James Blake »The Colour In Anything« / Review

Heulermusik in Vollendung.

Oswald von Wolkenstein hat eine neue Lieblingsplatte, und Walther von der Vogelweide könnte die Top-Platzierung seiner Jahrescharts 2016 schon Anfang Mai abgeben: The Colour In Anything, das dritte Album von James Blake. Es erzählt vom Minnesang des weißen Hetero-Mannes im Zeitalter der technischen Liebesanbahnung (und zugleich -verunmöglichung). Es geht um Heulermusik in Vollendung. Man könnte auch sagen: um den Blues, allerdings um einen ziemlich hellblauen.

Sah die Hohe Minne einst vor, sich im steten Frauendienst (Ulrich von Liechtenstein) für die eine idealisierte Unerreichbare selbst zu verbessern, ist die von James Blake besungene Figur eine Berührbare geworden, die weitere Berührungen unerklärlicherweise zurückweist. Die Selbstverbesserung und Selbstreinigung des lyrischen Ich soll daher durch die Idealisierung des Schmerzes erfolgen. Und zwar im Falle von The Colour In Anything geballt auf 17 Liedern in 76 Minuten. »Ich kann es nicht glauben, du willst mich nicht mehr sehen«, lautet die erste Zeile des Albums. Und kurz danach singt Blake im Refrain des ersten Stücks »Radio Silence«: »In meinem Herzen herrscht Funkstille.«

James Blake hat The Colour In Anything nicht aufgenommen, um irgendetwas neu zu erfinden, schon gar nicht sich selbst. Seine genuine Leistung ist, in der Klangpalette elektronischer Musik eine verborgene Emotionalität freigelegt zu haben und ihr, im wörtlichen Sinn, eine Stimme zu verleihen. Seine eigene nämlich – eine ziemlich weinerliche Stimme.

Blakes zweites Album Overgrown kappte im Jahr 2013 die Verbindungslinien zur Clubmusik weitgehend, er etablierte sich damit als internationale Größe, eben erst war er, passenderweise zwei Wochen vor der Über-Nacht-Veröffentlichung seines dritten Albums, als Zuarbeiter auf Beyoncés über Nacht veröffentlichtem Album Lemonade zu hören. Blakes Stimme ist mittlerweile so beherrschend, dass es absurd wirkt, wenn der Künstler immer noch als Abkömmling von Dubstep vorgestellt wird. Seine Musik verrät die einstige Verwandtschaft an kaum einer Stelle.

Zu hören sind auf The Colour In Anything Balladen mit dem zur Trademark erhobenen erhöhten Klangflächendruck. Die tiefen Frequenzen haben dabei mittlerweile das Nachsehen, mitunter gibt Blake, etwa im Titelstück, die Rolle des einsamen Chansonniers am Klavier. Verfremdungseffekte: wenige, nur hie und da etwas Autotune oder Hi-Hat-Hack aus dem digitalen Fleischwolf. Frank Ocean firmiert bei einem Stück als Koautor, Justin Vernon alias Bon Iver schrieb bei zwei Songs mit und heult einmal auch selbst auf. Ein Großteil des Albums ist im Studio von Rick Rubin entstanden, der sich zuletzt vor allem mit seiner Präsenz als Sofapupser auf Jay Zs Magna Carta … Holy Grail in Szene setzte oder verblühte Karrieren alter Gitarrenmänner wiederbelebte.

Die Farbpalette des Albums ist durchweg Pastell, so wie das Aquarell von Quentin Blake auf dem Cover, das die zentralen Motive der Musik vorwegnimmt: die Aus-der-Welt-Gefallenheit des vor Enttäuschung komplett ergrauten Einzelgängers und vor allem das Verschämt-Versexte, das als Antriebsfeder für die Sublimierung durch die Hohe Minne respektive Scheiß-auf-die-Minne benötigt wird. Es ist symbolisiert durch eine Frauenfigur, die im dürren Geäst eines Baums verborgen und in einem cleveren Kunstgriff gleich zweifach erledigt wird: kopfüber nackt gekreuzigt und naturwüchsig im Reich der wilden Fauna und Flora verwurzelt.

Damit stellt The Colour In Anything das Prinzip der Minne auf den Kopf und wagt, wovon von Wolkenstein, von Liechtenstein und von der Vogelweide wohl nur in finsteren Momenten träumten. Das Problem mit der Selbstverbesserung ist allerdings: Die Heulermusik von James Blake war vorher schon perfekt. Man darf sich fragen, was in Zukunft noch zum Weitersublimieren übrig bleibt.

1 KOMMENTAR

  1. schöner Artikel, perfekt beschrieben – danke! Uneinig bin ich indes mit den Verfremdungseffekten/Störgeräuschen: Sie sind zwar nur hier und da eingesreut, sind dabei aber so übergriffig und erreichen einen extremen Nervstatus, der mir das Album dauerhaft vergällen wird . Schade, liebster James, es hätte so schön sein können.

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