Jaguar Love

Wenn sich eine Band auflöst, enttäuschen die Nachfolgeprojekte ihrer Mitglieder in der Regel. Im Falle des Hardcore-Quintetts The Blood Brothers, das bis zu seinem letzten Album »Young Machetes« (2006) Genregrenzen sprengte, darf man aufatmen. Sänger Johnny Whitney und Gitarrist Cody Votolato schlossen sich nach der Trennung mit Jay Clark, der als Ex-Mitglied von Pretty Girls Make Graves ebenfalls einer kürzlich geendeten Seattler Band entstammt, zu Jaguar Love zusammen und präsentieren auf ihrem ersten Album eine abenteuerliche Popvision.

    Rasantes Gitarrenspiel trifft auf Soulelemente, bunte Synths auf Songtexte die manische Visionen einfangen, eingängige Melodien auf Whitneys Gesang, der wiederum ein Spektrum von cartoonig-schräg bis manisch-schreiend abdeckt. Während die Blutsbrüder das innere Zerren grundlegend verschiedener Ideen, das sich auf ihren letzten beiden Alben in so aufregenden Stilvermischungen äußerte, letztendlich zu weit auseinander riss, ist der Stilmix bei Jaguar Love entspannterer Konsens: hier hat man das Gefühl, dass alle Beteiligten für alles offen sind.

    Dass die zehn Songs ihres Debütalbums »Take Me To The Sea« nicht nach ›Schema A‹ kreiert wurden, äußert sich dann auch darin, wie unterschiedlich sie sind: »Humans Evolve Into Skyscrapers« imitiert mit nervös tickenden Hi-Hats einen vertrackten R&B-Rhythmus à la Timbaland, »Georgia« ist eine bezaubernd glitzernde Soulballade, die sich genüsslich langsam ihrem mehrstimmig gesungenem Klimax an der 4-Minuten-Marke annähert. Direkt im Anschluss prescht »Vagabond Ballroom« druckvoll nach vorne während eine unheilvoll sirrende Kirmesorgel für Endzeitstimmung sorgt, das finale »My Organ Sounds Like …«, auf dem Whitney seine Stimme scheinbar in ein irreal hohes Heliumquieken transformiert, lädt hingegen zum Tanzbein schwingen ein und erinnert mit seinem insistent antreibenden Rhythmus zum Teil an Pretty Girls’ »This Is Our Emergency«.

    Die Texte stammen mit ihrer surrealen Bildprache unverkennbar aus der Feder Whitneys, so verwirren in »Jaguar Pirates« Zeilen wie »The beat grows like a disease and under the sea there’s another sea«. Erst an anderer Stelle offenbart sich der Song als Aufruf zum Ausbruch aus dem amerikanischen Traum, welcher keine Alternative zwischen Arbeit, Flucht in den Alkohol nach Feierabend und Schuldenberg im Hinterkopf auf der einen, und Armut und Erfolgslosigkeit auf der anderen Seite bietet. In grellen Bildern wird Amerika schwarzgemalt, Whitneys Fantasie bringt einen Strom aus Albträumen hervor, die bei abgetrennten Gliedern und blutenden Babies noch nicht enden. Das mag krass wirken, bildet aber in seiner grundlegenden Übertriebenheit schon wieder eine eigene Bildsprache. Zudem kann der Mann durchaus verständlich Geschichten erzählen, beispielsweise »The Man With The Plastic Suns«: darin berichtet er von einem verschuldeten Vater, dessen Sohn bald nur noch einen Ausweg sieht. Oder das alltäglichere »Bats Over The Pacific Ocean«, in dem der Erzähler seine Wohnung verliert und sich, einer ungewissen Zukunft entgegenblickend, in Erinnerungsfotos verliert.

    Neben der ungewöhnlichen Stimme Whitneys sind es die oft plötzlichen Richtungswechsel von einem Song zum nächsten, die einen beim Hören etwas verdutzt zurück lassen. Gleichzeitig gibt es auf »Take Me To The Sea« aber genug einladende, melodische und rhythmische Hooks, so dass man sich auf diese Achterbahnfahrt auch gerne einlässt. Dennoch sind die Stücke derart sequenziert, dass sie nicht als ganzes Album mit einem durchgängigen Spannungsbogen zusammenhalten wollen. Wer damit leben kann, wird hier zehnmal feinen Freakpop und eine außergewöhnliche neue Band finden.


Anm. d. Red.: Der Autor betreibt an anderer Stelle das Musikblog »Auf ein Neues«.

LABEL: Matador / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 15.08.2008

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