Isolation Berlin »Und aus den Wolken tropft die Zeit« & »Berliner Schule / Protopop« / Review

Isolation Berlins sujet général ist das Berlin auf der dunklen Seite der Discokugel.

Isolation Berlin haben es sich nicht leicht gemacht. Sie unterlassen es, die in zwei EPs gefassten Rohdiamanten ihrer frühen Schaffensphase hastig zu einem mosaikartigen Debüt zu verpflastern. Stattdessen haben sie ein Debütalbum voller neuer Songs aufgenommen und widmen – es soll ja nichts verloren gehen – dem älteren Material eine zeitgleich erscheinende Kompilation. Diese Werkschau des Bisherigen trägt den Namen Berliner Schule / Protopop, womit das ungefähre Brandmarken umrissen ist, dem sich die Band bisher ausgesetzt sah. Das sujet général ist das Berlin auf der dunklen Seite der Discokugel. Damit wird weder musikalisch noch inhaltlich das Rad neu erfunden, aber zuweilen eben doch der Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen, was ja keine geringe Kunst ist. Isolation Berlin erinnern dabei an Ja, Panik, die mit ihrem frühen Album The Taste And The Money ebenfalls ein Hauptstadtleben (hier das im »Taschenmesser Wien«) in polyglotten Collagen sezierten. Statt Falco fungiert bei Isolation Berlin eben Christiane F. als Stichwortgeberin.

Man fragt man sich mitunter, ob Und aus den Wolken tropft die Zeit zu viel will oder zu wenig.

Auf dem ersten Album Und aus den Wolken tropft die Zeit tritt der Topos Berlin etwas zurück, bleibt allenfalls als konkludente Szenerie vorhanden. Besungen wird auf zwölf Stücken die Steinwerdung eines Herzens. Kausalkette: Verlassen werden, Verlassen-Werden scheiße finden, das ganze Scheiße-Finden scheiße finden, ergo: kardiale Lithomorphose. Der an sich starke Opener »Produkt« schürt dabei den Verdacht, dass dem Ganzen konzeptuell eine kulturökonomische Subperspektive untergejubelt werden sollte, um damit eine Metakorrespondenz zwischen den Tücken der erotischen Liebe und denen des Eros des Ruhms zu stiften. Falls das der Fall ist, handelt es sich allerdings höchstens um eine einfache Verdopplung einer monokausalen Beziehung zwischen Narzissmus, Enttäuschung und dem Modebegriff der Zehnerjahre schlechthin: der Depression. Diese bleibt als solche leider meist nur Analogie, selten wird mit dialektischen Pointen aufgewartet. Kurzum: Man fragt man sich mitunter, ob Und aus den Wolken tropft die Zeit zu viel will oder zu wenig.

Der angeschlagene nonchalante Umgangston mit dem Abgegriffenen ist – je nach Lesart – doch etwas affektiertem Understatement oder schlichtem Hinrotzen gewichen.

Der auf Berliner Schule / Protopop angeschlagene nonchalante Umgangston mit dem Abgegriffenen ist einem – je nach Lesart – doch etwas affektierten Understatement oder einem schlichten Hinrotzen gewichen. Als wären sich Isolation Berlin nun selbst Quelle genug. Auch deshalb ist lyrisch gesehen einer der stärksten Momente der Platte die in der Schwebe gehaltene Selbsterforschung von Sänger Tobias Bamborschke: »Manchmal frage ich mich, ob ich ein Poet bin oder einfach nur besoffen.« Unterm Strich bleiben trotzdem tolle Songs wie »Ich wünschte, ich könnte …« und »Du hast mich nie geliebt«. Das leichte Achselzucken, das sich beim Hören des Albums einstellt, hat wohl mehr damit zu tun, dass Isolation Berlin mit dieser Parallelveröffentlichung wie bei Vorher-nachher-Bildern gleich einen Meterstab mit an die Hand geben, mit dem man sie gründlich vermessen kann. Und das ist doch aller Ehren wert.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.