Literatur aus Irland ist innerhalb kürzester Zeit zum gefeierten Phänomen geworden. Sie ist laut, anders und direkt – und mit Stimmen wie Sally Rooney, Anna Burns, Sinéad Gleeson fast ausschließlich weiblich. Wie konnte es auf der erzkonservativen Insel dazu kommen?

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Am 25. Mai 2018 stimmte die irische Bevölkerung per Referendum für die Legalisierung von Abtreibungen und bescherte dem Land damit einen außergewöhnlichen Moment in der Geschichte seiner Frauenrechte. 

Nur 35 Jahre zuvor hatte sich die Nation noch überwiegend dafür ausgesprochen, das Leben des ungeborenen Kindes mit dem der Mutter gleichzusetzen. Damit stand der Foetus unter verfassungsrechtlichem Schutz und das Abtreibungsverbot galt selbst dann, wenn das Leben der Frau in Gefahr schwebte. 

Neue irische Literatur: Jahrzehnte der Unterdrückung werden gerade auf den Kopf gestellt (Illustration: SPEX).

In drei Jahrzehnten kann sich jedoch eine Menge ändern.

Nach dem ersten Referendum von 1983 bewegte sich Irland aus dem Schatten der Gewalt heraus, den der Nordirlandkonflikt auf das Land geworfen hatte. Die Nation erlebte einen wirtschaftlichen Boom und einen darauf folgenden Zusammenbruch, der sie in eine tiefe Rezession stürzte. Während dieser Zeit entledigte sich die Bevölkerung ihres konservativen katholischen Staates, der Frauen für ihre Sexualität bestrafte und ihre Körper ebenso wie ihre Schicksale kontrollierte.

Zeitgleich zu den rapiden Veränderungen haben eine Reihe von Literatinnen das Wort ergriffen, die die neue irische Realität nach dem Konjunkturabsturz einfangen und sich mit den Dämonen der Vergangenheit auseinandersetzen. Nachdem den Erfahrungen von Frauen so lange kaum Beachtung geschenkt wurde, sind sie nun in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, wo sie oftmals auf experimentelle Art und Weise verhandelt werden.

Die Literatur von Sinéad Gleeson ist ein gutes Beispiel. In ihrer Essaysammlung Constellations: Reflections From Life lässt sie die Grenzen zwischen Lyrik und Prosa verschwimmen, wenn sie über ihren kranken Körper unter dem restriktiven Blick der Kirche spricht, die Frauen als Gebärmaschinen betrachtet. In ihrem mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman Milkman entwirft Anna Burns ein opakes Stream-of-Consciousness-Narrativ einer jungen Frau, die während des Nordirlandkonflikts in einer repressiven und misogynen Kultur aufwächst. Sally Rooney bewegt sich in ihren Bestsellern Normal People und Conversations With Friends zwischen den Fragen nach Klassenzugehörigkeit und Beziehungen in einem nahezu postkatholischen, hyperkapitalistischen Irland mit wuchernden Mieten und niedrigen Unternehmenssteuern.

Für kurze Zeit auf Erfolgskurs

Diese neue Generation von Schrifstellerinnen nimmt sich künstlerische Freiheiten heraus, die Frauen in Irland traditionell nicht zugestanden wurden. Eine Geisteshaltung, die durch den rauen Charakter von Maureen Phelan aus Lisa McInerneys düsterem Comic The Glorious Heresies personifiziert wird. Nachdem sie wegen eines unehelichen Kindes nach London verbannt wird, kehrt sie nach Irland zurück und sagt: „Dieses Land hat mich genug bestraft. Jetzt kann ich tun und lassen, was ich will.“

Dieses Gefühl ist hart erkämpft worden. In der Vergangenheit hat sich Irland als äußerst geschickt darin erwiesen, diejenigen Frauen zu bestrafen, die sich der Heiligen Dreifaltigkeit aus Sittsamkeit, Heirat, und Reproduktion nicht unterwerfen wollten. Lange Zeit wurde von Frauen erwartet, dieses Schicksal zu akzeptieren und darüber zu schweigen.

Vom Schreiben hat sie das allerdings nie abgehalten. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren irische Autorinnen für kurze Zeit auf Erfolgskurs. Schriftstellerinnen wie Katharine Tynan und Rosa Mulholland machten sich aber vor allem außerhalb Irlands, in Ländern wie den USA, mit ihren realistischen Romanen einen Namen.

