Zwingen Epidemien wie Covid-19 die Menschheit, über die großen Probleme nachzudenken – und große Lösungen zu finden? Dr. Ariane Schröder forscht zum historischen Verhältnis von Kultur und Krankheit und sagt: kurzfristig ja, langfristig nein.

„Man kann Epidemien nur zusammen mit der jeweiligen Kultur denken, in der sie stattfinden“, sagt Dr. Ariane Schröder (Illustration: dp)

SPEX: Frau Dr. Schröder, wie haben Epidemien die Kultur im Verlauf der Jahrhunderte geprägt?

Dr. Ariane Schröder: Vielmehr ist es umgekehrt. Man kann Epidemien nur zusammen mit der jeweiligen Kultur denken, in der sie stattfinden. Wie wir Epidemien wahrnehmen, basiert hauptsächlich darauf, wie wir Kultur wahrnehmen und wie unsere Werte aussehen. Wir haben gerade eine Dominanz des medizinischen Diskurses zu Covid-19, was natürlich richtig ist. Allerdings ist es wichtig festzuhalten, dass die Medizin nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern in einem bestimmten kulturellen Umfeld, das bedingt, wie sie forscht. Und teilweise auch, zu welchen Ergebnissen sie kommt.

Gibt es da konkrete historische Beispiele?

Unser ältestes Verständnis von Epidemien hat natürlich einen religiösen Hintergrund. Es passiert etwas, alle werden krank und niemand weiß, was genau abgeht. Das muss der Zorn der Götter sein. Was macht man also? Opferrituale, um die Götter zu besänftigen. Bei der großen Pest im Mittelalter setzte sich das in Europa im kirchlichen Rahmen fort. Einerseits wurde die Epidemie als göttlicher Zorn wahrgenommen, was zu extrem religiösem Verhalten wie etwa Selbstgeißelungen führte. Andererseits fragte man sich, ob nicht irgendjemand für das Geschehen verantwortlich sein könnte. Das führte zu dieser Zeit zu ersten Pogromen gegen jüdische Gemeinschaften, weil es hieß, die hätten die Brunnen vergiftet.

Wie haben sich diese Erklärungsmuster verändert, als Gott mit dem Anbruch der Neuzeit immer weniger wichtig wurde?

Andere Erklärungsmuster gab es eigentlich schon seit der Antike mit der Miasmenlehre, also dem Verständnis, dass es etwas mit der Atmosphäre, der Luft, der Umwelt oder schlechten Gerüchen zu tun haben muss, wenn viele Leute gleichzeitig krank werden. Man dachte, man müsse aktiv werden, die Straßen reinigen beispielsweise. Dinge also, die man heute mit Hygienemaßnahmen verbinden würde. Im 19. Jahrhundert verschob sich dann etwas mit Koch und Pasteur, also dem Aufkommen der Bakteriologie: Nicht mehr der Raum wurde als verseucht gesehen, sondern einzelne Menschen, die Keime in sich tragen und diese weitergeben.

Interessant ist, dass die Miasmenlehre bereits eine starke soziale Komponente hat. Denn wo sind die Bedingungen schlecht, wo gibt es keine Abwasserentsorgung? Bei den Ärmsten. Halten Epidemien einer Gesellschaft also immer unerbittlich einen Spiegel vor?

Ja. Wobei man sagen muss, dass das Miasma nicht im selben Maß gesellschaftszersetzend wirkt wie der Begriff der Ansteckung. Denn damit kommt ins Spiel, dass man sich durch direkten Kontakt mit anderen infizieren kann.

Eine frühe Form des othering sozusagen.

Ganz klar. Denn das impliziert, dass eine Abgrenzung passieren muss. Und das ist es, was diesen unerbittlichen Spiegel ausmacht. Dass epidemische Ereignisse zeigen, dass wir bestimmte andere Leute als Gefahr begreifen und das Ich immer als gesunden, guten Richtwert. Dass eine Gesellschaft die Menschen, die sie als Minderheiten begreift, für ihre Erkrankung zur Verantwortung zieht, wirft ein Brennglas auf die allgemeine Verfassung dieser Gesellschaft.

Es geht also um den Schutz der Gesunden und weniger um den der Erkrankten?

Grundsätzlich ja. Ich nenne das in meiner Arbeit hierarchy of care. Gerade mit Blick auf die USA, die ja über ein sehr fehlerhaftes Gesundheitssystem verfügen, zeigt sich das ganz deutlich: Das Ungleichgewicht wird durch das System verschleiert. Es wird gerne so dargestellt, als käme eine Epidemie über alle zugleich – wie der mittelalterliche Sensenmann.

Das Argument, dass die Coronakrise ein „großer Gleichmacher“ sei, hört man ja auch dieser Tage immer wieder. Ich halte das übrigens für ganz großen Unsinn.

