Menschen auf der Verlaufskurve

Auf die Berlin-Techno-Serie »After Hours« folgt nun »Speaking in Code«, eine Dokumentation der Filmemacherin Amy Grill, in der Techno zwischen Berlin, Boston und Barcelona beleuchtet wird. Mit dabei: das Produzententeam Modeselektor, Monolake, die Bpitch-Control-Betreiberin Ellen Alien, die Musikjournalisten Philip Sherburne (Wire, Pitchfork) und Tobias Thomas (Spex), Kompakt-Chef Wolfgang Voigt sowie das Musiker- und Label-Kollektiv Freude am Tanzen mit The Wighnomy Brothers und Matias Kaden. »Speaking in Code« zeigen wir in Kooperation mit dem Berliner Videoportal 3min.de, im Interview berichtet die Regisseurin Amy Grill von den Herausforderungen während der Produktion, von den auftretenden Charakteren und ihrer persönlichen Motivation zu dem Film.


Modeslektor in »Speaking in Code«: Das Porträt eines Aufstiegs von kleinen Clubs in große Hallen
Still: © sQuare Productions 2010

Amy, was waren die schlechtesten Momente – abgesehen von deinen privaten Problemen mit deinem damaligen Ehemann und Produktionspartner David Day?
    Ganz banal: finanzielle Probleme.

Ist man als Dokumentarfilmer mit geringem Budget nicht besonders stark auf ein reibungsloses Funktionieren des Flugbetriebs angewiesen?
    Wir haben den Lebensstil eines DJs ziemlich exakt imitiert. Wir waren ständig auf Reisen, begleiteten DJs und Produzenten und wussten auch nicht immer um die genauen Termine und Set-Zeiten der einzelnen DJs. Wir mussten also ultraflexibel agieren. Als Dokumentarfilmer mit diesem Thema muss ich sowieso sehr offen gegenüber meinen Protagonisten umgehen, damit sie ebenso offen mit mir umgehen und ihr Leben mit mir teilen möchten. Eine strikte Planung würde dieser Herangehensweise widersprechen. Entfallende Interviews oder Flüge waren letztlich also kein Desaster, sondern ein Abenteuer. Diese Dokumentation spiegelt meine Liebe zu den Künstlern im speziellen und Techno im Allgemeinen. Warum sollte ich dies also beklagen?

Der Film zeigt dich verwurzelt in der Musik- und Club-Kultur, die in den meisten Fällen von Selbstorganisation, DIY und Experiment geprägt ist. Hast du dir den Dokumentarfilm selbst beigebracht oder eine filmische Ausbildung genossen?
    »Speaking in Code« ist meine erste Produktion in Spielfilmlänge, aber ich habe davor schon lange in der TV- und Filmbranche gearbeitet. Ich war Produktionsassistentin und Produzentin bei MTV und Comedy Central, habe im öffentlichen Fernsehen wie auch im Dokumentarfilm gearbeitet und dazu auch noch an der Universität Film gelehrt. Dort begann auch die Idee zu »Speaking in Code« in mir zu reifen. Die künstlerische wie zeitliche Freiheit und der Zugriff auf das Equipment gaben da den Anstoß. Dort arbeitete ich in Sachen Aufnahmen und Schnitt mit vielen meiner Studierenden zusammen – sie waren also maßgeblich an der Entstehung von »Speaking in Code« beteiligt. Ich war umgeben von äußerst kreativen, jungen Menschen, ohne deren Mitarbeit der Film heute sicherlich ein deutlich anderer geworden wäre.