„Es gab schon immer viele irische Autorinnen. Sie waren außerordentlich produktiv und ziemlich erfolgreich, üblicherweise nur eben nicht in Irland”, sagt Paige Reynolds, Professorin am College of the Holy Cross in Massachusetts, USA.

„Als US-amerikanische Kritikerin mit Schwerpunkt Irland kann ich eine prima Verlaufskurve vom großen Erfolg der Autorinnen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu den erfolgreichen Autorinnen des 21. Jahrhunderts feststellen”, fügt sie hinzu. 

Da stellt sich natürlich die Frage, wie es irischen Frauen in den hundert Jahren dazwischen erging. Ein Teil der Antwort lässt sich auf die Ereignisse zurückführen, die der irischen Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1922 vorausgingen oder direkt auf sie folgten. 

In den Fängen von Kirche und Staat 

Als die Suffragettenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit an Fahrt aufnahm, spielten irische Frauen eine zentrale Rolle im Kampf um die irische Unabhängigkeit vom britischen Imperium. Im gescheiterten Osteraufstand von 1916 kämpften Frauen Seite an Seite mit ihren Landsmännern.

Unter ihnen war Constance Markievicz, die als erste Frau überhaupt ins Parlament von Westminster gewählt wurde, obwohl sie ihren Sitz nicht einnahm. Nach der Unabhängigkeit wurde Marckweciz, die auch als Malerin aktiv war, Arbeitsministerin in der ersten Dáil, wie das irische Parlament genannt wird, und damit zum ersten weiblichen Kabinettsmitglied in Europa. Diese erste Dáil schrieb einen geschlechtsunabhängigen Anspruch auf Gerechtigkeit in der Verfassung von 1922 fest. 

Die folgenden katholisch-konservativen Regierungen aber taten ihr Möglichstes, um die eigene Verfassung zu ignorieren und den Einfluss von Frauen im öffentlichen Leben zu beschränken. Wie der irische Premier Éamon DeValera, der für die Niederschrift der Verfassung von 1937 verantwortlich war, und einem Forscher einst sagte, Frauen seien „die kühnsten und unkontrollierbarsten aller Revolutionäre”. So schien es der beste Weg, diesen unkontrollierbaren Teil der Bevölkerung hinter den Herd zu verbannen und mit jeder Menge Kinder am Rockzipfel ruhigzustellen. 

Dem Staat gelang dies durch eine Reihe von Gesetzen, einschließlich eines Verbots künstlicher Verhütungsmittel, den erst 1973 aufgehobenen Ausschluss verheirateter Frauen aus dem öffentlichen Dienst und eines verfassungsrechtlichen, erst 1995 aufgehobenen Verbots, sich scheiden zu lassen. Letzten Endes wies die Verfassung von 1937 Frauen damit ihren Platz in den eigenen vier Wänden zu – eine Klausel, die bis heute besteht. Für Kirche und Staat war die Hausfrau zur Wahrung der katholischen Werte in der Familie und für das moralische Wohlbefinden der Nation essentiell. 

Zum Schweigen gebracht

„Ich habe dieses Land immer als den ,Iran mit Lippenstift drauf’ bezeichnet”, sagt June Caldwell, frühere Journalistin und Autorin von Room Little Darker, einer Sammlung von düsteren, witzigen und packenden Kurzgeschichten. „Irland befand sich für eine lange Zeit in einem ziemlich merkwürdigen Strudel.”

All diejenigen, die sich nicht an die offizielle Linie hielten, wurden in Heimen untergebracht und so vor der öffentlichen Wahrnehmung versteckt. Tausende Frauen wurden in von der Kirche betriebenen und durch den Staat geförderten Institutionen wie den „Magdalene Laundries” – den sogenannten „Magdalenenheimen“, wie sie in Deutschland während des 20. Jahrhunderts als „Heime für gefallene Mädchen“ bekannt waren – eingesperrt, weil sie außereheliche Kinder hatten. Dort waren sie gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen und ohne Entlohnung zu arbeiten und wurden von der Gesellschaft gemieden. Einige blieben für kurze Zeit, andere verbrachten dort ihr ganzes Leben. Den meisten wurden die Kinder weggenommen, in Waisenhäuser gesteckt und zur Adoption freigegeben. Viele sahen sie nie wieder. Die letzte „Laundry” schloss im Jahr 1996.

