JaKönigJa Die Seilschaft der Verflixten

Das Album beginnt mit einem lustigen Erinnerungsklang. Zu hören ist ein Sample der stampfenden Stiefel, die einst »Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols« eröffneten. Was dann folgt, ist ein langer Marsch ins Innere der Ambivalenz, dorthin, wo nichts entschieden und alles möglich scheint. Listig entziehen sich JaKönigJa den bereitliegenden Identitäten und Formaten, um doch so viel wie möglich aus ihnen herauszuholen. Skepsis und Skrupel stehlen die Show. »Die Seilschaft der Verflixten« ist das fünfte Album der Band um die Sängerin und Cellistin Ebba Durstewitz und den Gitarristen Jakobus Siebels. Beide gehören seit vielen Jahren zur Hamburger Pudel-Szene, waren immer auf der Lauer, aber irgendwie auch unentschlossen auf der Schwelle.

    Ein Zaudern prägt denn auch dieses Album: ein Oszillieren zwischen Minimalismus und Opulenz, Romantik und Modernismus, Punkrock und Hippietum. Ebba Durstewitz’ seltsam sprunghafter, mit störrischer Eleganz vorgetragener Gesang bekräftigt diese Grundhaltung des Sowohl-als-auch. Umso erstaunlicher ist es, wie sich die Arrangements aus Banjos, Streichern, Jazzgeraschel und diversen elektronischen Tricks zu einer Ganzheit fügen. Die Metareferenz ist wie bei dem Vorgänger »Ebba« (2005) der zugleich schwelgerisch-schwermütige und ›upliftende‹ Spätsechziger-Sound von Bands wie Harpers Bizarre, The Free Design, Harmony Grass, The Zombies und Os Mutantes. Besonders inspirierend scheint die Pop-Oper »The Moth Confesses« von The Neon Philharmonic gewesen zu sein. Burt Bacharach, Esquivel, Harry Nilsson, The Pale Fountains und der sämige Muzak-Pop der High Llamas sind weitere Einfl üsse, die sich – wie man sagt – ›heraushören‹ lassen. Im Vergleich zu »Ebba« klingt »Die Seilschaft der Verflixten« allerdings oft punkiger, verzerrter und angriffslustiger. Das geschmeidige Easy Listening kippt um in neurotische Psychospielchen.

    Die Dramaturgie ist sehr szenisch und episodisch gestaltet: Die Zwischenschritte, die auf- und abtretenden Klangfiguren und unvorhergesehen Übergänge spielen atmosphärisch eine besondere Rolle. Immer wieder passieren Spielverzögerungen, in denen der Zweifel in die Lücke stoßen kann. »Man könnte es auch anders sehen«: Ebba Durstewitz’ exzentrische Poptexte lassen diese Ahnung nicht nur in dem gleichnamigen Song zu Wort kommen. Durstewitz singt in einer distanzierten Kunstsprache, die fortwährend zwischen Innenund Außenperspektive, zwischen selbst gebastelten Pathosformeln und aufgefundenen Alltagsidiomen pendelt. Es spricht hier offenbar ein prekäres Subjekt, das Gewissheiten ohne Geltung und Bedeutungen ohne Boden verbreitet. Wir hören schließlich immer nur »die Stimme des Begehrens«, nie das Begehren selbst, wie uns der Titelsong – eine betörende Pophymne – erläutert. Das Ich wird »eine fremde Person« (so ein Songtitel). »Ist das noch Popmusik oder schon Dekonstruktion?«, mögen welche fragen. Das Begeisternde an diesen Songs ist gerade, wie Spleens, Schrullen und Mikropolitik poptauglich gemacht werden. In schönen Momenten kommen buttontaugliche Slogans dabei rum: »Was noch kein Ende hat, hört niemals auf«, »Sehnsucht heißt jetzt Luxus«.

    Klar, JaKönigJa sind ein gefundenes Fressen für Besserverstehende, für Deleuze lesende Mods und die fröhliche Restbohème. Aber eben nicht nur. Ihre Abdrift ins Unzeitgemäße wendet sich auch »gegen zu viel Wissen, gegen den Geschmack«, so eine Zeile in dem Stück »Das Problem des dezidierten Geschmacks«.

LABEL: Buback

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 25.04.2008

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