Interpol – So ein Bildungsroman-Ding

Zwischen dem 17. und 28. August werden Interpol die voraussichtlich letzten Deutschlandkonzerte zu ihrer aktuellen Platte El Pintor absolvieren. Außerdem stehen noch drei Festivaltermine an. SPEX präsentiert die Tour und verlost Tickets. Vorab: Das komplette Interpol-Feature aus SPEX N° 355.

Am Anfang ihrer Karriere waren Interpol die Strokes für Menschen mit echten Problemen: geschniegelte und gehypte New Yorker, die sich im Großstadtleben aufbrauchten und mit ihrem inzwischen kritisch-historisch verewigten Debütalbum Turn On The Bright Lights eine fast vergessene Form der Rockmusik wiederbelebten. Musikalisch hat die Band danach schnell stagniert. Auf der fünften Interpol-Platte El Pintor bringt Sänger Paul Banks aber eine persönliche Entwicklung zum Abschluss, die ihn endlich so reif erscheinen lässt, wie seine Band vom ersten Song an klang. Das wird auch seine Tante freuen.

Eigentlich sollte dieser Artikel davon handeln, dass die Gruppe Interpol immer schlechter wird. Mit ihrem Debütalbum Turn On The Bright Lights war den New Yorker Verlegenheitsstundenten Paul Banks, Daniel Kessler und Carlos Dengler sowie dem spät hinzu gestoßenen Profischlagzeuger Samuel Fogarino vor zwölf Jahren eine Rockplatte über junge Männer in der Stadt gelungen, die bis heute unerreicht exakt erscheint: der seltene Fall einer Band, die sofort einen Plan hatte und genau diesen Plan umsetzte, Spiegelstrich für Spiegelstrich. Interpol ließen einen das spüren. Turn On The Bright Lights war überlegen, hedonistisch und hinterhältig. Die Band kleidete sich der Situation angemessen, ihr Auftreten war immer distanziert, manchmal arrogant. Eher zufällig fing das zur Zeit der Anschläge bereits fertig geschriebene Album außerdem die Fassungslosigkeit und Verunsicherung ein, die New York nach dem elften September überall dort ergriffen, wo united we stand nicht zum Einschlafen reichte. Das Erschöpfte und Zermürbte, die Flucht ins Misanthropische, das alles schien in die DNA von Turn On The Bright Lights einprogrammiert. Danach kam nicht mehr viel.

Interpol veröffentlichten Album zwei, drei und vier, mit Dengler verloren sie ihren tollkühnsten Denker. Was am Anfang unbeirrbar wirkte, wirkt inzwischen schon mal ratlos. Die Band hat sich an Nuancen abgearbeitet, Ideen vom Kleinen ins Kleinste ausziseliert. Es ist ihr aber nie gelungen, sich vom Sound des Debüts zu emanzipieren. Jeder ihrer Songs könnte auf jeder ihrer Platten sein. Selbst die Solo-LPs von Sänger Banks klingen immer wie abgespeckte Interpol-Alben. Man ärgert sich darüber, vor allem, weil es der Band anscheinend nichts anhaben kann. Ihre Verkäufe sind stabil, die Hallen bleiben gleichgroß. Solange sie nicht wollen, brauchen Interpol ihre Entwicklung auch nicht in Frage zu stellen. Also: aufs Interview vorbereitet, harte Fragen überlegt, alte Alben abgehört. Und dann festgestellt, dass die Platten von Interpol besser sind als die Erinnerungen an sie. Vielleicht wird die Band gar nicht schlechter, nur komplizierter. Weil scheinbar alles so offensichtlich ist. Eine sehr gute Rockband, die sehr gute Rockmusik macht.

Fangen wir an bei Paul Julian Banks: Paul Julian Banks findet, dass Interpol immer besser werden. Anfang Juli sitzt er auf dem Balkon eines Berliner Gentlemen’s Club und raucht Zigaretten, die mal einem Mitarbeiter seiner Plattenfirma gehört haben. Er sei ein bisschen knatschig, sagt er. Gestern war eigentlich off day, aber Banks musste die ganze liegen gebliebene Arbeit alleine machen: den Schnitt des Videos zur neuen Single All The Rage Back Home und eine Reihe von Telefoninterviews, deren Verlauf ihn rückblickend mit leichter Besorgnis erfüllt. Banks trägt ein dunkelblaues Adidas-Polo, charakterstarke Anzugschuhe und natürlich Sonnenbrille. Er sieht aus, als befände sich jeder Teil seines Körpers in einem anderen Tagesabschnitt. Zumindest sein streng gescheiteltes Haar wird aber echt immer besser.