Ist es auch. Denn die Bedingungen, unter denen die Menschen einer Epidemie begegnen, sind völlig unterschiedlich. Sauberes Wasser, Gesundheitsversorgung, die Möglichkeit, ohne Probleme im Homeoffice zu arbeiten. Es geht da ganz konkret um eine Klassenfrage.

Kann man historisch festmachen, an welchen gesellschaftlichen Trennlinien entlang bestimmte Epidemien verliefen?

Das kommt auf die Epidemie an. Fast immer ist es jedoch race, vor allem in den USA.

Aktuell ist race in den USA auch wieder Thema. Aforamerikaner_innen stellen nur 12 Prozent der US-Bevölkerung, aber 42 Prozent aller Covid-19-Erkrankten im Land. Ähnliches gilt für die Todesrate.

Das kommt ganz klar durch strukturellen Rassismus. Im Gesundheitssystem, klar. Aber auch außerhalb. Schlechte Verhältnisse führen zu schlechter Ernährung, die wiederum zu Übergewicht und Diabetes und damit zu einem erhöhten Risiko, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Da hat der Erreger leichtes Spiel.

Die übergreifenden Themen von Epidemien sind historisch immer schnell wieder in den Hintergrund gerückt“

Zwingen solche Ereignisse die Menschheit, über die großen Fragen nachzudenken? Bei der Pest dachte man über das Verhältnis zu Gott nach, bei Tuberkulose und Cholera im 19. Jahrhundert über die Lebensbedingungen von Arbeiter_innen zu Zeiten der industriellen Revolution.

Zynisch beantwortet: Kurzfristig ja, langfristig nein. Zum Zeitpunkt eines Ausbruchs, gerade wenn sich eine Epidemie etwa in der Arbeiterklasse ausbreitet, sieht die Mittel- und Oberschicht eine Gefahr für ihre Gesundheit und ergreift Maßnahmen, die kurzfristig die Lebensbedingungen der Unterschicht verbessern. Die verbesserte Abwasserversorgung in Philadelphia ist etwa so ein Beispiel, das direkt auf die Gelbfieber-Epidemie von 1793 folgte.

Aber diese Maßnahmen waren von kurzer Dauer?

Es gab selbstverständlich Reaktionen, von denen die Allgemeinheit auf Dauer profitierte, beispielsweise von Impfstoffen. Aber generell muss man sagen, dass die übergreifenden Themen schnell wieder in den Hintergrund rückten. Alle Menschen müssen die gleiche medizinische Versorgung genießen? Gilt in den USA bis heute nicht.

Stattdessen gelten in den USA vor allem andere Länder als Gefahr.

Was nicht etwa dazu geführt hat, dass man die Bedingungen dort verbessert hätte. Stattdessen investierte man massiv in sogenannte health surveillance, also eine weltweite Überwachung von möglichen epidemiologischen Krisenherden oder die Forschung an noch unentdeckten Erregern, die für sich genommen extrem gefährlich ist.

Umgekehrt gefragt: Gibt es eine historische Korrelation zwischen Epidemien und repressiver Politik?

Im ersten Moment ist jede Reaktion auf Epidemien repressiv, Quarantäne zum Beispiel. Das ist auch legitim. Problematisch wird es, wenn dieser Zustand anhält und nur Teile der Bevölkerung betrifft.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Auf Hawaii gab es mal ein großes Problem mit Lepra, in dessen Zuge in den 1860er-Jahren Leprakolonien etabliert wurden. In denen wurden aber nur native hawaiians interniert – und zwar lebenslang, ohne Recht auf Rückkehr. Da ging es einerseits darum, die weiße Bevölkerung Hawaiis zu schützen. Aber auch darum, den auf den Inseln produzierten Zucker für weiße Amerikaner_innen auf dem Festland weiterhin „kaufbar“ zu halten, weil die fürchteten, dass der Zucker den Erreger enthalten könnte. Die letzten, die die betreffende Halbinsel verlassen konnten, taten dies in den 1960ern. Obwohl man schon um 1900 Menschen auf den Erreger testen konnte. Und längst wusste, dass Lepra nur sehr schwer übertragbar ist.

Wenn man darauf ausgeht, dass die jeweils aktuelle kulturelle Situation die Ausgestaltung von Epidemien bedingt: Wie formt die Gegenwartskultur in den USA denn gerade Covid-19?

Es gibt eine Politisierung der Epidemie, wie ich sie nicht erwartet hätte. Zumindest vor 2016 nicht. Donald Trump ist zwar auch nur ein Symptom für eine größere Gemengelage, aber dieser Mann versucht einfach alles politisch für sich zu nutzen. Was mich dabei wundert: dass eine schnellläufige Epidemie, also eine, die sehr schnell große Teile der Bevölkerung betrifft, das Gegenteil der AIDS-Epidemie sozusagen, in diesem Maße politisiert wird. Und dass daran die Spaltung der US-Gesellschaft noch weiter voranschreitet. 

