Ja, Panik DMD KIU LIDT

ja-panik-dmd-kiu-lidt    DMD KIU LIDT wirft Fragen auf: 1.) Warum ist es nicht das Normalste der Welt, wenn eine Band, die aus dem Burgenland über Wien nach Berlin zieht, dort in einer WG lebt und deren Anglophilie ihrer Liebe zu Pop entstammt, sich in englischer und deutscher Sprache – in Germanaustriaenglish – artikuliert? 2.) Was ist eigentlich das Gegenteil von Einflussangst? Und 3.) Was ist überhaupt DMD KIU LIDT?

    Zu 1.) »Ich ahnte Schlimmes, es kam schrecklich schlimm, bleibt alles weg, bleibt alles hin? Ich hab’s probiert, man sagte mir, lass es, now I smash empty glasses.« In Andreas Spechtls zarter Austria-Tönung fügen sich die Wörter – von Cale’schen Streichern und nicht vom ansonsten dominanten Cale'schen Hammer klavier begleitet – so selbstverständlich zueinander, als hätten sie nie verschiedenen Sprachen angehört. So elegant fand einst die Femme fatale ihren Weg aus dem Französischen zu Velvet Underground. Ja, Panik entscheiden sich für ein UND, wo andere das ODER wählen: Deutsch UND Englisch, John Cale UND Lou Reed. Krass hörbar war das schon auf ihrem vorletzten Album: Da covern sie Reeds Satellite of Love im Cale-Klavierstakkato. Nevermind heißt jetzt ein zentraler Song, schon der Titel ist über codiertes Pop-Esperanto. Zur einsamen E-Gitarre eines jungen Billy Bragg dekliniert Spechtl die situation (englisch gesungen) von ein paar nachnamenlosen Typen durch: Sebastian, Stefan, Thomas. »Für ihn steht nichts für Ver änderung, heute stehen die Zeichen auf success. Er ist im Großen und Ganzen jetzt immer on the run, er fängt im Großen und Ganzen täglich von vorne an.« Success nachrennen, von vorne anfangen, das tägliche Hamsterrad im Germanaustriaenglish-Idiom, in was auch sonst? Ist nicht die Geschichte der besten Musik aus dem deutschen Sprachraum eine der Bastardierung? My Baby Baby Balla Balla (Rainbows), Rolf Dieter Brinkmanns Godzilla, Peter Brötzmanns Machine Gun, Superstarfighter und Old Nobody (Blumfeld), Universal Tellerwäscher (Die Sterne) und Economy Class (Die Goldenen Zitronen), die Brinkmann wie Beatles zitierenden März, School of Zuversicht und Kristof Schreufs Bourgeois with Guitar. Auf ähnliche Weise geht Achim Szepanski in seinem aktuellen Debütroman Saal 6 vor. Er erzählt aus dem Innenleben einer Frankfurter Esperanto-Bank, in der das »Glamour-Tableau des Hedgens im Hintergrund immer als special effect mitläuft«. Ja, Paniks Germanaustriaenglish ist aber kein special effect, es ist kunstvolles Global-Esperanto 2011, Glamour inklusive. Im Booklet gibt’s die Texte in der Übersetzung, also gewissermaßen mit Untertiteln.

    Zu 2.) Unter Einflussangst leiden junge Autoren, die sich von übermächtigen Vorbildfiguren emanzipieren wollen. Ein junger Pop-Autor 2011 hat Zugang zu allen Archiven, die lineare Pop-Geschichte wird ihm unter der Maushand zu einem gigantischen Repertoire der Gleichzeitigkeit. Darüber kann man irre werden vor Einflussangst. Oder seine Einflüsse vor sich hertragen wie ein Klamottenlabel. Ja, Panik zumindest tragen jede Menge Labels vor sich her, doch das ist eher ein Fall von Einflussstolz, falls es diese Krankheit gibt. DMD KIU LIDT ist so was von einflussstolz-eigenständig, dass man fast den alten Kalauer zitieren möchte, nach dem diese Platte mehr ist als die Summe ihrer Teile. Die Angst vor dem Einfluss der Alten wenden Ja, Panik ins Enthusiastische: »All die Sänger in dir lärmen, es ist ein wahrlich großes Fest«. Ein Fest auch, wie sie dem naheliegenden Vorwurf trotzen, sich wie Blumfeld einem Dylan-Song anzuverwandeln: Für Jenseits von Jedem hatte Jochen Distelmeyer das Personal von Desolation Row adoptiert. Ja, Panik lassen nun Mr. Jones antreten: »Something is happening but you don’t know what it is, do you, Mr. Jones?«, fragt Dylan in Ballad of a Thin Man. »Irgendwas ist da im Gange, du bist nicht sicher, doch du schreibst«, heißt es in Mr. Jones & Norma Desmond. Letztere wiederum ist der von Gloria Swanson gespielte Stummfilmstar in Wilders Melodram Boulevard der Dämmerung. Und der Begriff Einflussangst geht auf Harold Bloom zurück. Der amerikanische Kritiker begriff Literatur als Resultat intertextueller Wirkungen, in Abgrenzung zur überkommenen Vorstellung des autonomen Autors. DMD KIU LIDT ist demnach eine dialektische Quadratur des Kreises: musikalisch-intertextueller Autorenpop im Bandformat.

    Zu 3.) »Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.« Für den Kapitalismus spricht, dass manche seiner Opfer ihre Traurigkeit in Kunst verwandeln, wie ein anderer Österreicher vor hundert Jahren herausgefunden hat.

LABEL: Staatsakt | VERTRIEB: RTD | : 15.04.2011


DOWNLOAD: JA, PANIK – Trouble

Spex präsentiert JA, PANIK Live:
09.05. Berlin – HAU I
20.05. AT-Linz – Linzfest
29.05. Hamburg – Übel & Gefährlich
30.05. Köln – Gebäude 9
31.05. Offenbach – Hafen 2
01.06. München – Feierwerk
02.06. CH-St. Gallen – Palace

8 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here