Als Resultat all dessen hatten Frauen in der Mitte des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Leben kaum etwas zu sagen. Nur wenige hatten überhaupt die Mittel oder gar die Zeit zum Schreiben. Schriftstellerinnen, denen in dieser Ära der Durchbruch gelang, mussten sich mit den Erwartungen an irische Frauen und wie diese sich zu verhalten hatten, herumschlagen.

Die verstorbene Autorin und Journalistin Nuala O’Faolain, die sich stets gegen diese Zuschreibungen gewehrt hatte, beschrieb das literarische Dublin während der fünfziger und sechziger Jahre als einen Ort, in dem sich alle im Pub trafen, die Schriftsteller männlich waren und „die Frauen allesamt Frauen waren, die mit Männern ausgingen”.

„Wenn du eine junge Frau warst, fragte dich in den Dubliner Pubs niemand nach dem, was du tatest oder aber tun wolltest”, schrieb O’Faolain. 

Flucht von Dublin nach London

Andere irische Schrifstellerinnen aus dieser Zeit wie Mary Lavin, Elizabeth Bowen und Maeve Brennan gelangten zu ein wenig Ruhm und Respekt. Für Autorinnen wie Edna O’Brien aber – die schon seit Langem außerhalb Irlands als Genie gehandelt wurde und deren letzter Roman Girl über die 2014 von Boko Haram entführten Schülerinnen sehr gelobt wurde – kam der Erfolg mit persönlichen Abstrichen daher. 

O’Brien zog in den fünfziger Jahren nach London, um dem „einengenden, hitzigen und engstirnigen“ Dublin dieser Zeit zu entkommen. Dem US-amerikanischen Magazin The Atlantic erzählte sie, dass sie womöglich gar nichts geschrieben hätte, wäre sie dort geblieben: „Ich nehme an, dass ich beobachtet und (noch mehr!) beurteilt worden wäre und diesen unbezahlbaren Wert namens Freiheit verloren hätte.“

Zuhause wurde O’Brien für den ersten Teil ihrer Trilogie The Country Girls scharf kritisiert, der irische Frauen darin darstellt, wie sie sich mit einer Gesellschaft arrangieren, die sie erstickt. Irlands übereifrige Zensoren setzten das Buch im Jahr 1960 wegen seines „explizit sexuellen Inhalts“ auf den Index, obwohl der für seine Zeit vermutlich sogar noch zurückhaltend ausfiel. Erzbischof John McQuaid, der mächtigste Katholik im Land, sowie der damalige Justizminister und spätere Premierminister Charles Haughey bezeichneten ihn als „Schmutz”, der „in keinem anständigen Haushalt erlaubt sein sollte”. Einen Gemeindepriester erzürnte der Roman so sehr, dass dieser Berichten zufolge verbrannt wurde und O’Brien Hassbriefe erhielt. Ihre ersten sechs Romane wurden zensiert.

Selbstverständlich gerieten auch männliche Autoren hin und wieder in die Fänge der Zensur, was oftmals als Auszeichnung gewertet wurde. Frauen allerdings, diese Leuchttürme der öffentlichen Moral, sollten sich schämen, genauso wie sie es in Sachen Schwangerschaft und Sexualität sowieso schon taten. 

Keine falsche Scham mehr 

Heutzutage müssen Frauen nicht mehr fürchten, auf die gleiche Art und Weise abgestraft zu werden. Die großen katholischen Tabus sind längst gebrochen. In ihrem Kurzgeschichtenband Room Little Darker schreibt June Caldwell über ein auf dem Land als Sexsklav_innen gehaltenes Paar, ein Programm zur Rehabilitierung von Pädophilen, für das Roboterjungen eingesetzt werden, und eine Abtreibung, die aus der Sicht eines Foetus erzählt wird. Die letzte der drei Geschichten mit dem Titel Somat, die auch in der Anthologie The Long Gaze Back von 2015 erschienen war, schrieb Caldwell in einem Wutanfall über den Beschluss eines irischen Arztes, eine Frau im Jahr 2014 künstlich am Leben zu halten, weil ihr Foetus noch einen Herzschlag hatte.