Sie sind Literaturwissenschaftlerin. Wenn man auf die Künste in Kontext von Epidemien blickt, gibt es ein übergreifendes Motiv, wie die Literatur, die Musik, der Film auf solche Ereignisse reagiert haben?

Nicht wirklich. Das hat wieder damit zu tun, dass sich die Kulturräume historisch verschoben haben und damit auch die Wahrnehmung und Verarbeitung von Epidemien. War die eher religiös geprägt, sah man natürlich die Bilder vom Sichelmann, der alle ummäht. Später hatte es viel damit zu tun, ob die jeweilige Epidemie als Phänomen wahrgenommen wurde, das alle in einer Gesellschaft betrifft. Ich würde sagen, das war meistens nicht so.

Wieso?

Weil wir historisch viel öfter chronische Verläufe hatten, also Seuchen, die langsam verliefen und nur einen gewissen Teil der Gesellschaft betrafen. Wie etwa die AIDS-Krise. Die wurde in den USA lange Zeit als Nischenphänomen gesehen, als etwas, das die 4-H group, also Haitianer, Hämophile, Heroinabhängige und Homosexuelle etwas angeht – und die anderen nicht. In diesem Narrativ lag auch ein gewisser Versuch, Panik abzuwenden. Das sehen wir dieser Tage ganz ähnlich mit dem Narrativ, dass Covid-19 nur für ältere Menschen gefährlich sei.

Und was bedeutet das für die Künste?

Nun ja, direkt betroffene Menschen, wenn wir mal beim Beispiel AIDS bleiben wollen, entwickeln einen ganz anderen Blick auf Themen als Leute, die höchstens peripher betroffen sind. Dabei kommen dann solche Kulturprodukte heraus wie der Spielfilm Philadelphia, für den mit Ronald Nyswaner ein Betroffener das Drehbuch geschrieben hat. Im Film geht es zwar darum, Empathie mit AIDS-Kranken zu evozieren, aber der Betroffene selbst ist niemand, der etwas bewirken würde. Es ist der von Denzel Washington gespielte Anwalt, der für ihn eintritt und an dem gezeigt wird, wie er seine Scheu und seine Abneigung gegenüber dem homosexuellen Mann überwindet. Das ist ein ganz anderes AIDS-Narrativ als das von Larry Kramer, der The Normal Heart geschrieben hat, ein Theaterstück, das anklagt, dass die homosexuelle Community in New York City in der Krise mit ihren Nöten absolut alleingelassen wurde. Das sind zwei völlig verschiedene Sichtweisen auf dieselbe Epidemie zur selben Zeit.

Die wirkliche Auseinandersetzung kommt oft erst im Nachklapp nach zehn Jahren“

Übergreifende Motive sind also für schnell und zeitlich begrenzt um sich greifende Krankheiten reserviert?

Ja. Und ich hoffe, dass Covid-19 auch zu diesen gehört. Wobei das auch wieder mit der gesellschaftlichen Reaktion, also dem kulturellen Klima zusammenhängt. Etwa dem Rassismus, den es aktuell gegenüber asiatisch aussehenden Menschen gibt, oder jetzt in China gegenüber Europäer_innen. Aber nicht so drastisch wie etwa in der AIDS-Krise, als eine ganze Gruppe auf einen Schlag suspekt wurde.

Sie denken also, dass Covid-19 keinen besonderen künstlerischen Abdruck hinterlassen wird?

Schwer zu sagen. In der Geschichte wollte man oft nicht mehr über eine Epidemie reden, sobald ein Mittel zur Eindämmung gefunden war. Das fällt mir bei AIDS auf, und es wirkt fast so, als könnte auch Covid-19 so ein Fall sein. Vielleicht wird am ehesten eine Art kurzzeitiger Hedonismus kommen, wenn alles vorbei ist. Wir reden ja jetzt schon alle darüber, was wir alles machen wollen, wenn die Sache vorbei ist. Die wirkliche Auseinandersetzung kommt oft erst im Nachklapp, nach zehn Jahren oder so. Und es bleibt natürlich abzuwarten, was die Folgen davon sein werden, dass sich viele Künstler_innen jetzt in den virtuellen Raum zurückziehen mussten, um überhaupt produktiv sein zu können. Aber auch das alles ist wieder sozial bedingt: Einige können die Zeit wunderbar nutzen, andere wiederum, wenn sie etwa kleine Kinder haben, nicht.

