Interview: Kinderzimmer Productions

Drei Jahre ist es schon wieder her. »Als wir unser letztes Album veröffentlichten«, erzählt Henrik von Holtum alias Textor, eine Hälfte des Hiphop-Duos Kinderzimmer Productions, »da wollte man tendenziell eher britische Gitarrenmusik, zur Entspannung für die Seele und die Nerven. Viele fanden die Platte gut, aber sie passte ihnen gerade nicht in den Kram«.

Inzwischen sieht es anders aus. Vertreter der ersten und zweiten deutschen Hiphop-Generation beziehen Stellung zu den zwiespältigen Entwicklungen der letzten Jahre. Auch im Kinderzimmer selbst gab es Veränderungen: Textor ist mit seiner Freundin nach Berlin-Kreuzberg gezogen, Produzent Sascha Klammt alias Quasi Modo blieb in Ulm. Ihre sechste gemeinsame Platte »Asphalt« bewegt sich schlüssig im Spannungsfeld zwischen großstädtischer Härte und provinzieller Verschrobenheit, beweist jedoch darüber hinaus einen überraschenden Mut zum Minimalismus, zur Reduktion und zur Eindeutigkeit.

Textor, du bist kürzlich von Ulm nach Berlin gezogen. Welche Auswirkungen hatte das konkret auf eure Zusammenarbeit?
    Textor: Wir haben dadurch zwangsläufig viele Dinge ausprobieren müssen, die sich als positiv erwiesen haben. Natürlich standen wir vor der Frage, wie man nun die Ideen transportiert.
    Quasi Modo: Dass lief zum Beispiel so, dass ich ein File bekam, wo er [Textor – Anm. d. A.] auf eine Pizzaschachtel klopfte und sagte: »So soll’s sein.«
    Textor: Früher habe ich eben Instrumentals bekommen und habe darauf geschrieben. Jetzt habe ich ihm gesagt: Pass auf, ich schreibe auf dieses rhythmische Schema, das muss ich nachher im Beat wiederfinden, damit ich da drauf passe. Eine Art Minimalanforderung.

Interessierst du dich für Berliner Untergrund-Rap?
    Textor: Das war jedenfalls kein Grund für die Entscheidung. Grundsätzlich ist Hiphop nach wie vor wichtig genug, dass es ein Grund hätte sein können, und ich bin auch wach genug sofort anzuspringen, wenn ich etwas spannendes entdecke. Der Umzug hatte aber handfeste Gründe, denn ich wollte mit meiner Freundin zusammenziehen, die weder in Stuttgart bleiben noch nach Ulm ziehen wollte. Wir wollten in eine große Stadt, also landete ich witzigerweise direkt in Kreuzberg, dem Stadtteil, über den K.I.Z. die ganze Zeit reden, und es ist spannend zu sehen, wie die Realität hier Hiphop imitiert.

Inhaltlich höre ich den Einfluss Berlins eigentlich nur auf »Geh Kaputt«.
    Textor: Ganz klar, die neue Situation. Nachbarn oben und unten, viel mehr Input und eben auch viel mehr Input, den man nicht will, dabei die Unfähigkeit zu Filtern und eine gewisse Aggression, die sich einstellt, wenn man ständig vollgepumpt wird mit Zeug, das man nicht braucht.

In »Das T« heißt es: »Wen interessiert, ob Rap fake oder echt ist / ich weiß, wann Rap gut oder schlecht ist« – zählt denn Authentizität nicht in jedem Künstlerentwurf?
    Textor: Schon. Aber »fake« und »echt« werden im Hiphop-Kontext meist nicht auf diesem Niveau verhandelt, sondern als schablonenkompatible Begriffe. Mir ging es eher darum zu sagen, dass die Maßstäbe, an denen bewertet wird, einfach viel zu eng sind. Die Frage nach dem »Keep it real« wird ja oft als Wirklichkeitsabgleich verstanden. Es kommt aber eher darauf an, ob man als Künstler in der Lage ist, etwas zu schreiben, was das Gefühl von Authentizität aufkommen lässt. Die künstlerische Leistung ist ja sogar dann größer, wenn man das Beschriebene eben nicht selbst erlebt hat.

Deshalb sagt MF Doom »Keep it unreal«, also: Erzähle etwas vollkommen verrücktes mit so viel Style und Swagger, damit es am Ende realistisch wirkt.
    Textor: Aber das sind Abstraktionsebenen, von denen die Leute, die wirklich guten Hiphop machen, oft gar nichts wissen. Das ist auch nicht notwendig. Nur wirkt so ein einfacher Satz in jenem Moment manchmal Wunder, wo etwas in Abrede gestellt wird und man versucht, etwas quadratisch und klein zu machen, obwohl es das gar nicht ist.

