Die Stimme als Spielzeug

2009 kam mit Auto-Tune ein kosmetischer Vokaleffekt im Mainstream an und rührte alte Ressentiments neu auf.

Jahresrückblick 2009 Auto-Tune Klaus WalterAm 3. Oktober schloss sich bei »Wetten, dass …?« der Kreis. Tokio Hotel präsentierten dem Samstagabendpublikum ihre neue Single »Automatisch«. Darin verwenden sie einen Effekt, der die Stimme von Bill Kaulitz alienartig verfremdet. Sie klingt, nun ja, automatisch. Elf Jahre zuvor hatte Cher an gleicher Stelle den Auto-Tune-Effekt zum ersten Mal im deutschen Fernsehen vorgeführt, »Believe« bescherte ihr ein spätes Comeback. Tokio Hotel bei Gottschalk mit Auto-Tune, das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Auto-Tune-Hasser. Und davon gibt es eine Menge. Denn 2009 war das Jahr, in dem Auto-Tune endgültig die Massen erreichte, und damit auch das Jahr des großen Backlashs.

Der Autor und Musiker Jace Clayton alias DJ Rupture behauptet in seinem Essay »Pitch Perfect«, dass Auto-Tune bei neunzig Prozent der aktuellen Popmusik zum Einsatz komme, dass also »das wichtigste musikalische Gerät der letzten zehn Jahre kein Instrument ist und kein physisches Objekt, sondern eine Software«. Was zum Verschwinden des physischen Tonträgers passt. Wie so oft in der Pop- und Kriegsgeschichte wird eine neue Technologie in dem Moment zum Erfolg, in dem sie entgegen der Gebrauchsanweisung eingesetzt wird. Eigentlich dient Auto-Tune der Perfektionierung von Stimmen. Dann entdeckt jemand den Reiz der Übertreibung: Das metallisch roboterhafte Sirren auf der Gesangsspur bekommt eine eigene Faszination. Die Stimme wird übergeschlechtlich. Und farbenblind. Bis man schließlich nicht mehr weiß, wo einem der Kehlkopf steht. Singt da ein schwarzer Mann, eine weiße Frau oder doch der Pudel von Elton John? Die sogenannten natürlichen Eigenschaften der Stimme setzt Auto-Tune außer Kraft, und damit die tradierte Zuordnungslogik der segregierten Popwelt.

Die größten Triumphe feiert der Effekt jedoch interessanterweise im Hiphop, R&B und Dancehall-Reggae – alles Bastionen traditioneller Geschlechterverhältnisse. Nirgend wo sonst regt sich deswegen auch mehr Widerstand. Nicht nur der einflussreichste Rapper der Ge genwart wettert gegen die Technologie: Jay-Z machte »Death of Auto-Tune« zur ersten Single seines neuen Albums. Auch KRS-One klagte in seinem Track »Robot« schon vor Jay-Z, dass heute keiner mehr ohne Auto-Tune singe oder rappe, und behauptete: »The best to do it was Roger Troutman«. Damit outete sich der ehemalige Kopf von Boogie Down Productions als Verfechter der ganz alten Schule. Troutman schickte in den Siebzigern seine Stimme durch eine Talkbox und hauchte ihr damit Auto-Tune-artige Alienhaftigkeit ein – das Markenzeichen seiner Space-Funk-Band Zapp. Warum aber Zapp gegen Lil’ Wayne ausspielen? Das hat etwas von den Folkpuristen, die 1965 Dylan den Strom abstellen wollten.

Auto-Tune wird in den meisten Fällen nicht mehr verschämt als Camouflage stimmlicher Mängel eingesetzt, sondern offensiv als schmückendes Accessoire. Body-Extension. Software-Bling. Geschminkte Stimme. Die Technologie dient eben nicht nur der Selbstoptimierung, wie die Kritiker behaupten, sie ist auch ein schönes Spielzeug. Wie Photoshop. Ich kann mein Äußeres per Mausklick verändern? Warum nicht? Ich kann meine Stimme per Mausklick verändern? Klar. Aber wenn Männer anfangen sich zu schminken, geraten sie eben schnell unter Schwulenverdacht, die alte Männlichkeit fühlt sich bedroht. Weswegen Alphamänner wie Jay-Z und KRS-One sich mit viriler Vehemenz gegen den Effekt ins Zeug legen. Und weswegen Tokio Hotel so gehasst werden. Wer alt genug ist, kann hier eine Neuauflage der unverhohlen homophoben Authentizitätsdebatten der frühen Achtziger erkennen. Damals standen Punkrocker gegen Synthiepopper, und Modern Talking hasste man für die »sonnengegerbte Sangesschwuchtel« Thomas Anders, nicht aber für den anderen Typ.

Zeitgleich mit Tokio Hotels »Automatisch« erschien im Oktober »5 Years of Low End Contagion«, die Jubiläumsfeierplatte des Labels Hyperdub. Darauf einige Tracks, die noch mal daran erinnern, dass niemals die Technologie böse ist, sondern allenfalls die Leute, die sie ge- oder missbrauchen. Einer der Tracks ist von Burial. Er zeigt, wie man mit Auto-Tune in den Himmel kommt.

In seiner Radiosendung »Was ist Musik« beschäftigt sich Klaus Walter am Dienstag, 13 bis 16 Uhr und Mittwoch, 7 bis 10 Uhr mit dem Phänomen Auto-Tune und spielt entsprechende Stücke von Burial bis Zapp.

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