케이프 (Cape) alias Lukas und SA RA   FOTO: Matthias Heiderich

Morgen findet das Torstraßen Festival statt. Es lohnt, früh zu kommen, u.a. für das Duo  케이프 (Cape). Ein Interview über den Wunsch, geometrisch zu sein, und Musik als angewandte Studien.

케이프, Sie haben gerade zwei neue Stücke veröffentlicht, »DOWN« und »TOMORROW«. Wie sind diese entstanden?
Beide Lieder sind das Ergebnis eines Aufenthalts in Dessau, den wir mit dem Hören von Caribou und anderer geometrisch wohlgeformter Musik verbrachten. Aufgenommen haben wir sie mit zwei von uns verehrten und bewunderten Personen: Yule FM und Mr. Austin Brown.

Tatsächlich beanspruchen Sie ja, die Ideen des Bauhaus auf die Musik zu übertragen. Wie und wo haben Sie sich zuvor mit dieser Theorie auseinander gesetzt?
Wir wurden verstärkt auf das Bauhaus während unserer Studien Israels aufmerksam. Dort hatte es einen sehr großen Einfluss. Nehmen Sie etwa die Kibbuz Bewegung oder Tel Aviv, eine Stadt mit der weltweit größten Anzahl von Häuser im Stile des Bauhaus, besonders die Weiße Stadt! Sie ist so schön wie das gesamte Land.

Dem Bauhaus haben Sie die erste der zwei Grundregeln Ihrer Band entnommen: »Form follows function!«, was schließlich in einem »endlosen Spiel der Permutationen« münden soll. Kommen Sie beim Schreiben Ihrer Lieder auf immer wieder auf die selben Kernelemente zurück bzw. gibt es sogar den einen Protosong?
Unsere Stücke bestehen aus unterschiedlichen Modulen, die wir zunächst formal zusammenfügen, um dann mit ihnen zu spielen bis wir die gewünschte Form für ein Lied erhalten. In diesem Sinne können Sie jedes 케이프-Lied einen Protosong nennen, da sie alle der gleichen Logik folgen.

Obwohl Ihre zweite Grundregel lautet: »Learn from the old masters!«, listen Sie mit Claire Boucher alias Grimes auch eine sehr gegenwärtige, neue Künstlerin unter Ihren Einflüssen. Das finde ich besonders interessant, denn als ich Boucher vor Erscheinen ihres Albums Oblivion traf, nannte sie wiederum Purity Ring als ihre größte Inspiration – eine Band, die damals gerade mal zwei Songs ins Netz gestellt hatte. Wie singulär und neu kann eine Idee sein, um in Ihre Arbeiten einzugehen?
In Kategorien wie »Zeit« denken wir nicht. Für uns zählt einzig das, was in Aufruhr versetzt. Gefällt uns die Form dieser oder jener Musik? Wenn wir auf einem Blog ein Lied finden, das wir mögen, hundertmal im iTunes abspielen und uns OMG-Nachrichten dazu hin und her schicken, dann wissen wir, dass es perfekt ist. Für gewöhnlich zerlegen wir einen Song in Kleinstteile und fügen sie dann in unsere Musik ein. 케이프-Stücke sind codierte Texturen aus unseren Idolen. Wir glauben nicht an Originalität, wir preisen unsere Meister und betrachten unsere Musik als Produkte unserer Studien. Dieser Meister kommen übrigens auch aus der Design-Welt und Literatur. Würde unsere Musik eines Tagen klingen wie Comme des Garçons Hüte, Vladimir Karaleevs Kleider, Kazuyo Sejimas House in a plum grove oder Leif Randts Leuchtspielhaus, wir wären glücklich.

Auch das koreanische Kino und Fernsehen der 90er beeinflusst Sie. Welche Stimmung und Ästhetik spricht Sie dort an?
Eine rührselige und kitschige, die süchtig macht. Eine dieser Tennybopper-Serien, für die sich SA RA besonders begeisterte, hieß wortwörtlich übersetzt »Stern in meinem Herzen«. Sie handelte von einem traurigen Waisenmädchen, das von seiner bösen Adoptivmutter und deren Tochter drangsaliert wird, dann aber taucht ein anscheinend super cooler Popstar-Typ auf und verliebt sich in sie. Natürlich gibt es Komplikationen, Missverständnisse, bis er dann ein Lied namens »Für immer« singt und so weiter und so fort. Diese zwanghaften TeengirlBoy-Träume von einer außergewöhnlichen Romanze kanalisieren wir etwa im unseren Lied »Anyong«.

Das Stück singen Sie, SA RA, auf Koreanisch. Worum geht es? Außer, Hallo zu sagen.
Anyong heißt auch: Auf Wiedersehen! Der Song handelt davon, sich zu verlieben, unbewusst den Verstand dabei zu verlieren, und das dann wiederum bewusst zu realisieren.

Kopf: Was ist Ihr Livekonzept? Körper: Wie fühlen Sie sich auf der Bühne?
Wir lieben es, unsere Musik zu zeigen. Aus reiner Freude. Wir sagen uns immer: Das hat Spaß gemacht! Wir benutzen Visuals, um die Farbe und Form unserer Musik zu betonen. In unsere Grafiken blenden wir dann sich geometrisch bewegende Wallpaper ein. Wir wollen uns selbst formen und reden oft darüber, wie wir noch geometrischer auf der Bühne werden können.

Das Torstraßen Festival, bei dem Sie morgen auftreten, thematisiert neben der Musik auch stark die lokalen Strukturen und die Kultur Berlins – nicht unbedingt, um in den Marketingkanon um die Stadt einzustimmen, sondern weil Berlin eben die Umgebung des Festivals darstellt. Wir erleben Sie die Stadt?
Wir lieben Berlin. Wir spüren, dass die Stadt immer mehr eine richtige Stadt wird. Alles vermischt sich stärker. Viele netten Menschen sind hier her gezogen und eine großartige experimentelle Musik- und Pop-Szene befindet sich im Aufstieg. Es gibt eine neue Schule, die Berliner Schule. Nehmen Sie nur Dan Bodan, EASTER, Alexander Winkelmann, Lood Mahamoti, Experimental Housewife, Hush Hush oder Touchy Mob: Das ist wie bei Portlandia, wo sie sagen, Portland sei die Ort »where young people go to retire«. Das fühlt sich hier genauso an. Man kann machen und spielen wie und was man will.

케이프 spielen um 14:45 im CCCP. Außerdem treten u.a. PTTRNS, Isis Salam, EASTER, Saroos und K-X-P beim vom SPEX präsentierten Festival auf. Alle Infos hier. Bereits heute Abend, ab 19 Uhr, wird unter der Leitung von Jens Balzer im Ackerstadtpalast über die »Musikkultur in Berlin-Mitte« diskutiert. Der Eintritt ist frei. Festivaltickets gibt es noch hier.