Album der Ausgabe: James Holden & The Animal Spirits „The Animal Spirits“ / Review

James Holden geht neue Wege, weit außerhalb seiner Komfortzone. The Animal Spirits hat Wumms, nervt aber kein bisschen – unser Album der Ausgabe.

Utopie und Eskapismus sind ja durchaus verwandt, gedeihen vielleicht sogar in ähnlichen Biotopen. Beide wollen sich mit der Welt, wie sie ist, nicht zufriedengeben, und erfinden sich daher andere hinzu. Wobei diese Welten auch einfach Erweiterungen der bestehenden sein können, in Richtungen, die im Alltag weniger gründlich erkundet oder womöglich sogar gemieden werden. Inwiefern das politisch ist, ohne direkt politisch Stellung zu beziehen, ist eine der Fragen, die sich in diesem Zusammenhang auch James Holden gestellt haben könnte. Auf seinem dritten Album The Animal Spirits macht der britische Musiker in Spiritual Jazz, mit seinen Mitteln wohlgemerkt. Man kann das als Variation des Eskapismus verstehen, der in seiner elektronischen Musik schon immer angelegt war. Wobei sich diesmal alles weit außerhalb seiner bisherigen Komfortzone abspielt.

Holden stellt mit dem Album zugleich seine um neue Mitglieder erweiterte Liveband vor. Zu den Animal Spirits zählen der Schlagzeuger Tom Page vom britischen Duo Rocket Number Nine, das 2014 auch auf Neneh Cherrys Album Blank Project zu hören war, der französische Saxofonist Etienne Jaumet von Zombie Zombie, Marcus Hamblett am Flügelhorn, die Flötistin Liza Bec und der Perkussionist Lascelle Gordon, der einst bei den Brand New Heavies tätig war. Holden selbst bedient einen Modularsynthesizer mit von ihm selbst gestalteter Hard- und Software.

Holden schöpft aus einer reichen Tradition, ohne diese bloß zu kopieren oder neu zusammenzurühren.

Nach seinen Angaben funktionieren The Animal Spirits wie eine Spiritual-Jazz-Band, die Folk-Trance spielt. Je nach Blickwinkel könnte man im Gebräu der Truppe auch kosmische Krautrock-Trips erkennen, die sich in Richtung Jazz neigen. Auf jeden Fall schöpft Holden aus einer reichen Tradition, ohne diese bloß zu kopieren oder neu zusammenzurühren. Im Geiste des Jazz versammelte er für die Studiosessions alle Musiker in einem Raum und nahm die Stücke auf, ohne hinterher zusätzliche Spuren dazuzumischen oder an den Ergebnissen herumzuschneiden. Ein Livealbum ohne Publikum, wenn man so will.

An diesem Wandel des bisherigen Vollzeit-Clubmusikers und DJs mag das Älterwerden beteiligt sein – wenn man langsam auf die 40 zugeht, geraten die Nächte am Rand der Tanzfläche irgendwann zur Strapaze. Doch die Konsequenz, mit der Holden zum Live-Elektroniker mutiert, hat etwas Beeindruckendes. Sogar für das Zusammenspiel von Schlagzeug und Synthesizer kommt bei den Animal Spirits ein interaktives System zum Einsatz, das die maschinelle Sequencer-Elektronik an die winzigen Ungenauigkeiten des menschlichen Trommelns anpasst – und nicht umgekehrt, wie früher üblich.

Vorbilder für Holdens Ansatz waren Jazzgrößen wie Don Cherry und Pharoah Sanders, die sich nach ihren Erfahrungen im Free Jazz verstärkt afrikanischen Traditionen zuwandten und, in spirituell-politischer Emanzipationsabsicht, zum Entstehen des Genres World Fusion beitrugen. Noch so eine utopische Musik, in der auch afrikanische Jazzrichtungen berücksichtigt wurden. Holden erweitert dieses Konzept um Elemente des Ethio-Jazz im Stile von Mulatu Astatke, etwa in „Go Gladly Into the Earth“. Über allem schwebt natürlich der Geist des Afrofuturismus-Pioniers Sun Ra.

Was Holden mit seinem Synthesizer anstellt, ist nichts Geringeres als die Evolution von Trance in etwas Größeres, das sich nicht auf drogeninduzierte Bewusstseinserweiterung beschränkt, sondern das Instrument zur Klammer des Geschehens macht, einem Vermittlungsapparat, der die verschiedenen Ansätze auf The Animal Spirits so zusammenhält, dass sie etwas Eigenes werden. Jawoll! Dennoch sei nicht verschwiegen, dass die Platte einen leichten esoterischen Touch abbekommen hat – auch wenn sie keine der mitunter unangenehmen Eigenschaften aufweist, die sich in solcher Musik finden. Will heißen: Holden nervt zu keiner Sekunde. Er entwickelt so viel kreiselnde Energie und mit seiner Band einen derartigen kollektiven Wumms, dass man ihm noch den verstiegensten Animismus durchgehen lassen möchte. Ist halt eine Einübung in Toleranz.

Über allem schwebt natürlich der Geist des Afrofuturismus-Pioniers Sun Ra.

Bliebe das Rätsel, warum Holden so ein Album macht. Aus einem nüchtern-naheliegenden Blickwinkel betrachtet, könnte man sagen: So unübersichtlich und unerfreulich wie die Weltlage im Allgemeinen und in England ganz konkret ist, muss er sich als Künstler beinahe gezwungen sehen, mit der eigenen Arbeit zu reagieren. In welcher Form auch immer. Womit wir wieder bei der Eingangsfrage von Utopie und Politik wären. Für Holdens Eskapismus kann man bedenkenlos stimmen. Eine bessere Welt verspricht er allemal.

Diese Review ist wie viele andere Plattenbesprechungen in der Printausgabe SPEX No. 377 zu lesen. Das Heft ist versandkostenfrei hier bestellbar.

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