Die Coronakrise wird oft mit der Spanischen Grippe von 1918 verglichen. Wie reagierte die Kulturproduktion denn auf die?

Die war marginal. Als einziger spezifischer Text dazu fällt mir jetzt Pale Horse, Pale Rider von Katherine Anne Porter ein, eine kurze Novelle, in der sie ihre eigene Infektion beschreibt. Ansonsten gibt es da fast nichts. Woran das liegt, weiß ich nicht. Vielleicht, weil man erstmal nicht zurückdenken wollte. Oder es war der Tatsache geschuldet, dass im betreffenden Jahr gerade ein Weltkrieg zu Ende gegangen war und die Leute schlicht andere Sorgen hatten.

Wie kommt es dann zu einer kulturellen Überhöhung einer Krankheit, wie es etwa mit der Tuberkulose im 19. Jahrhundert der Fall war? Zeitgenössische Kritiker_innen sorgten sich ja damals, dass die Kunst nach dem Sieg über die Tuberkulose nie wieder so genial würde sein können wie zuvor. Was passierte da?

Im 19. Jahrhundert sind 25 Prozent aller Menschen an Tuberkulose gestorben. Die Krankheit führte in der damaligen Gesellschaft aber keinesfalls zu Panik, anders als etwa Gelbfieber. Das lag daran, dass viele Erkrankungen schleichend verliefen, die Symptome waren weniger akut als etwa bei Lepra oder hämorrhagischen Fiebern. TB-Erkrankte sterben über Jahre, während sie immer schwächer werden. Und da kommen wir zu den Künstler_innen. Sicher, viele normal arbeitenden Menschen hatten die Krankheit auch, aber die mussten weiter zur Arbeit gehen, was meist nicht lange gut ging. Künstler_innen hingegen waren in einer Position, dass sie keiner anderen Tätigkeit nachgehen konnten, was zu einer Art Freiheit führte, die sie für ihre Produktion nutzen konnten.

Und über diesen Umweg galt Tuberkulose irgendwann als schick?

Genau, irgendwann ging dieser Umstand in die Mode ein, wobei es da deutliche Gender-Unterschiede gibt. Bei Männern war es der besagte Geniekult, bei Frauen geht es um Ästhetik. Das Schönheitsideal mit dem engen Korsett etwa geht auch auf eine Auszehrung zurück, die durch Tuberkulose kam. Oder ein weißes Gesicht mit roten Wangen. Die Leute hatten schlicht oft Fieber. So kam es zu einer Poetisierung der Krankheit. Und Tuberkulose lässt sich einfach leichter verklären als eine Krankheit mit hässlichen Verlauf.

Und heute? Mir kommt es vor, als wären zumindest wir im Globalen Norden in den letzten Jahrzehnten vor allem durch Spielfilme wie Contagion oder Outbreak mit Epidemien in Kontakt gekommen.

Filme wie Outbreak verorten den tödlichen Erreger dabei immer im Dschungel, also einem für unsere westlichen Augen exotischen Ort. Das ist für unser Narrativ ganz wichtig, denn damit ist es das andere, kein Teil von uns. Sondern etwas, das eingeschleppt wird aus fremden Welten, bei Outbreak von diesem Äffchen. Ähnliches gilt für Contagion, in dem am Ende ein großes Narrativ aufgemacht wird mit Abholzung, einer Fledermaus, die ein Stück Banane verliert, das von einem Schwein gefressen wird, das dann in die Stadt transportiert und von einem Koch zubereitet wird, der es dann ohne Hygienemaßnahmen Gwyneth Paltrow die Hand gibt. Die hygienische Fehlleistung des asiatischen Kochs ist also der Auslöser für die Misere.

Aber mal abgesehen von dem rassistischen Motiv klingt das doch nach der Diskussion, die wir gerade führen.

Klar, Globalisierung, Abholzung, diese ganzen Komplexitäten kommen alle auch irgendwie vor. Deshalb würde ich auch sagen, dass Contagion der wesentlich bessere Film für die aktuelle Situation ist. (lacht)

Ein Unterschied zwischen beiden Filmen ist, dass in Outbreak ein einzelner großer Held die Sache am Ende regelt.

Es ist ein apokalyptisches Narrativ mit einem Retter. Und das funktioniert bei Pandemien schlicht nicht, was die Message problematisch macht. Beide Filme tragen übrigens nicht dem Fakt Rechnung, dass wir auf absehbare Zeit mit Viren wie Sars-CoV-2 werden leben müssen. Da ist am Ende immer alles wieder gut. Dass das nicht so ist, realisieren wir erst ganz langsam.

Dr. phil. Ariane Schröder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Amerikanistik an der Universität Potsdam. Sie forscht zu den Themen Biokulturen, Körpertheorie und der Kulturgeschichte und Repräsentation von Seuchen.