Ready for the Einkaufszentrum – James Ferraro in New York    FOTO: Ye Rin Mok

James Ferraro ist jung und schaut doch bereits auf den umfangreichen Backkatalog eines Rock-Fossils zurück. Mit dem vielbeachteten Konzeptalbum Far Side Virtual vertonte das einstige Mitglied des Noise-Duos The Skaters den klebrigen Plastik-Sound des globalen Kapitalismus. Mit NYC, HELL 3:00 AM legt er nun sein nach eigenem Bekunden erstes richtiges Werk vor. Es ist so meisterlich wie finster – und ab Samstag ist Ferraro damit auf Tour.

Far Side Virtual bedeutete für James Ferraro Abschied und Aufbruch. Es war die Trennung vom Kosmos des Hypnagogic Pop mit seiner verrauschten Low-Fidelity-Ästhetik und der Beginn eines kristallklaren Klangbildes im Schaffen des gebürtigen New Yorkers. Das britische Magazin The Wire wählte das zunächst als Sammlung von Handyklingeltönen konzipierte Vaporwave-Album zur Platte des Jahres. Viele schwärmten, einige kotzten, und nicht wenige taten auch beides zusammen. Man fragte sich, ob sich Ferraro nun ekle oder doch fasziniert sei oder womöglich gar vom Ekligen fasziniert. Denn er lieferte Muzak für Einkaufszentren, Business-Lounges und andere Nicht-Orte. Ihr Ausgangsmaterial schien sie aus Telefonwarteschleifen, Flugzeugsicherheitsvideos und Corporate-PR-Clips zu beziehen.

Ferraro setzte das mit solcher konzeptuellen Strenge um, dass man nicht wusste, ob das jetzt Affirmation des Marktes, Karikatur des globalen Hyperkapitalismus, die dystopischste Utopie der Welt oder einfach nur ein großer Joke war. »Ich wollte die Welt, in der wir leben, einfangen, Musik, die man im Fahrstuhl, Bioladen oder Supermarkt hört. Solche Muzak ist bedrohlich und unheilvoll, distanziert und entmenschlicht, zugleich aber auch sehr schön. Sie soll als Schmiermittel all der kapitalistischen Transaktionen wirken und besitzt daher eine verlockende Glätte. Du gehst in ein Einkaufs- zentrum und hörst dort Trance oder Deep House, als akustische Gleitcreme fürs Ausgeben von Geld«, sagt er heute.

In der Zwischenzeit erschienen zwei weitere Ferraro-Sammlungen, das verspielte und weniger konzeptuelle elektrofuturistische Sushi (2012) sowie das zum Gratisdownload angebotene Mixtape Cold (2013). Cold verströmte die gebrochene Schönheit urbaner Melancholie. An langsam kriechenden Beats, eisigen Synths und der schockgefrosteten Präzision fatalistischer Drum-Computer- Sounds rieb sich die verloren-somnambule, mit Auto-Tune verschleierte Stimme Ferraros, einsam in der Großstadtnacht, säuselnd von längst verlorener Liebe. Cold war ein nokturnaler Spuk auf den Trümmern von HipHop und wimmerndem R’n’B. Der warme, melismatische Crooner-Gesang dieser maladen Balladen, den Nichtsänger Ferraro hier mit Ernst, Aufrichtigkeit und völliger Angstfreiheit erzeugte, klang zugleich außerweltlich und selbstpreisgebend-intim. Indem Ferraro den abgenudelten selbstreferenziellen Auto-Tune-Effekt zwar benutzte, aber seine verfremdete Stimme als führendes Instrument einsetzte, betätigte er sich abermals als künstlerische Wiederaufbereitungsanlage, die den Schrott der musikalischen Junk-Kultur des Mainstreams zu etwas veredelte, das wertvoller war als das Ausgangsmaterial. Dieser Aspekt des kulturellen Recyclings ist seit Far Side Virtual der kleinste gemeinsame Nenner aller Schritte Ferraros.

NYC, HELL 3:00 AM ist ein alptraumhaftes Werk voller Momente bizarrer Schönheit. Es beginnt mit einer computergenerierten Frau- enstimme, die in zombifiziert-sicker Monotonie 18-mal das Credo des Kapitalismus »money« ausspricht, bevor dissonant-ambiente Streicher- und Bläsersounds auf tieftönender Dronebasis einsetzen, die sich gut zu Kamerafahrten über verwahrloste Kriegsgräberfelder machen würden. Und es endet mit den Worten »American violence«. (Weiter nach dem Video)

»Ich hab das Album recht blind gemacht, ohne konkretes Konzept«, erklärt Ferraro. »Erst am Ende stellte ich fest, wie alles atmosphärisch zusammenpasste. Die Idee des sozialen Zerfalls ist das, was die amerikanische Gewalt ausmacht. Diese Gewalt übt eine starke Faszination auf mich aus. Sie äußert sich in allem. Die Leute haben sie verinnerlicht. Sie zeigt sich selbst darin, wie sie Sex miteinander haben. Daneben war das Thema der Überwachung, der allgegenwärtigen Sicherheitskameras ein Einfluss. In New York City gibt es ziemlich viele davon. Die Zwänge der äußeren Autoritäten werden durch die Präsenz von Sicherheitskameras verstärkt. Das führt zur Entwicklung eines inneren Schuldkomplexes, zu paranoidem Narzissmus.«