Wie entstand die Idee für den Film, besonders für die große Konzentration für dich als Amerikanerin auf die europäische Club-Szene?
    Früher war ich nie auf Festivals in Europa, aber umgekehrt verspürte ich schon lange ein hohes Interesse an Künstlern und DJs, die aus Europa kommend in den USA spielten. Ich reiste letztlich durch das ganze Land, um Labelbetreiber und DJs zu treffen. Als ich dann realisierte, was meine grundlegende Motivation für den Film war – die Leidenschaft zu Techno und besonders die Sympathie für dessen Protagonisten –, waren die nächsten Überlegungen naheliegend. Ich wollte einen anderen Film machen, der von einzelnen Charakteren getragen wird und einen langen Zeitraum dokumentiert. Das ist natürlich nur möglich, wenn man Zugang zu der Szene und den Menschen hat.

Hast du Unterschiede zwischen den verschiedenen Szenen beobachten können? Gedreht wurde größtenteils in eurer Heimat Boston und in Berlin, aber auch in Jena bei Musik Kraus bzw. Freude am Tanzen sowie in Barcelona.
    Das interessante war zu merken, dass letztlich alle europäischen Protagonisten eine Verbindung zu unserer Szene in Boston hatten. Das waren letzlich weiche Bindungen, aber da David bei dem Musikvertrieb Forced Exposure arbeitete und wir darüber hinaus viele ihrer Shows promoteten, ließen sich darüber  gute Verbindungen herstellen, letzlich ein Netzwerk knüpfen. Noch bemerkenswerter finde ich aber, wie der Film in den verschiedenen Szenen rezipiert wurde: Miss Kittin und Ellen Alien waren beispielsweise sehr angetan von der Authentizität des Films. Aber abseits der großen Namen gab es durchaus ein unwohles Gefühl. »Speaking in Code« ist ein sehr erhrlicher, roh gefilmter und direkter Film, der die Feierkultur nicht glamouröser abbildet als sie tatsächlich ist – was bei einigen Produzenten merkwürdigerweise nicht gut ankam.

Wo wir beim Thema Ehrlichkeit sind: Was waren deine ersten Eindrücke, als du zum ersten Mal in Jena zu Besuch warst, der Heimat der Label-Kollektive Musik Krause und Freude am Tanzen?
    Jena empfing uns mit offenen Armen. Wir hatten mit Freude am Tanzen großartige Gastgeber, aber was mich dort genau erwarten würde, wusste ich natülich im Vorhinein nicht. Ich war positiv überrascht: Jena scheint ein absolut perfektes kleines Utopia für »Techno Love« zu sein. Die DJs und Produzenten aus Jena erschienen mir als sehr unkorrumpiert, unaffektiert von einer Szene oder von Coolness, völlig losgekoppelt von Erwartungen. Das empfand ich als äußerst erfrischend und recht einmalig.

Dieser Nähe am Menschen und Authentizität scheint sich »Speaking in Code« besonders verschrieben zu haben …
    Exakt. Für den Film wählten wir Menschen aus, die sich nicht einer bestimmten Coolness verschrieben, sich nicht verkauft haben. Ihre Liebe und Obsession zur Musik steht im Zentrum der Geschichte – und deshalb verzichteten wir bewusst auf die Stars von Techno. Natürlich sind Modeselektor mittlerweile enorm bekannt und erfolgreich, zum Drehbeginn waren sie dies aber bei weitem noch nicht. Der Film portraitiert Menschen auf einer Verlaufskurve: Einerseits diejenigen, die kurz vor dem Durchbruch stehen. Andere, die den Erfolg fürchten und sich damit hadernd zurückziehen. Das erscheint mir als sehr viel menschlichere und universelle Geschichte, und die man auch ohne Bezug zu Techno verstehen kann. Und glaub’ es oder nicht: Menschen, die Techno hassen, lieben diesen Film!

 

 

Wir zeigen die Dokumentation »Speaking in Code« in Kooperation mit dem Videoportal 3min.de auf Spex.de in Serienform. Der Start war am 26. Juli 2010, täglich folgt ein neuer Teil der Serie. Die DVD zum Film ist bereits erschienen. Weitere Serien zur Popkultur findet man ebenfalls auf Spex.de.

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.