JaKönigJa

Mit Thomas Meinecke teilen sie die Liebe zum Wort, Dirk von Lowtzow verfasste für sie ein Manifest. Was JaKönigJa aber eigentlich ganz genau machen, bleibt unklar. Soeben ist das fünfte Album des Hamburger Duos erschienen, mit Versatzstücken aus Märchen und christlicher Religion gehen sie ihre musikalische Befreiung an.

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EBBA VON DURSTEWITZ: »Ich bin literatur- und theoriebesessen. Gerade Theorie ist oft sehr quatschig, über Foucault könnte ich mich stellenweise echt schlapp lachen!«

MP3: JaKoenigJa – Die Seilschaft der Verflixten

(Foto: © Ilha Hamra)

Ach, Mysterium! Es bringt die Dinge nicht in Ordnung, sich mit JaKönigJa zu unterhalten. Zwar macht es Spaß, zwei äußerst gesellschaftsfähigen Angehörigen der Eigensinnigen Internationalen eine Stunde lang zuzuhören. Das Gefühl, das Leben habe einen tieferen Sinn, wird durch Jakobus Siebels‘ und Ebba Durstewitz‘ Wortkaskaden sogar vertieft. Allein sich ihnen zu nähern, im Sinne von, sie irgendwie unter einen Hut, eine Überschrift oder subsumierende Idee zu stecken, das klappt nicht. Der Grinsekatze in Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« gleich, lösen sie sich in Luft auf, sobald es auch nur ansatzweise um die Frage geht: Was machen JaKönigJa eigentlich?

    Der Band, diesem seit nunmehr 14 Jahren und fünf Alben bestehenden Duo, ist wahrlich kein Vorwurf zu machen. Ihre Lieder verästeln sich kunstvoll auf der neuen Song-Sammlung »Die Seilschaft der Verflixten« und schaffen Schönheit statt Zappaismus mit ihren abrupten Taktwechseln und an den Großen des Kunstliedes geschulten Gesangsmelodien. Die zur Beschreibung dieser Band taugende Wendung besteht ausgerechnet aus einer Frage. In »Ach, Golgatha!« fragen JaKönigJa: »Und wo versteckt sich die Musik / Wenn man sie grad nicht hört?« Ihre Texte zeichnen sich generell durch derartige herausfordernde Einfachheiten aus. Im Gegensatz zu den kunsthaften Arrangements ist gerade die Sprache der Durstewitz von selten gehörter Unmittelbarkeit. »Viele Texte entstehen sehr assoziativ«, erklärt die Sängerin ihre Drei-Säulen-Technik beim Schreiben. »Dabei hilft mir meine Vorliebe für Willy Stepputats Reimlexikon, die ich ja mit Thomas Meinecke teile, wie wir beide vor ein paar Monaten fest stellen konnten. Zudem speisen sich die Texte aus einer Liebe zu tollen Wörtern: diesmal ist das zum Beispiel ›Baba Yaga‹, das lässt sich auch noch gut singen. Schließlich bin ich auch noch literatur- und theoriebesessen. Gerade Theorie ist oft sehr quatschig, über Foucault könnte ich mich stellenweise echt schlapp lachen.«

    Gedankenketten plus Reimlexikon plus poststrukturalistisches Vokabular – wenn daraus eine Sprache entsteht, und das ist bei JaKönigJa der Fall, dann liegen Band-Beschreibungen wie ›exzentrisch‹ und ›arty‹ nicht fern. Durstewitz selbst findet es ihrerseits komisch, wenn man ihre Texte für schwierig hält. Um bei ihrem selbst gewählten Beispiel zu bleiben: Es hilft, dem alten Foucault die Behauptung abzunehmen, ein Buch sei als Werkzeugkasten zu begreifen. Den Sinn muss sich dann schon der Leser zurecht zimmern. Dazu erweist sich selbst ein Titel wie »Ach, Golgatha!« vom innerhalb dreier Jahre entstandenen Album »Die Seilschaft der Verflixten« als Kraftprotz, und das obwohl in bergauf bergab jagenden Tonfolgen der Verlust eines jugendlichen Allmachtsgefühls beklagt wird. »Ich hatte einmal / Zauberkräfte / So hat man mir’s gesagt« – diese Exposition wird im weiteren Liedverlauf mit Versatzstücken aus Aberglauben, Märchen und christlicher Religion erzählt. Ähnliche Motive aus Kindheiten und Parallel-Realitäten tauchen auf dem Album immer wieder auf, ebenso von Pierre Bourdieu informierte Sozialstudien (»Das Problem des dezidierten Geschmacks«) und gruppenbezogene Selbstverortungen (aus dem Titelsong »Die Seilschaft der Verflixten«). Stark in Kontrast und Farbsättigung, erzielen JaKönigJa so den Unterhaltungswert eines Mangas.

    Doch geht all diese Kunstfertigkeit des Textes ja auf in der Musik, und die ist beiden Bandmitgliedern eindeutig das Wichtigste. Auf dem neuen Album ist diese noch einmal struppiger geraten als bei »Ebba«, jener Platte aus dem Jahr 2005, die von JaKönigJa inzwischen als das Manifest eines Paradigmenwechsels nach der ersten kammermusikalischen Phase der ersten Jahre gesehen wird. »Mit ›Ebba‹ haben wir uns befreit, und ich weiß gar nicht genau, wovon«, sagt Siebels über das Einläuten der neuen Epoche. Barocker Pop im Stile gewisser Produzenten der Sixties ist nun auch »Die Seilschaft der Verflixten«, allerdings nicht ganz so einfach zu hören: Der Gesang ist weit nach vorne gemischt, die Arrangements noch verzweigter, die Harmonie abseitiger. Das von Jakobus Siebels gesungene »Was noch kein Ende hat« glänzt mit einer wütend gespielten Blockflöte, und mit »Der Schlüssel zu allem« haben JaKönigJa aus diversen Tonspuren des Albums ein Instrumental-Stück collagiert. Es weist in die Zukunft: Im September schon soll eine ganze Instrumental-LP erscheinen. Bis dahin geht ihre Musik dahin, wo man sie gerade nicht hört.

»Die Seilschaft der Verflixten« von JaKönigJa ist bereits erschienen (Buback / Indigo). Auf ihrem MySpace-Profil kann man drei der neuen Stücke streamen.

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