Wie sieht Bühnenkunst in Zeiten von „Social Distancing“ aus? SPEX sprach mit Annemie Vanackere, Intendantin des Berliner Hebbel am Ufer, über Theaterproduktion im digitalen Raum.

Doch, es gibt ein Kulturleben mit Covid-19 – sogar bald wieder ein öffentliches. Während in Berlin die Galerien und Museen in Berlin schon bald schon wieder öffnen werden, bleiben Theater, Clubs, Opern und Kulturstätten nach aktuellem Stand aber noch bis 31. Juli geschlossen. Bittere Zeiten für die darstellenden Künste. Trotzdem reagierten viele Theaterhäuser, nicht nur in Berlin, schnell auf den Corona-bedingten Lockdown – manche, unter ihnen das Theaterkombinat Hebbel am Ufer (HAU), sogar sehr kreativ. Annemie Vanackere ist seit 2012 künstlerische Leiterin des HAU. Mit SPEX hat sie über den Sinn und Unsinn von Theater-Streaming, die Finanzierung von Online-Kunst, neue Körperbilder und Ikonografien gesprochen.

Die Belgierin Annemie Vanackere ist seit acht Jahren Intendantin des HAU (Foto: Dorothea Tuch).

SPEX: Frau Vanackere, als die Covid-19-Pandemie in Deutschland endgültig losbrach und kurz darauf der Lockdown begann, lief im HAU ein Festival mit fast prophetischem Titel: „Spy on me#2. Künstlerische Manöver für die digitale Gegenwart“. Wie haben Sie den Ausbruch der Krise erlebt?

Annemie Vanackere: Das Zusammenfallen der Krise und des lange geplanten Festivals hat die Zeit sehr besonders gemacht. Wir wollten in unseren Veranstaltungen ohnehin über die digitalisierte Gegenwart nachdenken, über die Wahrnehmung vieler Menschen, eher von Großkonzernen als von Politiker_innen regiert zu werden, und darüber, was die Digitalisierung mit unseren Wünschen und unserem Begehren macht, unseren Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeiten. Die Eröffnungsproduktion war eine Kooperation zwischen den kanadischen Gruppen STO Union und Carte Blanche, die etwa eine Woche vorher angereist sind. Schon am Tag nach ihrer Ankunft mussten wir ihnen sagen, dass es nicht so aussieht, als ob sie vor Publikum spielen könnten. Nach ersten Überlegungen, ihre Premiere per Livestream zu retten, haben die Gruppen dann selbst entschieden, schnell nach Hause zu fahren, weil sie die Erfahrung einer Pandemie durch SARS in den Jahren 2002 und 2003 kannten. Dann haben wir rasend schnell mit allen Beteiligten des Festivals geschaut: Was können wir online übertragen?

Und wie hat es geklappt?

Es war ein Experiment, wir mussten uns technisch schnell sehr anders aufstellen. Aber etwa der Eröffnungsvortrag von James Bridle, aufgenommen in seinem Wohnsitz in Griechenland, war toll – und wurde über 3.000 Mal angehört. Auch die Arbeit „Collectivize Facebook“ von Jonas Staal und Jan Fermon haben wir retten können. Wenn schon nicht als Liveevent, so aber zumindest als online veröffentlichte Anklage. Auch die Gruppe dgtl fmnsm hat großartig mit uns gearbeitet. In anderen Fällen geht das nicht so unkompliziert. Die geplante Werkschau der Choreografin Ligia Lewis konnte leider nicht stattfinden, was ein großer Verlust ist. Sie ist Hals über Kopf zurück nach Los Angeles geflogen, weil sie dort Familie hat. Wir haben uns entschieden, keine Stücke zu streamen, weil wir das Medium nicht adäquat finden, und darüber hinaus auch ein bisschen traurig. Stattdessen haben wir nun einen kleinen Film von ihr und ein Interview publiziert.

Sie nannten Streaming gerade „traurig“. Warum?

