James Ferraro

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   Der alte Alchemistentraum bestand – neben dem Auffinden des Steins der Weisen – darin, Scheiße in Gold zu verwandeln. Eine ähnliche Transsubstantiation hat möglicherweise der bislang eher als Underground-Experimentalist aktenkundig gewordene Kalifornier James Ferraro auf seinem neuen Album im Sinne. Auf seinen zuvor in limitierten CD-R-Editionen veröffentlichten gut 20 Soloalben, die er im letzten Jahrfünft produzierte, war abwechselnd verpeilter, in der Badewanne aufgenommener Lowest-Fi-Rock’n’Roll und krautig-kauziges, mit merkwürdigen Rülpsern versetztes Elektrogeplingel zwischen den Polen experimentell und Synthiebedienungsanleitung nicht kapiert zu hören. Als hätten Nurse With Wound, Alice Cooper, Klaus Schulze und The Mothers Of Invention 1969 in einer Landkommune ein Album zusammen aufgenommen.

    Daneben bildet James Ferraro gemeinsam mit Spencer Clark das Improvisations-Noise-Duo The Skaters, das merkwürdige Schamanenpsychedelia produziert, die auf im Müll gefundenen Kassetten aufgenommen, dann – in einer Art auditivem Stone-washed-Verfahren – auf weitere Tapes überspielt und schließlich mit selbstgebasteltem Artwork in Kleinstauflagen als CD-R verkauft wird. Das alles gab in den letzten Jahren großes Lob, und eine neue Sau wurde auch gleich durchs Indiedorf gejagt: Wir nennen sie Hypnagogic Pop – vermutlich, weil Neopsychedelia mit Spät-Achtziger-Referenzkosmos zu schnöde geklungen hätte.

    Doch zurück zur Scheiße: Auf Ferraros bislang zugänglichstem Werk Far Side Virtual exiliert der Sound erstmals aus seinem Lo-Fi-Ghetto, es geht zu wie in einer Dauerwerbesendung. Oder wie in einem dieser Clips, die einige Fluggesellschaften mittlerweile einspielen, damit sich ihre Stewardessen bei der Schwimmwestenvorführung nicht mehr zu Äffinnen machen müssen. Man hört billige Vangelis-Synthies, satinbettwäschekompatible Schleimsaxofone und Gitarren, die aus einer Miami Vice-Folge stammen könnten, zusammen mit Rechnerhochfahrbegrüßungsmelodien, Apple- Werbung und iMac-Sounds. All das klingt in seinem unrettbar naiven, zukunftsgläubigen Willen zur Modernität hoffnungslos gestrig – wie eine von Richard Clayderman und Jean Michel Jarre komponierte Eröffnungsmelodie für ein völkerverbindendes Fest. Große Gefühle zu kleinen Preisen. Dystopischer hat sich eine Positiv-Utopie selten angehört.

   Aber wo ist jetzt das Gold? Aus dem konsumistisch-vulgären Vor-sich-Hinbrabbeln der westlichen Technikmoderne webt Ferraro doch tatsächlich – man weiß nicht recht, wie – einen repetitiven Klangteppich, der, oh Wunder der Wandlung, das separat Abstoßende zu hypnotisch-meditativer Minimal Music veredelt. Das Ambivalente an diesem akustischen Koyaanisqatsi für die iPad-Generation liegt darin, dass unklar bleibt, ob Ferraro nun etwas zelebriert oder sich gerade furchtbar ekelt. Doch vielleicht möchte er ja in einem Kampf gegen besonders gut anliegende Scheuklappen zeigen, dass sich beides nicht ausschließen muss.

   James Ferraro Far Side Virtual ist bei Hippos In Tanks erschienen. Nachfolgend gibt es das Album im Stream zu hören.

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