Das Jahr, in dem wir Feindkontakt aufnahmen

Das Jahr 2009 markierte das bereits achte Jahr des »Enduring Freedom« getauften Krieges der von den USA angeführten Westmächte gegen die Taliban in Afghanistan. Aber erst seit diesem Jahr wird der Krieg mit aktiver Beteiligung der deutschen Bundeswehr auch als solcher bezeichnet – auch wenn die Frage nach dem ›Warum‹, dem zu zahlenden Preis und nach den Verbündeten bis heute nicht beantwortet wird.

Jahresrückblick 2009 Krieg Robert DefconSeit dem 7. Oktober 2001 wird zurückgeschossen. In Afghanistan startete die US-Luftwaffe den mit 44 Stunden längsten Bombereinsatz ihrer Geschichte, während die Verbündeten der Nordallianz am Boden vorrückten. Kabul wurde am 13. November 2001 eingenommen, kurze Zeit später die wichtigsten Hochburgen der Taliban – während die UNO »unbestätigte« Berichte von gewaltsamen Übergriffen, Plünderungen, Hinrichtungen und Entführungen durch den Bündnispartner des Westens, die Nordallianz, kolportierte.

    Das hielt die rot-grüne Bundesregierung Ende 2001 nicht davon ab, die deutsche Beteiligung an der US-Operation »Enduring Freedom« zu beschließen. In der zeitnah abgehaltenen Petersberger Afghanistan-Konferenz verteilte der Westen Posten der neuen Regierung an Vertreter der Nordallianz. Vorsitzender der Interimsverwaltung wurde Hamid Karzai – einst selbst Unterstützer der Taliban, später Finanzier ihrer kaum weniger radikalisierte n Gegner und heute Präsident Afghanistans. Sein Bruder Ahmed Wali Karzai gilt als der größte und einflussreichste Drogenproduzent und -händler Afghanistans. Er steht laut Berichten der New York Times auf der Gehaltsliste des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Die Operation »Enduring Freedom« markiert ein weiteres Kapitel in der tragischen Geschichte des nach einer kurzen Entwicklungsphase in den sechziger und siebziger Jahren von Armut, Korruption, Gewalt und perfiden Großmachtspielchen gebeutelten Landes, zugleich darf der Feldzug als schwärzester Abschnitt in der Geschichte westlicher Geostrategie seit Ende des kalten Kriegs betrachtet werden – mit Guantanamo als Mahnmal.

    Veritable Nachrichten dringen freilich kaum durch den westlichen Wattebausch aus Selbstgefälligkeit, falschem Stolz, Realitätsverleugnung und Atomangst. Denn ad 1: »Wir müssen den Afghanen helfen«, ad 2: »Wir dürfen vor den Taliban nicht kapitulieren«, ad 3: »Wir stabilisieren die Region« und ad 4: »Terroristen dürfen keine Atomwaffen besitzen«. Die dieses Jahr medial aufbereiteten Berichte zu tödlichen Fehlern der Bundeswehr, zur Rückkehr der Taliban und zur zunehmend prekärer werdenden Sicherheitslage sowie zu offenkundigen Wahlfälschungen lassen die Öffentlichkeit ahnen, dass etwas schiefläuft bei der Umsetzung des Programms der Friedensmächte, doch wird die Frage, zu welchem Preis und mit welchen Partnern hier Krieg geführt wird, kaum gestellt.

    Dabei liegt offen zutage, dass der Westen in diesem Krieg mit Terrororganisationen zusammenarbeitet, die die demokratischen Institutionen Afghanistans unterwandern, die wenig mehr als ein Deckmantel von Drogenmafia und Kriegslobby sind. Offen zutage liegt, dass in Afghanistans Judikative eine Mischung aus kruder Scharia-Deutung und himmelschreiender Korruption herrscht – die offene Entrechtung afghanischer Frauen durch ein kürzlich von Präsident Karzai im Amtsblatt veröffentlichtes Gesetz ist die Spitze des Eisbergs: Zwangsverheiratungen auch Minderjähriger, Nahrungsentzug bei sexueller Verweigerung und das Einsperren von Frauen in den eigenen vier Wänden sind seither eine auch gesetzlich sanktionierte Praxis. Politisch aktive Frauen, gar Frauenrechtlerinnen, müssen um ihr Leben fürchten.