Das fünfte Album von Interpol heißt El Pintor, im September kommt es raus, und bis jetzt macht es einem den gleichen Ärger wie Antics 2004, Our Love To Admire 2007 und Interpol 2010. Alles an der Platte ist unverkennbar. Der geometrische Gitarrenstil von Kessler, voller Hexagon-, Zylinder- und Parallelogrammmelodien, virtuos zu Songs konstruiert, Hauptsache viele Ecken. Schlagzeuger Fogarino, ein echter Könner und verkappter Rap-Fan, der, meistens unbemerkt, einen Schwierigkeitsgrad höher spielt als er müsste. Letztlich Sänger Banks, noch immer mit seltsam einfühlsamer Stimme-Gottes-Stimme, als Neubassist jedoch ganz Songdiener, ohne das Draufgängerische von Dengler, dem zeitweise einzigen Rockstar an seinem Instrument. Alle Lieder sind aus dem selben Material, das erste klingt nicht nach Opener, das letzte nicht nach Abschluss. Die Stimmung ist interpolrot. Tadellose Platte, aber soll das jetzt wieder fünf Jahre dauern, bis sie einem gefällt?

Banks schlägt vor, es mal so zu sehen: »Die Songs auf Turn On The Bright Lights waren bei ihrer Veröffentlichung auch schon ein paar Jahre alt. Daniel hat viele davon bereits vor der Gründung von Interpol geschrieben. Es war ein ungewöhnlich reifes Debütalbum, und ich denke, man konnte das hören: In diesen Songs hatte schon jemand gelebt.« Daraus ergaben sich zwei Schlüsseleigenschaften von Turn On The Bright Lights, die selbst sehr gute Rockbands nur selten zusammenbringen. Die Platte klang sofort vertraut, aber sie klang auch dringend, wie etwas, das Interpol loswerden mussten. Sie war reif, Banks sagt es ja selbst. Dass sie auch zur Bürde werden könnte, sah er früh kommen: »Vor dem Album kannte die Welt nur unser Schweigen. Dann gaben wir ihr diese Sounds, und dadurch musste sich alles verändern. Wir wussten sofort, dass sich jeder weitere Sound anders anfühlen würde.«

Für El Pintor versteht sich das von selbst: Es ist das erste Interpol-Album ohne Dengler, der sich vor allem auf den beiden Vorgängern zu einer Allzweckwaffe an Bass und Tasteninstrumenten aufgeschwungen hatte und für die Arrangements der immer sehr zaghaft eingesetzten Bläser und Streicher verantwortlich war. »Besonders während der Interpol-Sessions schrieb Daniel totale Leftfield-Songs«, findet Banks. »Carlos zerrte sie mit seinen Ideen dann noch weiter nach links. Es war quasi ein Experimentalalbum zweiten Grades.« Umso erstaunlicher, dass Denglers Fehlen auf El Pintor keinen einschneidenden Unterschied macht. Brandon Curtis, Mitglied der texanischen Spacerockband The Secret Machines, spielt an seiner Stelle Keyboard, auf ähnlich raumgreifende Weise. Den Rest der Leerstelle schließen Interpol, indem sie noch enger zusammenrücken, die Stücke noch kompakter halten. »Daniel wollte es so«, sagt Banks: »Songs schreiben, die man auf Anhieb versteht.« Bands reagieren so, wenn sie sich neu sortieren. Interpol merkten: »Die Fabrik funktioniert noch.«

»Fabrik« ist ein typisches Banks-Wort, »Formel« ist noch eins. Jede Band hat ihre eigene Formel, glaubt der Sänger. Es müssten schon größere Dinge passieren, um sie davon abzubringen. Nun gibt es in der Interpol-Formel aber nicht so viel Platz für Variablen, es lässt sich nicht viel umstellen, die Band hatte von Anfang an alles entschlüsselt. Kessler schrieb die Songs, Dengler zerrte sie nach links, Banks sang sie mit seiner alles begradigenden Stimme wieder ein Stückchen zurück nach rechts. Dass dabei nie kilometerlange Distanzen zurückgelegt wurden, zeigt Denglers kaum spürbare Abwesenheit auf El Pintor. Nach 17 Jahren, fünf Platten und einer Bassistenflucht spricht vieles dafür, dass Interpol sind, wer sie sind: eine sehr gute Rockband, die den Sprung von OK Computer zu Kid A nicht mehr versuchen wird. »Unsere Alchemie würde auch andere Herangehensweisen zulassen«, glaubt Banks. »Aber bisher gab es keinen Grund, die Formel zu verändern.«

Vielleicht ist es deshalb besser, man betrachtet die Geschichte von Interpol nicht als Entwicklung einer Band, sondern als Entwicklung ihres Sängers. Banks, inzwischen 36, war immer das Mitglied, das die Überlegenheitsgefühle von Interpol am überzeugendsten vorlebte. Auf der Bühne bewegte er maximal Arme und Mundwinkel, in Interviews sagte er Sätze wie: »Langeweile ist der Motor jeder Kreativität.« Bis zur dritten Platte lief das so, dann hat sich Banks ein bisschen entspannt. Heute ist er fast freundlich, kann sich an Langeweile gar nicht mehr erinnern und wird, zu seinem eigenen Erstaunen, ein immer größerer Menschenfreund. »Niemand«, glaubt er, »liegt auf dem Sterbebett und sagt: ›Hätte ich doch bloß mehr gearbeitet.‹ Wenn das Leben zu Ende geht, wünschen sich die Menschen, sie hätten mehr Zeit mit ihrer Familie verbracht. Ich rufe mir das hin und wieder ins Gedächtnis, aber ich muss auch sagen: Als Künstler messe ich meine Lebensleistung an den Dingen, die ich erschaffe. Also brauche ich Zeit für mich selbst. Ein echter Künstler will nicht ständig von seiner Tante besucht werden.«

