Interpol „Marauder“ / Review

An manchen Stellen schleicht sich tatsächlich so etwas wie Lebensfreude in den puristischen Indie-Rock von Interpol ein. An anderen wird an alten Wunden geleckt. Mit Marauder besinnt sich die Band auf ihr Kerngeschäft. Was auch sonst?

Zuletzt hing Paul Banks mit RZA ab, die beiden spielten zusammen Schach und nahmen ein Album auf. Während sich die Wu-Tang-Legende bei den folgenden gemeinsamen Konzerten Schampusduschen gönnte, konzentrierte sich Banks, der wohl auch im Bett Anzug trägt, still und streberhaft auf seine Gitarre. Aber augenscheinlich hat Banks dabei doch noch was dazugelernt. Auf dem sechsten Album seiner Band Interpol, auf dem er auch als Beatbauer fungiert, schleicht sich tatsächlich so etwas wie Lebensfreude ein. Marauder hat mehr Schwung, versucht sich gelegentlich an einem zaghaften Swing und bleibt dabei dem erdigen Sound seines Vorgängers El Pintor treu.

Das nötige Kontrastprogramm zur jugendlichen Schluffi-Euphorie der Strokes

Man könnte jetzt über Details und den Einfluss von MGMT- und Flaming-Lips-Alumni Dave Fridmann diskutieren, der als Produzent die Schaffenswelt der New Yorker neu ordnen durfte, über die Perkussion in „Surveillance“, die flirrenden Klangebenen in „Party´s Over“, den dezenten Noise in „Stay In Touch“ oder den überdreht knurrenden Bass in „NYSMAV“. Das ist allerdings nebensächlich, denn Interpol besinnen sich mit Marauder auf ihr Kerngeschäft puristischen Indie-Rocks, getragen von Gitarrenriffs im Sirenenmodus und Banks Stimme, die in ihren besten Momenten wieder klingt wie Kermit der Frosch.

Das klingt auch fast zwei Jahrzehnte später noch wie das nötige Kontrastprogramm zur jugendlichen Schluffi-Euphorie der Strokes. Dafür wirken die Texte nun teilweise greifbarer, sollen autobiographisch geprägt sein. Durch viele Songs schleicht sich der Marauder, den Banks sich als isolierte und verwundbare Figur vorstellt, wie er auf einer Pressekonferenz in Mexiko gestand. Gleichzeitig ist Aufrichtigkeit ein Thema, was auch das Cover erklärt, auf dem der frühere US-Justizminister Elliot L. Richardson zu sehen ist, der sich einer Anweisung des Watergate-Präsidenten Richard Nixon widersetzte und lieber zurücktrat. An anderer Stelle widmet sich Banks einem Pyrotechnik zündenden Außenseiter, später einer Person, die sich vornimmt, endlich ein treuer Freund zu sein. Interpol lecken also alte Wunden – die sind schließlich weiterhin ihr größtes Kapital.

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