Diese Düsternis bedeutet nicht, dass NYC, HELL 3:00 AM nun ein schwieriges Hörunterfangen wäre. So enthält es neben mit verschlafenen Klavierakkorden instrumentierter angekränkelter Lounge-Musik (»Upper East Side Pussy«) auch mit Orgel und Streichersamples angerichteten Crooner-Pop (»Close Ups«). Vor allem hören wir auf dem Album erstmals hauptsächlich Ferraros naturbelassene Stimme. Sie klingt warm, fragil und ein bisschen nach Chet Bakers traumverlorenem Singsang. Manchmal schluchzt sie so suizidal den Mond an, dass es in seiner maximal verletzbaren Schönheit schwer zu ertragen ist (»Eternal Condition«). »Durch meine Stimme wollte ich für ein wenig Menschlichkeit in dieser Infrastruktur New Yorks sorgen. Ich wollte sie möglichst rau und natürlich haben. Dabei ging es mir um den Kontrast zwischen dem Persönlichen und den harschen und dunklen Sounds, um Humanität in einer kalten Industrialumgebung«, erklärt Ferraro.

Die Seele, die hier zwischen Häuserschluchten umherirrt, hat allen Grund zum Frösteln. Wir hören verfremdete Polizeisirenen (»Stuck 1«), verrauschte Fetzen der TV-Berichterstattung über die Anschläge aufs World Trade Center (»City Smells«), die Ferraro als junger Teenager vor Ort erlebte, und unheimliche, von atmosphärischen Störungen durchzogene Polizeifunk-Samples, die Leichenfunde melden. Die computerisierten Stimmen, die von Boeing-Trümmern berichten (»Stuck 2«), tragen ebenso wenig zum Aufkommen einer Stimmung von Heimeligkeit bei wie der offensichtliche Einfluss von Industrial. »Ich mag frühe Industrial-Sachen sehr. Coil waren wirklich genial, auch Nurse With Wound. Daneben höre ich sehr viel klassische Musik. Für das neue Album war der amerikanische Komponist George Rochberg, ein Vertreter der seriellen Musik, ein ganz wichtiger Einfluss«, sagt der väterlicherseits mit Heavy Metal und mütterlicherseits mit Jazz und Soul aufgewachsene Spross einer Musikerfamilie.

Ferraro ist radikaler Immanentist. Er interessiert sich entschieden fürs Hier und Heute. Dabei nimmt das Profane unter seinem glühenden Blick mitunter sakrale Qualitäten an. »Ich singe über das Jetzt. Auf einem Großteil des Albums geht es um Gier, Kapitalismus und Konsumhedonismus. Viele Künstler vermitteln eine Idee der Unschuld und der heilen Welt. Ich halte das für unverantwortlich. Die Welt ist nicht perfekt, sie ist nicht Disneyland. Ich denke, dass der Künstler die Welt in sich aufnehmen sollte, statt vor ihr die Fensterläden zu verschließen und sich in seine Luftblase zu verkriechen.«

Unsere Welt, das ist zum Beispiel die der Schönheitschirurgie. Auf »Vanity« äußern verdrehte automatisierte Stimmen zu deepen Downtempo-Sounds immer wieder »Botox« und »Plastic«. »Innerhalb der Kirche des Narzissmus und der Eitelkeit fungiert die plastische Chirurgie als liturgisches Ritual. Wenn man wie beim Gebrauch von Botox das Bedürfnis hat, einen Teil seiner selbst durch aktive Lähmung auszulöschen, ist das nichts anderes als Selbsthass. Man hat den Drang, tiefer in die Nicht-Existenz zu geraten. Das ist natürlich völlig höllisch und dystopisch, für andere Leute aber sind Schönheitsoperationen eine himmlische Vorstellung, die eines Paradieses aus Plastik.« Die Idee der Schönheit ist hier auf unheimliche Weise mit einer Stillstellung der Prozesse des Lebendigen verwoben. Somit sind in der populären Praxis der plastischen Chirurgie Schönheit und Tod miteinander verschwistert. Das sind genau jene Ambivalenzen, die Ferraro so liebt. Er braucht dafür keine Bücher, keine Theorie und keine Uni-Seminare. Nur seinen nie ruhenden registratorischen Blick auf’s Jetzt seiner Zeit.

Jetzt weiter auf SPEX.de: die Rezension & Stream von Laurel Halo Chance of Rain, Rezension von Oneohtrix Point Never R Plus Seven.

James Ferraro
26.10. Berlin – Urban Spree mit Inga Copeland
31.10. Luzern – Südpol