    Lebensgefahr droht auch den Vertretern einer bloß andeutungsweise freien Presse. Dass von einem zivilen Aufbau Afghanistans kaum die Rede sein kann, ist nicht nur deshalb wenig überraschend. Schließlich fließen die enormen Aufwendungen für den Afghanistan-Krieg von monatlich 3,6 Milliarden Dollar allein seitens der USA (laut aktueller Schätzung des Congressional Research Service) zu nahezu 99% in die Kassen des militärisch-industriellen Komplexes und paramilitärischer Subunternehmer vor Ort. Der (aktuellste) UNDP Afghanistan-Report von 2007 berichtet von chronischer Unterernährung von 61% der Bevölkerung. 68% haben keinen Zugang zu Trinkwasser. 87,4% aller Frauen können weder lesen noch schreiben, ebenso auch die meisten der Männer. Zugleich ist diesem Bericht zu entnehmen, dass 90% der globalen Rohopiumproduktion mit einem Wert von jährlich 3,1 Milliarden Dollar aus Afghanistan stammen – etwa die Hälfte des legalen Bruttosozialprodukts. Mehr als jeder zehnte Afghane ist in diesem wohl stabilsten Marktsegment beschäftigt.

    Die neue Strategie der Obama-Administration ist in dieser Situation – trotz der wichtigen rhetorischen Deeskalation gegenüber dem Islam – weitgehend die alte: Mehr Geld für mehr Soldaten. Während erwartbar auch die schwarz-gelbe Bundesrepublik ihrer internationalen Verantwortung, im heillosen Chaos Krieg zu führen, weiterhin nachkommen wird, ist kaum abzusehen, dass gerade daraus auch mehr Sicherheit, mehr Entwicklung oder mehr Demokratie in Afghanistan resultieren werden. Im Jahr acht des Weltkriegs gegen den Terror kommt Afghanistan nicht zur Ruhe. Bleich und außer Atem stolpern die Soldaten durch ein blutverschmiertes Haus aus Karten.

1 KOMMENTAR

  1. Das klingt dann schon wie Avantgarde: „…So sehen wir also, daß der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln. Was dem Kriege nun noch eigentümlich bleibt, bezieht sich bloß auf die eigentümliche Natur seiner Mittel. Daß die Richtungen und Absichten der Politik mit diesen Mitteln nicht in Widerspruch treten, das kann die Kriegskunst im allgemeinen und der Feldherr in jedem einzelnen Falle fordern, und dieser Anspruch ist wahrlich nicht gering; aber wie stark er auch in einzelnen Fällen auf die politischen Absichten zurückwirkt, so muß dies doch immer nur als eine Modifikation derselben gedacht werden, denn die politische Absicht ist der Zweck, der Krieg ist das Mittel, und niemals kann das Mittel ohne Zweck gedacht werden. …“ Dabei steht eines über allem: “…Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. …” Das heisst also: Krieg als Produktion, als Herstellung des eigenen Willens beim anderen. Da, wo diese Möglichkeit nicht als aussichtsreich betrachtet werden kann, ist guten Gewissens auch kein Krieg zu führen. Und wenn der Gegner unseren Willen nicht verstehen kann, dann muss er dazu erzogen werden, nach dem Krieg, wie wir Deutsche beispielsweise. Und Frieden bedeut demnach sogar noch etwas ungeheuerlicheres: die Herstellung des Willens des anderen. Und deshalb sind wir von einer Befriedung dieser Region Lichtjahre entfernt.
    Die Zitate stammen übrigens von Clausewitz. Den hatten die Generale des ersten Irakkrieges gelesen. Und deshalb zogen sie sich rechtzeitig zurück und versanken nicht im Nebel des Krieges. Manchmal muss man sich eben begnügen.

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