Holzbläser, Trommeln und berstende Melonen

Vor zwei Jahren machte die britische Band These New Puritans zum ersten Mal auf sich aufmerksam. Damals lieferte das Quartett aus Southend-on-Sea an der Mündung der Themse mit seinem Debütalbum »Beat Pyramid« eine beachtliche Post-Punk-Platte mit Elektronik-Einflüssen ab. In diesem Jahr überraschte die Gruppe um die beiden 22-jährigen Zwillingsbrüder Jack (Gesang) und George Barnett (Schlagzeug) mit einem erstaunlichen Entwicklungssprung: Die ambitionierte zweite Platte »Hidden« weist ebenso starke Bezüge zu klassischer und moderner E-Musik wie zu Avantgarde-Pop und -Rock auf. Auf den zwölf von Bandleader Jack Barnett geschriebenen Stücken sind kaum noch Gitarrenriffs zu hören, dafür aber umso mehr Töne von Oboen, Fagotten, Klarinetten und Waldhörnern, die von einem kleinen Orchester live im Studio eingespielt wurden. In Kombination mit expressiven Schlagzeug- und Percussion-Rhythmen ergibt diese Besetzung einen fast schon spätromantisch düsteren und dichten Klang, der nachvollziehbar macht, warum die Bandmitglieder in einem Atemzug Edward Elgar, Steve Reich und Timbaland als Vorbilder nennen.

    Offensichtlich war es diese Mischung, die auch André de Ridder auf die Band aufmerksam machte. Der Dirigent, der bereits die Aufführungen von Damon Albarns Pop-Oper »Monkey: Journey To The West« leitete und mit seinem Orchester Sinfonia ViVA auf dem aktuellen Gorillaz-Album »Plastic Beach« zu hören ist, nahm Kontakt zu These New Puritans auf und schlug vor, das Album mit einer mehr als 20-köpfigen Orchesterbesetzung auf die Bühne zu bringen. Nach einer umjubelten Premiere im Londoner Barbican Centre macht das Projekt am 6. Dezember auch im Hebbel am Ufer in Berlin Station, Tickets sind im Vorverkauf erhältlich. Darüber, wie »Hidden« zu »Hidden Live« wurde, äußert sich Jack Barnett im Spex-Interview.

 

Mr. Barnett, sie und ihre Band treten zusammen mit einem Kammerorchester, einem Kinderchor  sowie mehreren Perkussionisten und Geräuschmachern auf. Ein ähnlich umfangreiches Ensemble hatten sie zuvor bereits zu den Aufnahmen für das Album »Hidden« ins Studio geholt. Wann sind sie auf die Idee für diese ambitionierte Platte gekommen?
    Ich hatte irgendwann begonnen, mich für klassische Musik zu interessieren und Stücke für kleine Orchester zu schreiben. Zur gleichen Zeit habe ich natürlich weiter an neuer Musik für unsere Band gearbeitet, die nicht klassisch war. Und dann kam dieser Punkt – es muss 2009 gewesen sein – an dem ich feststellte, dass die Grenzen zwischen diesen beiden Sachen eigentlich lächerlich und gar nicht so bedingungslos sind, wie ich dachte. Da habe ich beschlossen, beides zusammenzubringen.

Auf der Platte stehen Holz- und Blechblasinstrument wie Fagott und Waldhorn im Vordergrund. Wieso haben sie gerade diese Instrumentierung gewählt?
    Ich habe an Stücken für ein Fagott-Quintett gearbeitet und diese bildeten die Grundlage für »Hidden«. Wir haben die Musik von Anfang an für diese Instrumente komponiert – es war also nicht so, dass wir die Stücke bereits fertig gehabt und sie erst danach für die klassischen Instrumente angepasst hätten. Diese Besetzung bildete den Kern für die Musik. Es hätte gar keinen anderen Weg geben können. 

Haben sie schon an mögliche Live-Aufführungen gedacht, als sie »Hidden« aufnahmen?

    Nein, überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil, ich war davon überzeugt, dass es nicht möglich wäre, das Album live zu spielen. Es besitzt völlig unterschiedliche Elemente, die ich mir nicht zusammen auf einer Bühne vorstellen konnte. Wir haben uns eher im Spaß gefragt: Wäre es nicht toll eine Liveshow zu machen? Alle diese verschiedenen Welten die auf »Hidden« zusammenstoßen und diese unterschiedlichen Stimmungen – wir dachten, das wäre zu kompliziert, einfach unmöglich. Aber es hat sich dann herausgestellt, dass es doch nicht ganz unmöglich ist!

Stimmt es, dass der Dirigent André de Ridder auf sie zugekommen ist und vorgeschlagen hat, das Album mit einem Orchester auf die Bühne zu bringen?
    Ja, das ist richtig. Ich hatte noch nie vorher von ihm gehört. Er hat einfach eine E-Mail an unseren Manager geschickt. Das war der Auslöser, der die Lawine ins Rollen gebracht hat.