Der Texter Paul Banks textet nicht über den Menschen Paul Banks, da ist er sich immer sicher gewesen. Interpol-Lieder handeln von Großstadtmenschenbeziehungen, wie die Musik war auch ihre Sprache von Anfang an eigen, ein bisschen gestelzt, bestimmt von seltsam kalten Beobachtungen und Metaphern. Banks ließ schon auf Turn On The Bright Lights und Antics gerne den Zyniker raushängen. Es gibt keine genügsame Zweisamkeit in seinen Texten, dafür viel Abschätzen und Ausnutzen, Konflikte und kaltblütiges Konfliktmanagement. Für die gute Sache kämpfte auf beiden Platten niemand. »Mein Psychiater würde Ihnen zustimmen«, sagt Banks und findet das nicht lustig. »Dabei singe ich nur über das, was ich sehe. In New York winkt Ihnen ein Fremder fröhlich von der anderen Straßenseite zu. Dann kommt er rüber und raubt Sie aus. Diese Dynamik zwischen den Menschen in der Stadt, zwischen den Opfern, Opportunisten und versteckten Raubtieren, ist noch immer sehr inspirierend für mich.«

Auf Our Love To Admire drohten Banks‘ Betrachtungen zum ersten Mal ins Absurde abzudriften. Zu den beschriebenen Berechnungen gehörte nun auch noch ein Koksproblem in Tony-Montana-Dimensionen: So ergab sich eine Toller-Hecht- und Frauenverschleißrhetorik, die man eher aus dem Rap kennt, der großen unerfüllten Musikliebe von Banks. Wer glauben will, dass Interpol abgehobene NYC-Ärsche sind, findet in diesem Album sein Evangelium. »Es war eine chauvinistische Platte«, gesteht Banks, »aber mehr noch ging es mir um so etwas wie surrealistisches bravado. Im HipHop sind die Prahlereien ja oft total ernst gemeint. Ich dachte mir eher, ich ziehe jetzt mal richtig vom Leder, aber ich mache das auf so eine komische, überzeichnete Weise, damit es die Leute komplett verwirrt.«

Dem Album Interpol blieb nach diesen Versuchen erst mal nur die Opferperspektive. Banks‘ Texte drehten sich um die selben Machtspielereien wie bisher, legten aber  eine erstaunliche Wehleidigkeit an den Tag. Nach den reißerischen Gesten von Our Love To Admire fiel es schwer, diese Wendung nicht unvorteilhaft auf den Sänger selbst zu beziehen. Zum ersten Mal dachte man, dass im schönen Anzug auch ein armes Würstchen stecken könnte. »Jeder hat irgendwann so eine Phase, in der es gut tut, sich für den Größten zu halten«, sagt Banks. Früher wäre der Song hier zu Ende gewesen, heute fügt der Sänger hinzu: »Je schneller man aber Bescheidenheit lernt, umso besser wird es einem auf lange Sicht gehen.«

Mit El Pintor wird die Sache nun endgültig zu so einem Bildungsroman-Ding. Banks legt gleich wieder los mit einem seiner He-said/she-said-Szenarien, die Situation ist festgefahren wie gehabt, aber schon die ungewöhnlich leichtfüßige Musik in All The Rage Back Home nimmt eine Befreiung vorweg, die im weiteren Verlauf des Albums vollzogen wird. »It’s time for a change of heart«, heißt es ein Lied später: Die Hörner sind abgestoßen, plötzlich gibt es auch mal Lösungen, die nicht nur einem nützen. Interpol kommen damit nicht gleich zu einem gefühlsduselig emphatischen Album, aber zumindest zu ihrem emphatischsten. Für Banks hat auch das mit Bescheidenheit zu tun. »Erfolg beruht immer auf vorherigem Versagen. Wer sich von seinen Niederlagen zerstören lässt, ist einfach nicht demütig genug. Ich habe das auf die harte Tour gelernt. Vielleicht hört man es unseren Liedern ja an.«

Die Geschichte ist damit zu Ende erzählt, Interpol könnten sich jetzt eigentlich auflösen. Wenn dann Reunion ist in fünf oder zehn Jahren, wird man wahrscheinlich auch begreifen, was einem die ganze Zeit gefehlt hat.

Dieser Artikel stammt aus SPEX N° 355. Das Heft ist versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

SPEX präsentiert Interpol live
17.08. Dortmund – FZW
25.08. Wiesbaden – Schlachthof
26.08. Stuttgart – Theaterhaus
Außerdem
14.08. – 16.08. Highfield Festival
21.08. – 23.08. Dockville Festival
20.08. – 22.08. Frequency Festival

Wir verlosen 2×2 Tickets für die Shows in Dortmund, Wiesbaden und Stuttgart. Zur Teilnahme an der Verlosung genügt eine E-Mail mit vollständigem Namen und Adresse an gewinnen@spex.de. Einsendeschluss ist Freitag, der 3. Juli.

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