Man könnte den Albumtitel »Asphalt« ja auch als Stellungnahme zur neuen deutschen Härte im Rap verstehen, weil man die Straße »denen« eben nicht überlassen will.
    Textor: Man kann Asphalt natürlich einengen auf diese Begriffe von Straße oder Härte, dieses ganze Gran-Machismo-Ding. Aber uns ging es viel mehr um Asphalt als öffentlichen Raum: Eine Art Spielplatz, der nicht als solcher gedacht ist. In den Häusern bestimmen die Eltern, aber die Straße selbst ist der Raum, wo die Kinder erfahren und entdecken. Ich hatte bei dem Titel weniger einen urbanen Raum, als vielmehr eine Reihenhaussiedlung mit Garagen vor Augen. Das Schöne an Asphalt ist letztlich, dass er kein Gegner ist. Und genau so möchte ich den Titel auch verstanden wissen. Jemand, der mich angreift, ist ein Gegner, aber Asphalt ist einfach nur da. Das ist eine Fläche, auf der man agieren kann, und wenn man sich weh tut, dann ist man selbst schuld. Dafür kann Asphalt nichts. Ein Bergsteiger hat den Berg ja auch nicht zum Feind, und wenn doch, dann macht er einen Riesenfehler.

Gab es für das neue Album Schlüsselplatten, -genres oder -epochen, die euch die Richtung vorgegeben haben?
    Textor: Als »Asphalt« sich so langsam herauskristallisierte, habe ich zu Sascha gesagt: Du, ich habe Run-D.M.C. wieder gehört, und ich will irgendwas machen…
    Quasi Modo: …das eine Art Qualität in die Richtung hat…
Textor: …das diese Form von Härte hat. Keine »Ich bin ein harter Mann«-Härte, sondern eine Form von Eindeutigkeit und Haltung, direkt auf den Punkt.
    Quasi Modo: Mit dieser Information habe ich schon das Ausgangsmaterial ausgesucht, damit es klanglich nachher nicht zu weich, nicht zu schön, nicht zu poliert wird.
    Textor: Ich hatte ursprünglich die Idee, die Härte einer Platte wie »Radio« von LL Cool J aufzugreifen: Eine Kick, eine Snare und ein Sample in der Mitte. Aber ist einfach zu viel Public Enemy in uns, also wurde es dann schon noch voller und dichter und die Ästhetik ging damit eher wieder in Richtung frühe Neunziger. Wir können uns einfach nicht so stark reduzieren, dass wir nicht mal eine Bassline in einem Song haben.

Dein Rapstil hat sich stark weiterentwickelt: In »Will Fulfill« hört man Kane und Rakim, den ganzen Fast-Rap der späten Achtziger und frühen Neunziger.
    Textor: Wegen der ähnlichen Bassline hatte ich beim Schreiben tatsächlich »Don’t Sweat The Technique« [von Eric B. & Rakim – Anm. d. A.]) im Kopf. Generell hat Rakim mich bei dieser Platte wieder stark beeinflusst. Der Typ funktioniert wie ein Drummer, komplett auf den Punkt. Würde man die Silben durch Drumschläge ersetzen, wäre er immer im Takt. Darauf habe ich meine eigenen Verse überprüft und festgestellt, dass es schon funktioniert, ich aber schon verstehe, warum manche Leute meinen, mir wäre dieser Aspekt des Flows im Verhältnis zum Inhalt eher unwichtig. Diesmal habe ich aber versucht, die Stimme so stark wie möglich an das rhythmische Konzept anzugleichen. Wichtig für die Platte waren auch Method Man, GZA und Slum Village.

In den letzten Jahren hat sich in den USA eine musikalische Bewegung herauskristallisiert, die euch vom Ansatz und der Ästhetik her ähnelt: Ich spreche von Leute wie Madlib und MF Doom.
    Quasi Modo: Ich glaube, dass diese Ähnlichkeit eher zufällig ist, wobei ich nicht weiß, ob das möglicherweise von ähnlichen Bezugspunkten kommt.
    Textor: Ich glaube, dass unsere Art zu Diggen, der Zugriff auf Material sehr ähnlich ist, auch die Freude an Weirdness. DJ Shadow hat es ja mal so gesagt, dass er in den Plattenladen geht und die Platte mit dem blödesten Cover sieht – die ist es dann meistens. Dabei unterscheidet sich auch unser Diggin’ untereinander sehr stark, denn ich digge nach Stimmungen, Klangfarben und Mitten, während er [Quasi Modo – Anm. d. A.] nach Spuren, Drums und Frequenzen sucht.
    Quasi Modo: Ich höre mir an, wie »humanized« das ist, was der da spielt. Das ist mein Kriterium, und je stärker das erfüllt ist, desto mehr ist die Platte vielleicht zu gebrauchen. Wir benutzen ja keine Drumcomputer. Unsere Produktionsweise ist sehr traditionell, und ich interessiere mich eher dafür, diesen Stil weiterzuentwickeln und mit den neuen technischen Möglichkeiten noch komplexer zu gestalten.

Ihr gehört damit zu den wenigen deutschen Hiphop-Künstlern, die wirklich einen ureigenen Soundentwurf erschaffen haben. Ist das einem Verständnis geschuldet, das sich nicht fragt, was Hiphop ist, sondern was Hiphop alles sein kann?
    Textor: Ein hundertprozentiger Bull’s-Eye-Volltreffer. Wir haben Hiphop immer so verstanden, dass es darum geht, einen eigenen Klang zu entwickeln. Wir hätten das damals natürlich nicht so genannt, aber das ist der Kern, um den es geht: sich individuell darzustellen.