Ich hatte mal einen Professor, der behauptete, die Vorstellung werde in den Köpfen der Zuschauer_innen und nicht auf der Bühne gemacht. Wenn man auf einen Bildschirm schaut, springen die gemeinsamen Funken nicht über. Die Reaktionen des Publikums, aber auch der Gang ins Theater an sich, in Begleitung oder allein Teil eines gemeinsamen Moments zu sein, in dem sich alle konzentrieren, ob sie mit dem Bühnengeschehen einverstanden sind oder nicht: Das macht jeden Abend anders. Die soziale Textur wirkt im Theater viel stärker als etwa im Kino. Aber vielleicht ist „traurig“ trotzdem nicht das richtige Wort für Streaming. „Traurig“ ist es vor allem, darüber nachzudenken, dass wir – wenn wir denn wieder öffnen können – vermutlich Veranstaltungen für ein Viertel unseres Publikums abhalten müssen, um die Abstandsregeln einzuhalten.

Die Digitalisierung ist seit Jahren gesellschaftliche Realität. Warum brauchte es erst eine Krise, um Institutionen zu bewegen, reine Digitalangebote mitzudenken?

In Berlin, wo ich lebe, sind die Veranstaltungshäuser meistens voll, der Ausgehdrang der Einwohner_innen ist groß. Und ich selbst würde mir auch nicht sofort ein Konzert auf dem Laptop anschauen, wenn ich auch die Möglichkeit hätte auszugehen. Auch jetzt bin ich neugierig, wie viele Menschen sich tatsächlich eine Theateraufführung von A bis Z online anschauen würden. Selbst ein Vortrag von James Bridle, der nur eine Stunde dauert, schauen sich die meisten nur eine halbe Stunde lang an.

So richtig gut funktioniert es also nicht, wenn Bühnenveranstaltungen einfach eins zu eins online übertragen werden?

Vielen Institutionen ging es mit ihren Streaming-Angeboten nach Beginn der Krise vor allem darum, schnell zu vermitteln: Wir sind noch da! Wir leben, wir arbeiten, und wir sitzen nicht nur zuhause. Ich verstehe diesen Tatendrang, wir sind es schließlich alle gewohnt, permanent zu produzieren. Aber weil uns nichts anderes übrig bleibt, als uns mit dieser neuen Realität erst einmal zu akkommodieren, werden sich die Institutionen neu aufstellen müssen. Jetzt ist es an der Zeit, zu fragen: Welche Angebote sind im digitalen Raum überhaupt sinnvoll? Da werden nun Dinge passieren müssen, die interessanter sind als Streams von Performances.

Tiefgreifende Krisen haben nachgewiesenermaßen direkten Einfluss aus die Kulturproduktion. Wie verändert sich das Theater gerade durch Covid-19?

Für die Antwort muss ich einen Schritt zurückgehen: Das HAU ist ja ein interdisziplinäres Haus. Als direkte Reaktion auf die Krise haben wir den fantastischen Text von Paul B. Preciado, „Vom Virus lernen“, als erste Institution in deutscher Sprache veröffentlicht. Ein wichtiger Text. Und auch der Podcast mit dem Evolutionsbiologen Rob Wallace zur Reihe „Burning Futures“ hilft, über Erklärungen für die Ausbreitung des Coronavirus nachzudenken.

„Wenn man auf einen Bildschirm schaut, springen die gemeinsamen Funken nicht über“

Sie haben mit Formaten reagiert, die bislang nicht zum Kerngeschäft eines Theater- beziehungsweise Veranstaltungshauses zählten.

Die große Herausforderung für die darstellenden Künste ist es gerade, mit dem „Physical Distancing“ umzugehen – einen Begriff, den ich übrigens sehr viel richtiger als „Social Distancing“ finde. Gerade auf den Tanzbereich wird sich das stark auswirken, wenn es nicht gerade um Solo-, sondern um Gruppenstücke geht. Da werden wir einige künstlerische Manöver entwerfen müssen. Wir werden neue Ideen brauchen, wie wir einander berühren und andere Körperbilder, überhaupt Bilder entstehen lassen können. Das erwarte ich zumindest. Gleichzeitig hoffe ich natürlich, dass wir einander bald wieder näher kommen können.

