Isobel Campbell & Mark Lanegan

Sich über dieses Album lustig zu machen, wäre nicht schwer. Das liegt vor allem am Gesang des ehemaligen Screaming-Trees-Mannes Mark Lanegan. Mehrmals nähert er sich auf dieser zweiten Zusammenarbeit mit der Schottin Isobel Campbell (Ex-Belle And Sebastian) der Grenze zur Selbstparodie bzw. überschreitet sie leider auch. Das ist der Fall bei der Schauerballade »The Raven«, in der Lanegan mit grabestiefer, kunstvoll belegter Knarzstimme komplett ironiefrei und mit dem Gruselpotenzial eines Bela Lugosi zu gezwirbelten Streichern, Todesglocken und desperaten Gitarren von allerletzten Dingen singt. Das Resultat klingt wie eine Mischung aus einem besonders brummigen Leonard Cohen, dem späten Serge Gainsbourg und Johnny Cash auf dem Totenbett. Selbst Lee Hazlewood, der als Referenzgröße auf dem gesamten Werk anwesend-abwesend herumspukt, klingt gegen den Amerikaner wie ein Chorknabe. Hat man das – musikalisch mit seiner morriconehaft-dramatischen Zuspitzungsatmosphäreim Übrigen großartige – Stück »The Raven« überstanden und sich erst einmal an die Eigenwilligkeit des Lanegan’schen Vortrags gewöhnt, öffnet sich aber der Blick auf die epische Schönheit dieser hauptsächlich von Campbell geschriebenen und produzierten Folk-Goth-Platte. Wundervoll arrangierte, seufzende Streicher, gestreichelte Gitarren, Schlagzeugbesen, hie und da das dezente Flirren einer Vintage-Orgel und Campbells zartes Säuseln bilden die Ingredienzien einer Musik, die atmosphärisch ungeheuer dicht ist, bei der jedes Sounddetail stimmt und bei der an allen Ecken und Enden noch die Prärie staubt. Das Prinzip der stimmlichen Schwarz-Weiß-Malerei aus glockenheller Wisprigkeit der ›femme fragile‹ Campbell und dem tief bohrenden Timbre des ›gothic villain‹ Lanegan folgt dem Beispiel Birkin/Gainsbourg, Sinatra/Hazlewood, Minogue/Cave (bei »Where The Wild Roses Grow«), oder – so wenig beachtet wie großartig – Rose McDowall/Boyd Rice bei ihrem 1993er-Projekt Spell. Am stärksten ist diese Polarität im Duett, wenn sich der sanfte Wiegenlied-Singsang Campbells wie im »Seafaring Song« – einer herrlichen Paraphrase von Styx’ »Boat On The River«, jedoch ohne entsprechende Credits – geradezu um den Bass Lanegans schlingt. Wer also darüber hinwegsehen kann, dass Campbell übers Säuseln selten hinausgelangt und ihr Counterpart bisweilen in die auch schon wieder ein eigenes Americana-Subgenre bildende Disziplin der versoffenen Tom-Waits-Ballade abgleitet (»The Flame That Burns«), wird mit dem Charme eines Albums belohnt, das sich in jeder Hinsicht als stärker erweist als sein 2006er- Vorgänger »Ballad Of The Broken Seas«.

LABEL: V2 Records / Cooperative Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 23.05.2008

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.