Jackie Lynn »Jackie Lynn« / Review

Konsequenter Entwurf einer Kunstfigur: Haley Fohr legt als Jackie Lynn Unbehagliches und gleichzeitig Freundliches vor.

Es ist unsagbar kurzsichtig, Musikerinnen miteinander zu vergleichen, weil sie demselben Geschlecht zugeordnet sind. Trotzdem stehen solche Parameter an jeder Kreuzung des Popdiskurses. Eigentlich schade, dass der Boden von einem unemanzipierten Musikjournalismus hier so vermint wurde, denn Vergleiche sollten ja gezogen werden können – nur eben nicht, indem sie das Weibliche als Abweichung vom vorherrschenden Männlichen verstehen, sondern als Interpretation auf Augenhöhe.

Man würde Lynn gerne Fragen stellen, doch wie es mit Kunstfiguren oft ist: Sie bleibt ein Phantom.

Bei der Kunstfigur Jackie Lynn, dem neuen Alter Ego der schon als Circuit Des Yeux bekannten Avantgardemusikerin Haley Fohr, könnte der Musikjournalismus prima Vergleiche ziehen. Etwa zu Ela Orleans, Chinawoman, Nadine Shah, dem Minimalismus der Young Marble Giants oder der Krautaffinität von Stereolab. Ähnlich wie bei denen vermag das Debüt der Musikerin aus Chicago ohne Opulenz eine dunkle Tiefe herzustellen. Ein Ausweg aus der Misere wäre vielleicht ein Vergleich mit einer anderen Spezies: In einer Episode der Augsburger Puppenkiste etwa gibt es ein äußerst freundliches Seeungeheuer namens Nassi, das mit gekünstelt tiefer Stimme seine Affinität zu Honigbonbons besingt. So eine unbehagliche und gleichzeitig freundliche Stimmung findet sich auch auf Lynns Album wieder. Deutlich ist zu hören, dass der Entwurf der Kunstfigur konsequent vollzogen wurde, wobei Fohrs Stimme in manchen Momenten seltsam verstellt klingt.

Aber was heißt das eigentlich? Wenn eine Verfremdung der eigenen Stimme dazu dient, seiner Idee von künstlerischem Ausdruck zu folgen, ist das ja letztendlich keine Verstellung mehr. Solche Fragen würde man Lynn gerne stellen, doch wie es mit Kunstfiguren oft ist: Sie bleibt ein Phantom. Überliefert ist nur ihr plötzliches Auftauchen in Chicago, wo sie gemeinsam mit einem Tom Strong durch den Handel mit illegalen Substanzen zu viel schmutzigem Geld gekommen sein soll. Die Polizei fand während eines Zugriffs in einer von Lynn und Strong frequentierten Wohnung nur noch eine rot-goldene Schallplattenhülle, außen mit Rückständen von Kokain, innen mit einer Überdosis von Album. Jackie Lynn aber konnte nicht gefasst werden.

 

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