„Ich habe einfach beschlossen, mich nicht zu zensieren“, sagt Caldwell. „Ich dachte, ich würde geschlachtet werden. Aber wir befinden uns in einer neuen Zeit und die Leute sind froh darüber, dass ich so ehrlich bin. Es überrascht mich aber auch nicht, dass Autorinnen mittlerweile das schreiben, was sie denken. Jahrzehnte über Jahrzehnte an Unterdrückung werden gerade auf den Kopf gestellt.“

Tatsächlich fällt es schwer, sich Caldwell oder irgendeine andere zeitgenössische Schriftstellerin dabei vorzustellen, über Themen wie diese zu schreiben, hätte es nicht ihre Vorgängerinnen gegeben. Ihr Beitrag ist es, den Sinéad Gleeson als Herausgeberin der Anthologie The Long Gaze Back würdigen wollte. Der Band ist chronologisch sortiert und umfasst vier Jahrhunderte weibliche irische Literatur. Angefangen mit Maria Edgeworths 1796 erstveröffentlichter Kurzgeschichte The Purple Jar, die mittlerweile als Parabel auf ein Mädchen gelesen wird, das seine erste Periode bekommt. Über Mary Lavins Geschichte In the Middle Of The Fields aus dem Jahr 1967 über eine Witwe, die „ungewollte männliche Aufmerksamkeit“ erhält. Bis hin zu neuen Stimmen wie Eimear Ryan, die den Text Lane In Stay speziell für das Buch geschrieben hat. 

„Mir ist das Echo unserer Vergangenheit bewusst“, sagt Gleeson. „Diese Frauen gaben uns die Berechtigung, das zu sagen, was wir heute aussprechen dürfen. Wir stehen tief in ihrer Schuld, was man nur allzu leicht vergisst, wenn man über alles schreiben darf, was man will. Das kannst du aber nur, weil jemand ein paar Jahrzehnte vor dir, all die Vorarbeit geleistet hat, seinen Job verloren, verrissen und zensiert wurde.”  

Im Gedenken an Vorkämpferinnen

Ihr Buch Constellations: Reflections From Life sollte deshalb auch eine Art „Schuldausgleich“ gegenüber den Frauen sein, die vor ihr kamen, sagt Gleeson. Sie schreibt über die Chancenlosigkeit ihrer Großmutter und Urgroßmutter – „Frauen aus der Arbeiterklasse, die mit 12 oder 14 Jahren die Schule verlassen mussten“. Über die „Armadas von Frauen und Magdalenen, die so viel von dieser Welt wollten und nie etwas verlangt haben.” Und die Aktivistinnen, die jahrelang für die körperliche Selbstbestimmung und Freiheit von Frauen gekämpft haben.

Ein Kapitel ist den „zwölf Frauen, die pro Tag Irland verließen“, um außerhalb des Landes abzutreiben,  gewidmet und verhandelt am Fall von Savita Halappanavar den Mangel an Mitgefühl für schwangere Frauen. Die 31-Jährige war 2012 in einem Krankenhaus in Galway verstorben, nachdem man ihr den lebensrettenden Schwangerschaftsabbruch mit der Begründung verweigert hatte, dass „Irland ein katholisches Land“ sei.

In The Glorious Heresies von Lisa McInerney rächt sich die Protagonistin Maureen nach 40-jährigem Exil in London für das kollektive Trauma, indem sie eine Kirche in ihrer Heimatstadt Cork anzündet. Auf seine Art sei das aber ein sinnloser Akt, sagt die Autorin, weil das Irland, auf das sie wütend ist, „verschwindet, wenn es denn überhaupt noch existiert“. 

„Das Problem ist, dass sie etwas angreifen möchte, das es so nicht mehr gibt, was – wie ich denke – zu komischen Situationen führt“, sagt McInerney

In der Tat hat sich der katholische Klammergriff weitgehend gelockert. Messen werden immer weniger besucht, Priester und Nonnen gehören einer aussterbenden Spezies an, Scheidungen sind erlaubt, ebenso Abtreibungen, obwohl der Zugang zu ihnen nach wie vor schwierig ist. Doch restriktive Überreste bleiben: Schulen und Krankenhäuser werden weiterhin von der Kirche gefördert, die das von ihr verursachte Leid – gelinde gesagt – nur widerwillig anerkennt. Immer wieder kommt es zu Skandalen. In den vergangenen Jahren sorgten Enthüllungen über ein Massengrab mit den Überresten von 800 überwiegend in den fünfziger Jahren vergrabenen Babies in einem Mutter-Kind-Heim im Westen Irlands für eine Welle des Entsetzens weit über die Grenzen des Landes hinaus. Und der irische Staat hat das Gefängnissystem der „Laundries“ zu einem gewissen Grad bei der Geflüchtetenversorgung nachgebildet, in der Asylsuchende festgehalten werden, manche von ihnen jahrelang, in furchtbaren Zuständen und ohne Arbeitserlaubnis.

Fortsetzung folgt (…)