich finds aber dennoch großartig, dass ihr diese Rezension geschrieben habt, weil diese Musik der Algemeinheit schmackhaft zu machen, wäre Perlen vor die Säue. Habs Satt, Musik die ich gerne höre, von irgendwelchen Spackos an der Bushalte auf deren Handy mit mieser Soundquali zu mizuhören. Das versaut den Gesamteindruck bestimmter Musik ein wenig für mich.
    Spex, irgendwie dank ich euch dafür! :)

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