Interstellar – Hinterm Ereignishorizont geht’s weiter

Christopher Nolan, der Retter des Blockbuster-Kinos, hat nach seiner Batman-Trilogie einen Weltall-Western gedreht. Interstellar ist zugleich Familiendrama, Physikunterricht und ein Aufruf an alle Pioniere: Ab ins All!

»It fucks with the fabric of time.« Das sagte Tony Visconti einst zu David Bowie, als der wissen wollte, wie ein Harmonizer funktioniert. Christopher Nolan darf man sich wie einen Harmonizer-Effekt fürs Kino vorstellen. Was Bowies Produzent Visconti so knackig beschrieb, das macht Nolan mit dem Stoff, aus dem die großen Hollywood-Storys sind. Er sucht immer wieder nach neuen Wegen, den Rohstoff Zeit zu manipulieren, koste es, was es wolle. Im Normalfall kostet es sehr viel an erzählerischem Aufwand, an Gedankenspielen, an visuellem Einfallsreichtum sowie ein dreistelliges Millionenbudget.

Nach den Traumzeitverschiebungen in Inception bemüht Nolan in Interstellar Astrophysik und Relativitätstheorie, um seine Verwicklungen verschiedener Zeitebenen zu entfalten. Zunächst aber bemüht er den drohenden Weltuntergang. Planet Erde ist kaputt, eine Reparatur könnte teuer werden, vielleicht unbezahlbar. Was liegt da näher, als Lichtjahre entfernt neuen Lebensraum zu erobern?

Nolan hält sich mit dem Hintergrund der Katastrophe nicht lange auf, schließlich wollte er keinen Umweltthriller drehen, sondern Wurmlöcher, fremde Planeten, Singularitäten, explodierende Raumstationen und zerdehnte Zeitblasen filmen. Trotzdem ist bemerkenswert, wie Nolan das irdische Schreckensszenario zeichnet: Die New York Yankees absolvieren ihre Spiele in einem Hinterwaldstadion, auf das nicht mal ein 3000-Seelen-Kaff stolz wäre, und dann zwingen auch noch regelmäßige Sandstürme zum Spielabbruch. Der urbane Raum ist endlosen Feldern gewichen, trotzdem werden Lebensmittel immer knapper, als nächstes ist der Sauerstoff dran. Wer den Hunger überlebt, kann sich auf einen Erstickungstod freuen, heißt es.

Die Welt ist in einen Zustand der Gutmenschenverblödung regrediert. Der scheinbar global herrschende Frieden wurde zum Preis von Lügen erkauft – am schlimmsten ist jene, die besagt, die US-Mondlandungen seien ein genial inszeniertes Propagandaschauspiel gewesen, mit dem Ziel, die UdSSR beim Wettlauf ins All in den finanziellen Ruin zu treiben.

Mit solchen Lügen kann einer wie Matthew McConaughey natürlich nicht leben. Cooper – einen Vornamen bekommt McConaugheys Held nicht, selbst seine Kinder nennen ihn Coop – war Astronaut, bevor er zu einem Dasein als Maisbauer verdammt wurde. Mithilfe seiner Tochter – sie ist nach Murphy’s law benannt und wird Murph gerufen, was so liebevoll klingt wie Schafsgeblöke – entdeckt Cooper den geheimsten Ort auf der Erde, nämlich die Zentrale seines ehemaligen Brötchengebers, der NASA. Hier arbeitet Professor Brand (Michael Caine) an der Rettung der Menschheit. In einer fernen Galaxie wurden erdähnliche Planeten ausgemacht, Cooper soll den Weg dorthin via Wurmloch erkunden, und Nolan darf im Zuge dieser »Mission Lazarus« immer wieder an seinem Harmonizer-Effekt herumfummeln und die Zeit verbiegen.

Nolan bedient ein uramerikanisches Erzählmuster. Interstellar ist ein Weltall-Western. Der Film erzählt eine Frontier-Geschichte, in der die Gegner der Pioniere abstrakt bleiben und Gravität, Relativität oder auch Sentimentalität heißen. Der Film bespielt dabei ganze fünf Dimensionen und bricht das Thema von Untergang und Überlebenskampf – wird Coop es schaffen, die Menschheit zu retten? – zugleich auf eine Frage der Kernfamilie herunter: Wird Coop es schaffen, zu Murph zurückzukehren?

Diesem ziemlich altbackenen Konflikt trotzen Regie, Kamera und die Tricktechnikabteilung wunderbare Schauwerte ab. Die Szenen im All sind in einer Laut-leise-Dynamik komponiert, die einem den Atem nimmt, wenn da im luftleeren Raum plötzlich eben nichts mehr ist (und sogar das Orgel-Crescendo-Dauerfeuer aus Hans Zimmers Musikfabrik kurzzeitig aussetzt).

Mitunter wirken die Bilder auf der IMAX-Leinwand derart großartig und groß, als könnten sie ihre eigene Bedeutung nicht ganz fassen. Oder als wären sie den Geldgebern bei den Vorab-Screenings irgendwie durchgerutscht. Die Lösung aller Probleme der Menschheit – ein schwarzes Loch? Ein enormer Klumpen aus kollabierter, komprimierter Masse, dem nichts entweichen, in den man noch nicht einmal hineinsehen kann – ausgerechnet in diesem Nichts soll das Geheimnis unserer Rettung verborgen sein?

Achtung, Spoiler: Leider ist das Schlussbild von Interstellar nicht etwa Matthew McConaugheys Sturz in ein schwarzes Loch. Aber es wäre eines gewesen, das zu einem Regisseur passt, der einen Superhelden wie Batman als bemitleidenswerte Kreatur zeigt, der nicht anders kann, als einen sinnlosen Kampf weiter zu kämpfen. Es hätte gepasst zu einem Film, dem es manchmal gelingt, Emotion, Ratio, Philosophie und Religion in einem einzigen Punkt zu verdichten. Aber über ein mögliches fatales Ende im schwarzen Loch triumphiert in Interstellar letztendlich der Wertekanon des Kleinbürgertums. Familienbande sind stärker als alles andere; Liebe ist die einzige Kraft, die alle Dimensionen übersteigt und überdauert, eine absolute Macht, der keine Relativität etwas anhaben kann.

Natürlich ist das eine Qualität von Nolans Filmen: Ihre Bildgewalt hebelt spielend jede physikalische Gesetzmäßigkeit aus. Hinterm Ereignishorizont geht’s weiter. Und immer weiter. 169 Minuten lang – die sich gerade im Finale von Interstellar ziemlich zerdehnt anfühlen.

Interstellar ist ab Donnerstag, den 6. November, im Kino zu sehen. SPEX verlost 3 x 2 Tickets für die Vorführung am 12. November um 20:15 Uhr im CineStar IMAX Sony Center in Berlin. Teilnahme per E-Mail bis zum 10. November mit dem Betreff »Interstellar« sowie dem vollständigen Namen an: gewinnen@spex.de

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