Jaga Jazzist Starfire

Gefällig ist Starfire nicht. Aber das haben Odysseen und intergalaktische Reisen wohl so an sich.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen: Unser Wohnraum, die Erde, ist nichts Besonderes. Sie ist bloß einer von zahllosen Materieklumpen in den unendlichen Weiten des Kosmos. Extraterrestrisches Leben? Sehr wahrscheinlich. Intergalaktisches Reisen? Schwer in Planung. Im Jahr 2026 soll der erste One-way-Flug zum Mars stattfinden: Freiwillige vor! Dürfte man Empfehlungen für die Packliste der Weltraumabenteurer aussprechen, dann neben dehydriertem Milchreis mit Apfelmus und ein paar Kuscheltieren auch für Starfire, die neue Platte von Jaga Jazzist.

Den ersten Hinweis, dass Starfire der perfekte Soundtrack für Reisen auch in andere Galaxien wäre, gibt die Band selbst: Als die größten Sterne unseres Universums zu brennen begannen, stießen sie Unmengen an Neongas aus; schickt man Elektrizität durch Neongas, leuchtet alles wie Las Vegas; und in einer Glasröhre zur Silhouette einer nackten Frau geformt, wird das Gas zur Reklame für einen Stripclub. An den Schnittstellen dieses Zusammenpralls von Genesis mit Leuchtreklamenphysik setzen Jaga Jazzist an. Zumindest erklärt die achtköpfige Band aus Norwegen so das Konzept für ihr neues Album.

Las Vegas wird in dieser Geschichte allerdings zu Los Angeles, denn dorthin zog es Lars Horntveth, den Kopf der Band. Auf stundenlangen Autofahrten durch die leuchtende Nacht begann in Horntveths Kopf ein Soundtrack zu spielen: der Grundstein für Starfire. Seine Band, darunter seine Geschwister Martin und Line, kamen ihn immer wieder aus Norwegen besuchen und spielten mit ihm das neue Album ein.

So weit weg vom Jazz war die Band nie, so nah am Schimpfwort »Progressive« und an Studioexperimenten à la »Wie wär’s, wenn wir hier einfach zwei Rhythmen im Kanon spielen lassen?« auch noch nie. Schicht um Schicht wird in fünf Instrumentalstücken von teils erhabener Länge auf- und wieder abgetragen. Erdige Blasinstrumente paaren sich mit verschwurbeltem Syntiegeballer, manchmal in Gestalt eines analogen Swarmatrons, gespielt von Gastmusiker Leon Dewan. Dazu kommt die Gitarre von Marcus Forsgren, die prominenter auftaucht als auf den Vorgängeralben, und Lars Horntveth funkt mit seinem Pocket Piano dazwischen.

Aussagekräftig ist der Hinweis Horntveths, man habe immer gleichzeitig den Song und seinen Remix in einem angelegt. So wechseln sich organische, ruhige Passagen mit staubtrockenen Drum’n’Bass-Passagen ab. An solchen Stellen klingen Jaga Jazzist wie Mstrkrft, nur weniger tanzbar, an anderen, als hätten sie beim Jammen die Tonbandaufnahme mitlaufen lassen, an wieder anderen wie ein Streichquartett, das Pink Floyd covert. Gefällig ist diese musikalische Odyssee nicht. Aber das haben Odysseen und intergalaktische Reisen wohl so an sich.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.