J Mascis „Elastic Days“ / Review

Cover: J Mascis „Elastic Days“

Dass Singersongwriter kein Ablaufdatum haben, beweist J Mascis mit seinem neuen Soloalbum Elastic Days, auf dem das mittlerweile in seinen Fünfzigern angekommene Dinosaur Jr.-Mitglied einen ganz eigenen, an Blues und Americana andockenden Stil entwickelt, der sich vom zwar geschätzten, aber auch recht typischen Klang seiner Hauptband abgrenzt.

Anfang der Achtziger streckte Joseph Donald Mascis Jr. seine Faust wütend in eine Kameralinse. Auf dem dazugehörigen Foto ist er vielleicht 17, ähnlich wie seine mitreckenden Bandkollegen Charlie Nakajima, Scott Helland und Lou Barlow. Mascis ist damals Schlagzeuger der Hardcore-Formation Deep Wound, die nach nur drei Jahren zerbrechen wird, als Barlow und er mit Dinosaur (das Jr. kommt erst später dazu) eine der stilprägendsten Gitarrenbands der späten Achtziger und frühen Neunziger gründen. Mascis’ Markenzeichen seitdem: Ausuferndes Gitarrengegniedel und melancholisch-nöliger Gesang.

Dieser Mann ist gerade dabei, sich zu einem begnadeten Songwriter alten Schlags zu transformieren.

Gegniedelt und genölt wird bei Dinosaur Jr. mit einer zwischenzeitlichen Pause bis heute. Auf seinen Soloalben hingegen offenbart Mascis alle Jubeljahre den leisetretenden Songwriter in sich. So auch auf Elastic Days, auf dem introvertierte, meist lediglich mit Akustikgitarre begleitete Stücke voller Melancholie und Wehmut den Ton bestimmen. Neu allerdings: J Mascis kehrt auf seinem fünften Soloalbum auch an sein Ursprungsinstrument zurück und begleitet die meisten Stücke mit dem Schlagzeug. Das lässt etwas mehr Dynamik entstehen und sorgt dafür, dass Stücke wie „Drop Me“ und das wunderbar herzschmerzige „Sometimes“ sofort an die Dinosaur Jr.-Alben der Neunziger erinnern, als die Band nach dem zwischenzeitlichen Rauswurf von Barlow so etwas wie Mascis’ Ein-Mann-Projekt mit Begleitmusikern war.

Dass er nun auf seine alten Tage auch noch Gesangsunterricht genommen hat, lässt sich am ehesten bei Stücken wie „Cut Stranger“ und „Wanted You Around“ erahnen. Hier entwickelt Mascis einen eigenständigen, an Blues und Americana andockenden Stil weiter, der sich vom typischen Schema seiner Hauptband entfernt. In diesen Momenten wird deutlich: Dieser Mann ist gerade dabei, sich zu einem begnadeten Songwriter alten Schlags zu transformieren – meilenweit entfernt vom fäustereckenden Jugendlichen.

Diese Albumkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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