Man wird sich also etwas einfallen lassen müssen, um Körperlichkeit im nicht-körperlichen Raum stattfinden zu lassen.

Genau. Es liegt vielleicht an meiner philosophischen Prägung, aber ich kann Geist und Körper gar nicht voneinander trennen.

Nun könnte man argumentieren, dass der Streaming-Aktionismus die Theater- und Konzertbranche vor dieselbe Herausforderung stellen wird wie die Medienlandschaft: Wer einmal vermittelt, Kultur im Netz stehe gratis zur Verfügung, kriegt den Geist schwer zurück in die Flasche – und treibt die Prekarisierung von Kunstschaffenden voran.

Das stimmt. Ich bin selbst noch ein bisschen hilflos, wenn es darum geht, über den finanziellen Aspekt nachzudenken. Die Gruppe Forced Entertainment zum Beispiel hat ihre Premiere, die bald stattfinden sollte, selbst verschoben – auf einen Termin in einem Jahr. Auch, weil die Gruppe nicht zum Proben zusammenkommen kann. Mit denen sind wir ins Gespräch gekommen, um statt der Aufführung ein Onlineangebot zu entwickeln. Das wird stattfinden, und wir bezahlen sie natürlich auch dafür. Trotzdem haben wir uns entschlossen, das Ergebnis gratis zu übertragen. Gerade jetzt mag das richtig sein, aber auf Dauer ist das keine Lösung. Ich habe vergangene Woche mal Kolleg_innen gefragt, was sie für Onlineangebote zahlen würden, um mir überhaupt erstmal ein Bild zu machen.

Wie handhaben Sie es denn mit Künstler_innen, die Ihre aktuellen Onlineangebote mitgestaltet haben? Das HAU ist zwar ein öffentlich gefördertes Haus, aber für immer können auch Sie ja nicht auf den fehlenden Einnahmen sitzenbleiben.

„Spy On Me#2“ etwa war ein vom Hauptstadtkulturfonds gefördertes Projekt. Die Corona-Krise hat uns so überfallen, dass wir alle Künstler_innen, die beteiligt waren, ganz normal bezahlt haben. Viele geplante Formate waren eher experimentell und hatten niedrigschwellige Eintrittspreise von etwa fünf Euro, deshalb war das schon in Ordnung. Und wir konnten auch sparen – weil viele Truppen gar nicht erst angereist sind und keine Hotels brauchten. Diese fehlenden Ausgaben haben den Mangel an Einnahmen kompensiert.

Wie könnte es künftig laufen?

Der Senat hatte angekündigt, dass bis zum 19. April keine Veranstaltungen stattfinden dürfen – also waren auch wir in der Lage, die Honorare auszubezahlen. Danach hat es jetzt für uns Priorität, erst einmal mit den Künstler_innen und Gruppen, die in unserem Programm bis Juni präsent sind, eine gute Kompensationsstrategie zu entwickeln. Das geht einerseits um Ausfallhonorare, aber auch um Sondierungen, ob sie etwas Digitales auf die Beine stellen können. Zum Beispiel sprechen wir mit She She Pop über eine Telefonversion deren letzten Stücks „Kanon“. Diese Arbeit können wir dann natürlich auch bezahlen.

Was halten Sie gerade für die wichtigere Leistung des Theaters: Eskapismus gegen den Lagerkoller zu bieten – oder eine gemeinsame Auseinandersetzung mit der aktuellen Krise anzuregen?

Beides zusammen ist mir wichtig. Nach der Lektüre des Preciado-Texts war ich total inspiriert. Andererseits erwarte ich, dass das Online-Gruppentreffen „End Meeting For All“, das die Gruppe Forced Entertainment gerade plant, unglaublich witzig sein wird. Hier funktioniert der Ton nicht, da guckt eine Person dauernd weg aus dem Bild, weil sie ein Kind betreuen muss, Katzen und Perücken spielen eine Rolle … Zugleich werden wir in die Abgründigkeit der neuen Ikonografie, mit der wir gerade konfrontiert sind, regelrecht hineinfallen.