Dennoch fällt auf, dass andere Hiphop-Künstler eurer Generation augenscheinlich stärkeren Einfluss auf die nachfolgenden Generationen hatten. Reflektiert ihr das eigentlich in irgendeiner Weise?
    Textor: Man versucht zu verstehen, wie es passiert ist, und dabei versucht man auch die eigene Situation zu verstehen. Es gibt eben immer wieder Punkte, wo sich Rap verändert.
Zum Beispiel Moses Pelham, den keiner mochte, weil er Backpfeifen verteilt hat, aber sein technisches Niveau war bis dahin unerreicht. Ihm ist es erstmals geglückt, amerikanische Komplexität auf deutsche Sprache zu übertragen. 1998 war auch so ein Schicksalsjahr: Die »Bambule« von den Beginnern war die Blaupause für alle Produktionen der nachfolgenden Zeit, bis schließlich Berlin einsetzte. Ich denke, dass wir immer Platten gemacht haben, die ein gewisses Qualitätsniveau halten, aber wir haben nie eine Platte gemacht, die für andere als Blaupause genommen wurde, um die eigene Arbeit zu überprüfen. Aber so war das bei mir selbst eben auch: De La Soul sind für mich im Gesamtspektrum eine der konsequentesten und nachvollziehbarsten Gruppen, aber ich habe nie versucht, ihren Stil zu imitieren. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass gewisse Leute uns vielleicht in einem ähnlichen Kontext sehen.

Euch hat man gerne das Label des »Alternative Hiphop« übergestülpt, aber als Alternative zu Hiphop habt ihr euch nie verstanden, oder?
    Textor: Als Krücke sind solche Begriffe in Ordnung, als Beinersatz eher nicht. Ich bin bereit zu akzeptieren, dass Menschen sich leichter tun, wenn ihnen solche Begriffe eine gewisse Orientierung verschaffen. Ich wehre mich aber dagegen, Begriffe aus dem Rock’n’Roll wie »Independent«, »Mainstream« oder eben auch »Alternative« auf Hiphop zu übertragen. Denn ich glaube, dass sich Hiphop den Rock’n’Roll-Klischees im Bereich der Darbietung schon viel zu weit angepasst hat.

Bei euch spürt man stets so eine Verpflichtung zur Haltung, zum Beziehen eines Standpunktes, gleichzeitig aber auch eine Angst vor eindeutigen Aussagen.
    Textor: »Etwas zu sagen zu haben«, das wird immer viel zu wörtlich verstanden. Hiphop war ja lange auf der Suche nach Themen. Den Versuch, Härte und Realität in die Musik zu bringen, um amerikanischem Druck standzuhalten, habe ich nie kapiert. Wie sollte man sich etwas Globalem nähern und dabei nicht komplett scheitern? Es sei denn, man ist jetzt in seiner ganzen Verfassung schon als Bob Dylan angelegt und bereit, mit der Unschärfe der Parolen zu leben, die man da produziert. In dem Moment, wo ich versuche, einen Satz mit Ausrufezeichen zu sagen, bekomme ich Schwierigkeiten (lacht). Ich eröffne immer auch die Option zum Zweifel.

Wobei die Dicke-Eier-Pose auch zu Hiphop gehört und auf euren letzten beiden Platten stärker hervortritt. Es wird eben nicht mehr alles permanent hinterfragt. Eine Frage des Alters?
    Textor: Ich glaube, dass die Positionen durch das jahrelange Nachdenken schon recht klar und gefestigt sind. Die Grundlage allen Handelns ist Glauben. Ich kann glauben, dass die Menschheit ein Pestgeschwür am Arsch des Universums ist. Das ist zu beweisen, das ist kongruent und danach kann ich leben und handeln. Trotzdem kann ich dastehen und muss es nicht glauben. Ich treffe die Entscheidung, etwas anderes zu glauben. Nur für die Strecke zwischen meiner Annahme und dem Ergebnis kann ich garantieren, und darauf liegt das Selbstvertrauen. Daran lasse ich mich messen, auf der Grundlage können wir diskutieren. Wenn ich in diesem Bereich einen Fehler mache, bin ich bereit, ihn zu korrigieren und sehe mich dadurch auch nicht in meiner Existenz gefährdet. Und die Dicke-Eier-Pose ist, wenn sie gut gemacht ist, ein riesengroßer Spaß. Dieses ganze Liebhaben kann ich nicht mitmachen. Ich brauche mehr Spannung in der Sache. Im Hiphop kannst du »Fuck« sagen und damit 17 Milliarden Dinge glaubhaft ausdrücken. Wo geht das sonst?


Das siebte Kinderzimmer Productions-Album »Asphalt« erscheint am Freitag, 22. Juni (Kinderzimmer Recordings / RTD)

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