Im Leben radikal anders, im Tode gleich

Gefragt, welche Grabinschrift er sich dereinst wünsche, wenn es zu Ende ist, antwortete der Horrorregisseur John Carpenter einmal: »I’ll be right back.« Manche müssen nicht wiederkehren, um auch nach ihrem Tod noch präsent zu sein. Hier sind fünf von ihnen.

Die Tänzerin und Choreografin Pina Bausch (* 27. Juli 1940; † 30. Juni 2009) ließ ihr Wuppertaler Ensemble auf Blättern, Zweigen und Erde tanzen. Statt auf Verkörperungen ästhetischer Idealnormen traf man in ihrem revolutionären Tanztheater auf Alte, Dicke und Verheulte. Bauschs Truppe trat in Unterhose und Nachthemd auf und kannte keine Scheu vor der Grimasse. Die allürenlose Diva montierte Gesang, Pantomime, Sprache und Musik zu einem expressionistischen Gesamtkunstwerk, dessen Held der verwundbare Körper war.

Nie um Ausdruck des Inneren ging es dagegen der formalistisch arbeitenden Hamburger Konzeptkünstlerin Hanne Darboven (* 29. April 1941; † 9. März 2009). Inspiriert von Vertretern der New Yorker Minimal Art wie Sol LeWitt gründete ihr künstlerisches Konzept auf dem Universum der Zahlen. Mit manischer Konsequenz schuf Darboven aus Kalenderdaten und dem Additionsverfahren ausufernde Schreibzeichnungen. Ihre einzigartige Mixtur aus Mathematik und Registraturzwang zur Bannung des vorbeifließenden Zeitstroms löst beim Betrachter (und Zuhörer, Darboven komponierte auch) anhaltend Befremden und Faszination aus.

Ebenfalls Mathematik, jedoch eine der Gefühle, war das Metier von Maurice Jarre (* 13. September 1924; † 29. März 2009). Der Filmmusikkomponist gehört in eine Reihe mit John Barry und Ennio Morricone. Seine bekanntesten Werke – »Lawrence von Ara bien«, »Doktor Schiwago« und »Reise nach Indien« – entstanden alle unter der Regie von David Lean. Der Franzose legte immer Wert darauf, dass der Soundtrack nicht bloßes Beiwerk des Leinwandgeschehens ist, sondern als selbstständige Kunstform bestehen kann.

Der Pole Leszek Kolakowski (* 23. Oktober; † 17. Juli 2009) hingegen machte aus Philosophie Kunst. Der Autor des Standardwerkes »Hauptströmungen des Marxismus« überquerte mit Fabeln und Aphorismen immer wieder die Grenzen seines Faches in Richtung epische Literatur. In seiner Jugend engagierter Marxist, wandte er sich später von dessen weltlicher Heilslehre ab. Der in die Katastrophe führenden selbstvergöttlichenden Verabsolutierung der Vernunft stellte er – darin dem späten Habermas ähnlich – die Notwendigkeit einer transzendenten Dimension gegenüber: keine Moral ohne Gott.

Bei dem an einer Überdosis Heroin gestorbenen Künstler Dash Snow (* 27. Juli 1981; † 13. Juli 2009) spielte die Moral nur eine dienende Rolle: Sie verschaffte dem bohemistischen Sperma-Collagisten die Lust des Tabubruchs. Der langzeitobdachlose Graffitisprayer aus gutem Hause, Träger eines Saddam-Tattoos, übertrug das Konzept der versifften Drogenparty und des dionysischen Zumüllens aufs Museum. Er collagierte, als hätte es Dada nie gegeben, und hielt jugendlichen Sex auf für ihre Authentizität gefeierten Polaroids fest.

Im Leben radikal unterschiedlich, im Tode gleich: Mögen sie in Frieden ruhen.

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