Irgendwer hat Pipi in den Augen – Blumfeld live in der Rückblende

Fotos: Philipp Kressmann

„Wellen der Liebe“: Elf Jahre nach ihrer Trennung und fast ein Jahr nach ihrem Auftritt beim Lieblingsplatte-Festival spielen Blumfeld erstmals eine Tour ganz ohne Jubiläumsanlass. SPEX war dabei.

Bei der „Love Riots Revue 2018“ steht am 26. Mai das ausverkaufte Kölner Gebäude 9 auf dem Plan. Ein altes Fabrikgebäude, das übrigens auch schon einmal totgesagt war – und bis heute nicht gestorben ist. Draußen trägt eine Frau einen Mini-Maibaum mit hellrotem Holzherz, auf dem in weißer Schrift „Jochen“ steht. Band-Exegeten diskutieren, ob die Band wohl bereits neues Material präsentieren wird, an dem sie angeblich gerade arbeitet. Spannung liegt in der Luft, Menschen in der ersten Reihe schmeißen sich halb auf die Bühne, um die Setlist abzufotografieren. „Merkst du, was ich merke? Wie sich Mystery und Hysteria und History verstärken?“

Neue Titel gibt es bei diesem Konzert aber noch nicht. Blumfeld spielen im stickigen und nahezu geschlossenen Raum Songs aus fast all ihren Alben, allein das letzte Werk Verbotene Früchte bleibt unberücksichtigt. Das Set beginnt überraschenderweise mit „Einfach so“, einem Solotitel von Distelmeyer. Es folgen „Von der Unmöglichkeit ‚Nein‘ zu sagen, ohne sich umzubringen“ und „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“ vom 1992 erschienenen Banddebüt Ich-Maschine, das die deutsche Sprache mit ihren eigenen Mitteln schlug.

Heute Abend klingen die Stücke viel geschmeidiger als in ihren Anfangstagen. Das liegt auch am filigran melodischen Bassspiel von Eike Bohlken, Gründungsmitglied wie Drummer André Rattay. Was hat Bohlken eigentlich gemacht, als Distelmeyer auf seiner Odyssee in den letzten Jahren Britney Spears gecovert hat? Logo, bei Hans Nieswandt über das Verhältnis von Bass und Politik referiert.

Nun steht auch Tobias Levin mit auf der Bühne, ein alter Weggefährte der Gruppe. Dann müssen die Gitarren gestimmt werden. Distelmeyer braucht dafür länger als geplant, das Publikum schaut selbst dabei gebannt zu. Absolute Stille. Dann bricht jemand das Schweigen und ruft: „Wie gut, dass ihr wieder da seid!“ Verdammt, wie sehr das doch stimmt.

Blumfeld sind zurück! Die Band, die eine intertextuelle Popsprache mit „Verkrampfungspotential“ (Frank Apunkt Schneider) erfand, das mit Wut im Bauch und Kafka-Gesamtausgabe im Schrank. Die Band, die Texte geschrieben hat, in denen Privates und Politisches miteinander verschmelzen. Gegen Nationalismus, gegen den Kleingeist, gegen das bloße Funktionieren. Texte, die selbst das Texten an sich mitgedacht haben. Oder wie Edo Reents es in SPEX 355 formulierte: Blumfeld beweisen, dass „der Popsong ein gewichtiges Statement sein kann, ohne plakativ zu sein“. In diesen Liedern kann man so viel wiederfinden: Ängste, Zweifel, Protest, aber ja, spätestens seit dem dritten Album Old Nobody auch Hoffnung und eine ganz unpeinliche Romantik. Gefühlt steht diese Platte neben einer Auswahl aus dem 2001 veröffentlichten Testament der Angst im Fokus des Abends.

was bedeutet „Schluss“ schon in der Sprache dieser wunderbaren Band?

Gerade das klingt 2018 erschreckend aktuell. Beweis? Die resignative, beinahe apokalyptische „Eintragung ins Nichts“. Oder die rumpelnden Riffs und tiefen Tasten in der „Diktatur der Angepassten“, einem der wohl dringlichsten und explizitesten Stücke, die diese Band jemals geschrieben hat. Distelmeyer singt hier gegen Konsumgesellschaft und Umweltzerstörung an: „Sie vergiften alle Flüsse, die Luft, den Boden und die Meere. Und tun so als ob nichts wäre, ich hab genug von ihren Lügen!“

Auf große Ansagen zwischen den Songs wird verzichtet. Wozu auch? Diese Musik spricht für sich selbst. Auch das hymnische „Wir sind frei“ hat es auf die Setlist geschafft. Wer das auf Platte (Jenseits von jedem) als schlageresk empfindet, verkennt den sozialkritischen, hier auch existentialistischen Unterton: „Wer frei sein will, hat keine Wahl, wir müssen uns entscheiden“. Kurz vor dem Refrain fordert Distelmeyer zum lauten Mitsingen auf und auch das macht Sinn.

Zwischendurch: Eine kurze Verschnaufpause. „Weiter so!“, brüllt jemand.  Kölsch-Fan Distelmeyer muss lachen, mit ihm dann der ganze Raum, bereits komplett vollgeschwitzt. Später philosophiert er über Giraffen-Hälse und deren große Herzen. Wie praktisch solche Dinger bei so einem Gig doch wären. Ein sinniger Diskurs, denn es ist wirklich extrem heiß.

Deswegen Hemdwechsel bei der mittlerweile schon zweiten Zugabe, Soloauftritt Distelmeyer. Der macht sich eine Zigarette an und singt zu sanften Beats „Tausend Tränen tief“. Dann taucht der Rest der Band erneut auf und stimmt langsam, aber immer lauter „Verstärker“ an. Allein dieses geduldig gesprochene Intro: „Merkst du was ich merke, wenn ich den Output verstärke?“

Blumfeld 2018: „Zeiträume neu im Sinn von weiter formulieren, um dann wie hier später bei dir zu sein.“ Gänsehaut, nicht enden wollende Rückkopplung inklusive. Viel Beifall, doch immer noch kein finales Goodbye: Die Gruppe erscheint noch einmal, spielt „Kommst Du mit in den Alltag“. Irgendwer hat Pipi in den Augen. Jochen bedankt sich, signalisiert, dass jetzt wirklich Schluss sei. Aber was bedeutet „Schluss“ schon in der Sprache dieser so wunderbaren Band?

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