Interview mit Iris Apfel

Iris Apfel by Marco Scozzaro
FOTO: Marco Scozzaro   HAIR & MAKE-UP: Erin Green

Die 92-jährige New Yorkerin Iris Apfel ist weit mehr als eine »rüstige Rentnerin«. Obschon bereits seit den 50er-Jahren ein Gesicht der New Yorker Gesellschaft, wurde sie erst 2005 mit ihrer Ausstellung Rara Avis: The Irreverent Iris Apfel im New Yorker Costume Institute des Metropolitan Museum of Art quasi über Nacht berühmt und im reifen Alter plötzlich zur Grand Dame der Modeszene erklärt. Renommierte Marken reißen sich seither um Kooperationen, sogenannte It-Girls betteln um Stilberatung – vom Modeparkett ist Apfel nicht mehr wegzudenken. Was nicht allein an ihrer legendären, übergroßen Brille liegt.

Mrs. Apfel, warum hat die Welt so lange gebraucht, um Ihr Potenzial als Mode-Ikone zu erkennen?
Ja, das frage ich mich auch oft. Schließlich mache ich absolut nichts anders als vor 70 Jahren. Vielleicht brauchte die Welt etwas mehr Zeit.

Mit 84 ein Star zu werden, ist eher ungewöhnlich. Das muss sich wie eine Art dritter Frühling anfühlen.
Oh ja, es ist ein ganz neues Leben, ich bin plötzlich ein altersschwaches Starlet. Das macht zwar Spaß, ist aber gleichzeitig auch etwas lästig. Es wäre ein noch größeres Vergnügen, wenn ich nicht immer so müde wäre. Aber alles hat seinen Preis: There’s no free lunch!

Sie werden gerne als Salonlöwin bezeichnet.
Dabei bin ich alles andere als das! Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst. Viermal im Jahr kommt meine Kollektion für The Home Shopping Network (HSN), ich designe meine eigene Schmucklinie, gestalte Brillen, halte Vorlesungen für Modestudenten und beteilige mich an Charity-Projekten. Aber was das Wichtigste ist: Ich suche den Dialog mit Frauen, weil ich ihnen helfen möchte. Sie haben ja keine Ahnung, wie viele Frauen Probleme mit ihrem Äußeren haben und nicht wissen, wie sie ihren Stil finden sollen. Ich möchte helfen, und ich mache diesen Frauen Mut und inspiriere sie. Für nächtelange Partys habe ich gar keine Zeit! Wenn Leute mich dann als Salonlöwin abstempeln, macht mich das rasend!

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Ich bitte Sie, ich bin doch keine Feministin! Ich weiß nicht einmal, was das ist. Die Definition wird ja ständig verändert. Ich möchte jedenfalls niemandem sagen, was er zu tun hat. Nicht jeder muss ein Fashion-Guru sein, viel wichtiger ist es doch, glücklich zu sein. Ich bin einfach nur der älteste lebende Teenager der Welt. Ich bin noch immer neugierig auf das Leben und mag es, neue Menschen zu treffen. Es ist ein Jammer: Kinder haben von sich aus eine solch lebhafte Fantasie, und dann werden sie älter und verlieren sie. Wir wollen heute alles sofort, auf Knopfdruck werden unsere Wünsche erfüllt. Das zerstört die Fantasiewelt und macht mich sehr traurig. Was für ein schrecklicher Verlust.

Ihren fantasievollen Outfits und Kreationen wurde 2005 sogar eine eigene Ausstellung im New Yorker MET gewidmet.
Ja, Harold Koda, einer der Kuratoren, hat mich angerufen und gefragt, ob ich einige Accessoires entbehren könnte. Da habe ich spontan zugesagt – ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwartete! Die MET-Leute kamen, und ich zeigte ihnen meine Schätze. Sie waren sehr clever und sagten mir anschließend, dass es keinen Sinn ergeben würde, Accessoires außerhalb ihres Kontextes zu zeigen. Also fragten sie, ob ich vielleicht auch noch einige Kleider entbehren könne. Damit öffnete ich die Büchse der Pandora! Sie rissen alle meine Schränke und Schubladen auf, suchten sogar unter dem Bett und schrien herum: »Großer Gott, seht euch das mal an!« Sie waren wie im Rausch, wir mussten alle Möbel verrücken, und jeden Tag kam ein Truck, um meine Kleidungsstücke abzuholen. Ein Theater! Mein armer Mann hatte nur noch einen winzigen Platz am Tisch, wo er sein Essen einnehmen konnte. Er sagte lediglich: »Danke Schatz, dass ich nicht in einer Schublade schlafen muss!«

Ihr Mann ist 99, hat er sich nicht einen etwas ruhigeren Ruhestand erhofft?
Ach was! Ihm macht der ganze Zirkus mehr Spaß als mir! Er ist sehr stolz auf mich und wartet immer sehnsüchtig auf die neusten Publikationen, damit er angeben kann. Es ist wirklich süß. Wenn wir bis Februar am Leben bleiben, sind wir 66 Jahre lang verheiratet! Unser Geheimnis ist der Sinn für Humor. Die meisten Paare streiten sich doch über dumme Dinge. Man muss dann einfach tief durchatmen und lachen. Fertig.

