Isle of Dogs – Filmfeature zum Kinostart

Der Stop-Motion-Zauber geht weiter: Mit zerzaustem Fell, einem japanischen Diktator und eigenem Hashtag. In Isle of Dogs ist es eine Hundeinsel der Verbannten, auf der Regisseur Wes Anderson seine Wes-Anderson’sche Kulissenwelt erschafft. 

In Pastelltöne getauchte Jugendstilbauten, bunte Art-déco-Hotelbars, mit Retro-Kitschobjekten dekorierte Wohnräume: Der Hashtag #AccidentalWesAnderson ist Orten in der realen Welt gewidmet, die ihrer Anmutung nach einem der Filme des texanischen Regisseurs entsprungen sein könnten. Das Internetphänomen offenbart die erstaunliche Wirkmacht des unverkennbaren Anderson’schen Stils: Als Ikone aller cinephilen Hipster hat er eine visuell konsistentere Filmwelt geschaffen als irgendein anderer Filmemacher seiner Generation. Seine zugleich lakonische und pathetische Bildsprache ist gewissermaßen viral geworden. Alle wollen die Welt so sehen wie Wes.

In seinem neunten Film Isle Of Dogs fügt Anderson seinem drolligen Universum neue Schattierungen hinzu: Der Animationsfilm ist, wie die Phonetik des Titels (I love dogs) bereits offenbart, einerseits eine Liebeserklärung an alle Vierbeiner, andererseits auch an die japanische (Film-)Kultur. Anderson präsentiert erneut eine in detailverliebter Kleinstarbeit zusammengebastelte Szenerie, die diesmal von japanischen Kinogrößen wie Kurosawa, Ozu und Miyazaki beeinflusst ist. Ebenso wie bei seinem Ausflug ins romantische Vorkriegs-Osteuropa The Grand Budapest Hotel funktioniert seine charakteristische Stilisierung in dieser speziellen regionalen Färbung ganz hervorragend. Der so putzige wie krude Humor und vor allem die Vorliebe für einen präzisen, niemals klinischen Stil machen Anderson und Japan zu einer Traumpaarung.

 

Der Regisseur hat auch aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Sein untypischster Film The Darjeeling Limited wird heute oft geschmäht, diente das indische Setting doch vor allem als Hintergrund für die Entwicklung der westlichen Protagonisten. In seiner neuen Stop-Motion-Animation hingegen besetzt Anderson die menschliche Hauptrolle demonstrativ mit einem japanischen Jungen, Atari, der auf seiner Abenteuerreise über eine Mülldeponieinsel, die zugleich Verbannungsort der gesamten Hundepopulation ist, konsequent nur Japanisch mit seinen tierischen Begleitern spricht.

Die Verweigerung der typischen Hollywood-Praxis, fremde Sprachen durch klischeehafte Akzente zu ersetzen, sorgt für einige clevere Meta-Späße: Ataris Onkel Kobayashi, der diktatorische Bösewicht des Films, wird etwa ständig von einer neurotischen Dolmetscherin begleitet, und Tilda Swinton spricht ein Hundeorakel. Sie kann als einzige ihrer Artgenossen die Fernsehnachrichten verstehen und sie ihnen übermitteln. In Isle Of Dogs aber durchbricht der Filmemacher solche Niedlichkeiten drastischer als gewohnt: Kobayashis Propagandaauftritte erinnern an Nazi-Parteitage und Trump-rallies. Diese Auseinandersetzung mit faschistischer Ästhetik lässt sich als neue, kritische Note in Andersons rigiden Raumkonstruktionen verstehen, die seiner Fanbase bisher abgehen dürfte. Wie wär’s mit #DictatorialWesAnderson?

Isle Of Dogs
USA 2018
Regie: Wes Anderson
Mit den Stimmen von Bryan Cranston, Koyu Rankin, Bill Murray, Tilda Swinton u.a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 380 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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