Gab es schwierige Situationen während der Proben für die Konzerte? Was war das größte Hindernis, das sie überwinden mussten?
    Oh, da gab es eine ganze Menge! Alleine schon die Gewohnheiten von Orchester- und Bandmitglieder zu kombinieren, war schwierig. Sie haben völlig  unterschiedliche Hintergründe und machen viele Dinge jeweils ganz anders. Es ist, als würden sie zwei verschiedene Sprachen sprechen. Eine andere Herausforderung  war, dass die Instrumente und Geräuschquellen unterschiedlich laut sind. Wir benutzen zum Beispiel Spiegel, die eingeschlagen werden und auf der Bühne sehr laut klingen sollen, obwohl es eigentlich ein vergleichbar leises Geräusch ist. Es war ziemlich kompliziert, dafür die richtige Abmischung zu finden.

Es gibt noch andere ungewöhnliche Geräuschquellen auf der Bühne, wie zum Beispiel die Wassermelonen, die sie zerschlagen. Was hat es damit auf sich?
    Als wir das Album gemischt haben, sah ich den Film »Let The Right One In« im Kino. Ich habe mich gefragt, wo alle diese knackigen 3D-Geräusche herkommen, die in dem Film zu hören sind. Deshalb fing ich an, nachzuforschen, welche Techniken die Geräuschmacher für diese Filme verwenden. Dabei fand ich heraus, dass für »Let The Right One In« Melonen zertrümmert wurden, um den Klang zu simulieren, der beim Einschlagen eines Schädels entsteht. Genau dieses Geräusch wollte ich auch auf dem Album haben! Also sind wir losgezogen und haben einige lustige Tage mit Einkaufen verbracht. Wir sind in den Supermarkt gegangen und haben verschiedene Sorten Melonen gekauft und sie dann zerschlagen. Oder wir sind in einen Heimwerker-Laden und haben dort alle möglichen Sorten von Metallketten getestet, um herauszufinden, welche am besten klingt.

Sie treten mit »Hidden Live« in fünf europäischen Städten auf – ist das nicht ein gewaltiger logistischer Aufwand? Werden sie in Berlin mit der gleichen Anzahl von Musikern auf die Bühne kommen wie bei der Premiere im Barbican Centre?
    Es werden genauso viele Musiker auf der Bühne sein, aber dafür ein anderes Orchester. Dieses Mal spielen wir mit einem Ensemble, das André zusammengestellt hat. Wir werden 15 Holz- und Blechbläser haben, zwei Perkussionisten, einen Pianisten, den Dirigenten und die Band. Es werden zwei Pianos auf der Bühne stehen und drei Vibraphone, es gibt verschiedene Geräuschquellen, eine japanische Taiko-Trommel und einen Kinderchor. Es ist ein ganz schön schwer in Griff zu kriegendes Ensemble – es ist Wahnsinn!

 


VIDEO: These New Puritans – We Want War

These New Puritans – »Hidden Live«:
06.12. Berlin – Hebbel am Ufer

3 KOMMENTARE

  1. […] »Hello. the new album is a bit different to the last one.« So stellt Sänger Jack Barnett das neue Album Field of Reeds von These New Puritans vor. Und anders ist das dritte Album der Briten tatsächlich, denn nach der Avantgarde-Schlachtenmusik des Zweitlings Hidden, dem man zusammen mit  André de Ridder, einem Kammerorchester und einem Kinderchor auch zu einer epochalen Liveversion verhalf, geht es diesmal ungewohnt intim und ruhig zu. Das dominierende Instrument ist das Piano, die London, Berlin und im Süden Englands getätigten Aufnahmen sind sehr nah an ihren Protagonisten dran. Statt Keyboarderin Sophie Sleigh-Johnson ist mittlerweile die portugiesische Jazz- und Fado-Sängerin Elisa Rodrigues Teil der britischen Band rund um das modelnde Brüderpaar Barnett, was ebenfalls neue, glückliche Nuancen eröffnet. Produziert wurde Field of Reeds erneut gemeinsam von Jack Barnett und Graham Sutton, der auch schon an Hidden beteiligt war.     Bevor das neue Album am 14. Juni bei PIAS erscheint, kann es nun bereits beim Guardian im Stream komplett vorab gehört werden. Aber Achtung, Field of Reeds verlangt volle Konzentration und Aufmerksamkeit! Für das bislang einzige Deutschlandkonzert im Heimathafen Neukölln, Berlin, am 26. Juni gibt es noch Karten. Ein SPEX-Interview mit Jack Barnett über Hidden Live findet sich hier. […]

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.