Mit ihrem Mann gründeten Sie 1950 das Unternehmen Old World Weavers, das von nicht weniger als neun Präsidenten herangezogen wurde, um das Weiße Haus zu dekorieren.
Nun, niemand dekoriert das Weiße Haus im klassischen Sinne, es handelt sich um eine historische Restauration. Man muss alles so originalgetreu wie irgend möglich wiederherstellen, selbst wenn es abscheulich ist. Das ändert sich niemals, sonst könnte ja jede First Lady machen, was sie will! Jedes Präsidentenpaar bekommt Geld, um seinen privaten Bereich einzurichten, aber in den öffentlich zugänglichen Räumen darf absolut nichts verändert werden. Ich würde ein Haus natürlich niemals so ein- richten, aber es hat uns trotzdem große Freude bereitet, und offenbar haben wir einen guten Job gemacht.

Haben Sie die jeweiligen Präsidenten auch persönlich getroffen?
Oh ja, wenn auch meist nur flüchtig. Aber mit manchen First Ladies haben wir eng zusammengearbeitet. Mrs. Nixon beispielsweise war sehr leidenschaftlich und interessiert. Nur hatte sie leider absolut keine Ahnung. Sie kam oft in unseren Showroom und hat sich Textilien angesehen. Stets entschied sie sich dabei für die falschen Stoffe, und am nächsten Tag rief sie dann ganz verlegen an und sagte: »Mrs. Apfel, Sie wissen doch, was ich brauche! Also suchen Sie es bitte aus und kommen zum Lunch.« Nun, wir haben die Gute ein bisschen spielen lassen …

Sehen Sie Parallelen zwischen Innenarchitektur und Mode?
Auf jeden Fall. Heute sehen beispielsweise alle eleganten Orte ungefähr gleich aus. Sie sind zwar sehr schön, aber fast nie spiegelt sich in ihnen eine persönliche Note wieder. Genauso ist es mit der heutigen Mode. Die Leute wollen alle gleich sein, gleich aussehen, gleich denken.

Sind Sie gegen Minimalismus?
Ich bin nie gegen etwas, das gut gemacht ist. Manche Leute sehen im Minimal-Look wundervoll aus. Ich bewundere Minimalismus, aber das ist einfach nichts für mich. Selbst wenn ich es wollte – die Sachen hängen sich von selbst um meinen Hals! Umgekehrt würden andere Leute in meinen Outfits wie Freaks aussehen. Am Ende des Tages muss jeder wissen, wer er ist und was zu ihm passt. Der Prozess der Selbstfindung ist allerdings unter Umständen schmerzhaft. Wenn es die Leute zu sehr stresst, ihren Stil zu finden, dann sollen sie es eben bleiben lassen. Dann lieber glücklich, statt gut angezogen! Wobei es natürlich wünschenswert ist, beides zu sein.

Was fällt Ihnen modetechnisch auf den Straßen von New York auf?
Ach, es ist ein Graus! Man sieht schlimme Sachen. Sneaker zum Beispiel sind wunderbar – wenn man ins Fitnessstudio geht! Genauso wie Flip Flops eine tolle Sache sind – unter der Dusche! Aber so auf der Straße herumzulaufen, das ist einfach eine Beleidigung.

Aber Sie lieben Denim, richtig?
Oh ja! Ich war vermutlich die erste Frau in Amerika, die Jeans trug. Es war Ende der 30er, und ich studierte an der Universität von Wisconsin. Niemand trug Jeans, aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Jeans, ein gestärktes weißes Hemd und einen Gangnam-Turban anzuziehen. Ich dachte, das würde umwerfend aussehen. Also ging ich in einen Navy-Army-Store und verlangte ein paar Jeans. Sie schmissen mich raus und riefen: »Weißt du nicht, dass junge Ladies keine Jeans tragen?« Aber ich kam jeden Tag zurück, und damit ich endlich Ruhe gab, verkauften sie mir schließlich ein paar Jungs-Jeans. Seitdem lebe ich in Jeans. Man kann mit ihnen einfach alles kombinieren.

Tragen Sie Pelz?
Es ist doch nichts dabei, Pelz zu tragen! Diese ganze Debatte ist doch total scheinheilig. Die Leute essen ja auch Steaks oder tragen Lederschuhe. Natürlich darf man keine Tiere quälen, aber wenn Tiere sowieso zum Verzehr gezüchtet werden, kann man das Fell auch gleich verwenden.

Die Hollywood-Schauspielerin Rosalind Russell war eine Ihrer Stil-Heldinnen – auch sie trug mit Vorliebe Pelz.
Oh ja, sie war hinreißend! Sie spielte immer diese Karrieremädchen, trug Silberfuchs-Boas, sprach an drei Telefonen gleichzeitig und hatte einen unglaublich langen Zigarettenhalter. Genauso wie ich mochte sie architektonische Kleider. Pauline de Rothschild und Millicent Rogers waren ebenfalls wunderbar gekleidet. Sie waren intelligent und hatten Fantasie! Aber Individualität ist leider eine vergangene Angelegenheit. Dabei bin ich mir sicher, dass die Leute sich nach Fantasie und Glamour sehnen. Deswegen war auch meine Ausstellung so ein großer Erfolg! Die Menschen haben nur Angst, Neues auszuprobieren, oder wissen nicht, wie sie es anstellen sollen. Man will alles augenblicklich, aber es ist nun einmal ein langer Prozess, seinen Stil zu finden, und man muss bereits als junger Mensch anfangen, sein Auge zu schulen. Stil ist in erster Linie eine Frage der Haltung. Es kommt nicht darauf an, was du machst, sondern wie du es machst. Ein Mensch ist ein Produkt aus so vielen verschiedenen Einflüssen – dann kann man sich doch auch gleich so kleiden, oder?

Sie sind inzwischen 92 Jahre alt, diskriminiert die Modeindustrie ältere Menschen?
Das tut sie. Und das ist ein gewaltiger Fehler, weil eine Menge des verfügbaren Einkommens in den Händen älterer Damen ab 65 ist. Die haben einen beachtlichen Teil ihres Lebens gelebt und wollen endlich shoppen gehen! Also gehen sie in die Läden – und finden absolut gar nichts. Erwachsene, gebildete Frauen werden eingeschüchtert, weil sie nur 15-jährige Models sehen, die makellose Haut haben, magersüchtig sind und obendrein noch retuschiert werden. Die jungen Mädchen tragen Klamotten, die eine Frau nicht tragen kann. Wie kann also eine intelligente Frau erwarten, so auszusehen? Das frustriert die Frauen und sie werden verrückt.

Und wenden sich an plastische Chirurgen?
Oh ja! Ich habe nichts gegen plastische Chirurgie, wenn du einen Unfall hattest, oder Gott dir eine Nase wie Pinocchio gegeben hat. Aber es gibt so viele wunderschöne Frauen, die sich ohne Grund aufschneiden lassen. Das ist wahnsinnig teuer, schmerzhaft und man weiß nie, was dabei herauskommt. Manche Leute sehen danach aus wie ein Gemälde von Picasso!

In der Modebranche ist es nun mal eine Sünde, alt zu werden.
Ich hatte nie ein Problem damit, das ist nicht erst so, seit ich 92 bin. Meine Mutter war da genauso. Es ist doch einfach natürlich. Wenn ich mein weißes Haar blond färbe, sehe ich trotzdem nicht aus wie 26. Und wenn ich mein Gesicht straffen lasse, macht mich das nicht zu einem Youngster. Also was soll der ganze Mist? Man braucht einfach genug Selbstvertrauen. Davon abgesehen: Natürlich sollte man nicht wie eine Schlampe herumlaufen, aber jedes Alter hat seinen Look. Man muss sich nur angemessen kleiden und den gesunden Menschenverstand einschalten. Aber je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass ein gesunder Menschenverstand keine besonders menschliche Eigenschaft ist.

Ist Stil zu einem großen Teil eine Frage des Geldes?
Im Gegenteil. Zu viel Geld kann sogar Verwirrung stiften. Stylisch zu sein hat nichts mit dem Kontostand zu tun. Wissen Sie, die stilvollsten Leute habe ich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Neapel gesehen. Sie hatten nichts und mussten hungern, sahen aber wahnsinnig toll aus. Die Art wie sie sich gaben! Viele der sogenannten einfachen Menschen haben ein fantastisches Stilempfinden. Ich muss es immer wiederholen – Fantasie ist einfach alles.

Sie sind bei allen Altersgruppen gleichermaßen beliebt. Stimmt es, dass sogar Lindsay Lohan Sie zu ihrer Modementorin machen wollte?
Tja, ich bin nun sehr »hot« oder »cool« oder wie man das sagt. Lindsay Lohan kam zu meiner Ausstellung, sie war ganz aufgeregt und wollte einige meiner unverkäuflichen Stücke erwerben. Dann ließ sie mir ausrichten, dass sie mich als Stylistin einstellen wolle, aber das ist ja ein ganz anderes Business. Ich bitte Sie, für so etwas habe ich nun wirklich keine Zeit!

Dieser Artikel entstammt SPEX N°351 – die Ausgabe kann, neben zahlreichen anderen Back-Issues sowie dem jeweils aktuellen Heft, versandkostenfrei im neuen SPEX-Shop bestellt werden.

Ein ausgestellter Dress von Iris Apfel
Abendkleid von 1985 (Lanvin), tibetischer Schmuck aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Zusammenstellung: Iris Apfel © The Metropolitan Museum of Art.