Inside Pop-Kultur Berlin: Ein Blick hinter die Kulissen des Nachwuchs-Programms

Das Pop-Kultur Berlin Festival hat in diesem Jahr nicht nur bereits etablierten Größen des Musikgeschäfts eine Bühne geboten. Auch diverse Newcomer haben an den drei Festivaltagen in Neukölln auf ihre Arbeit aufmerksam machen können. Damit nicht genug: Neben dem Festival-Programm fürs Publikum konnten sich interessierte angehende Musikschaffende im Vorfeld für ein zweitägiges Workshop- und Talkprogramm anmelden. Autodidakten jeglicher Couleur, Booker, Musiker, Journalisten und solche, die es werden wollen, erhielten so die Gelegenheit, sich kennenzulernen und auszutauschen – ein Insiderbericht.

Aller Anfang ist hart. Das gilt insbesondere für die Musikbranche. Idealismus kann sich zumindest nicht jede Sparte leisten. Das Nachwuchsprogramm des diesjährigen Pop-Kultur Berlin Festivals folgt dem nihilistischen Motto Exhausting long hours. No wages. Das ist natürlich eine Spur übertrieben, doch vermutlich können einige, die im popkulturellen Milieu Fuß fassen möchten, etwas mit dieser desillusionierenden Formel anfangen – Sinnkrisen und Kreativitätsvakuum programmiert. Pessimismus ist trotzdem keine Option, zumindest lautet die Devise für Jon Savage: immer weitermachen.

Unverbesserlicher Optimist: Jon Savage (r.) blickt in die Zukunft.

Der britische Musikjournalist hat seine Passion in den Siebzigern bei NME und Sounds zum Beruf gemacht und in diesem Jahr ein Buch über die Sprengkraft von Pop in den Sechzigern veröffentlicht. Er selbst ist der lebende Beweis dafür, dass man trotz des nicht zuletzt medial bedingten Zwangs zur Wandlungsfähigkeit eine eigene Signatur entwickeln kann. Im Rahmen eines von zwei Eröffnungstalks im Vorfeld der anstehenden Nachwuchs-Workshops gibt der 63-Jährige Auskunft über seinen Werdegang und die Herausforderungen für Popjournalismus im digitalen Zeitalter. Seine Lektionen für Freelancer: Offen für neue Formate bleiben, auf Bezahlung bestehen und (gerade in Brexit-Zeiten) auch auf politisch relevanten Inhalt setzen. Der Pop-Enzyklopädist, der nicht zuletzt mit dem britischen Schriftsteller Hanif Kureishi zusammengearbeitet hat, nennt all dies »small acts of resistance«. Von Popnostalgie keine Spur: Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum wird klar, dass Savage nicht jede Pop-Reproduktionsthese aus Simon Reynolds‘ Retromania unterschreiben würde. »Es gibt keinen Zeitounkt, an dem alles getan ist. Sucht das Neue!« Mit diesem Motivationsschub geht es für weit über 200 Teilnehmer in die Workshops.

Passage Kino - Teilnehmer
Pausiert hier die Zukunft der Pop-Kultur? Nach dem Talk ist vor dem Workshop im Neuköllner Passage Kino.

Als freier Journalist habe ich mich bewusst für ein breites Spektrum an Themen entschlossen, die bisher noch nicht auf meiner Agenda standen. Beispielsweise für den Workshop Shoot Yourself mit Stephanie von Beauvais. Die Videoregisseurin, die bereits mit Tocotronic und Turbostaat zusammengearbeitet hat, referiert über zehn Regeln der Musikvideokunst, die zwangsläufig mit kleinem Budget auskommen muss. Die Botschaft: Auch und gerade mit wenig Mitteln lassen sich große künstlerische Statements setzen; Ästhetik und Finanzpragmatismus müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen. Die Fürsprecherin des klassischen Videoformats hier, die Überlegung, Konzerte in naher Zukunft dank futuristischer Hard- und Software im Virtual-Reality-Modus zu absolvieren, da – der Medienkünstler Björn Beneditz, unter anderem mitverantwortlich für die Live-Spektakel von Deichkind, spricht über die Zukunft von Live-Gigs, philosophiert über das Potential von Hologrammen und freut sich sichtlich über die lebhafte Diskussion. Wie lukrativ sind derartige 3D-Happenings? Investiert man lieber in Verstärker oder in die Cybershow? Aus dem Nichts schöpfen gilt hingegen für das Programm Making Music From Nothing von DJ und Soundarchivar Matthew Herbert, der während des zweieinhalbstündigen Workshops mit den Teilnehmern einen Song bastelt.

Get Together
Man nennt es Get Together – der Nachwuchs-Bereich im Schwuz

Es bleibt die Hoffnung, dass das Resultat nicht allein bei den Streamingriesen zu finden sein wird. Eine Alternative zu Spotify und Co. stellt der Web-Entwickler Peter Harris vor, der vor Kurzem den Streaming-Dienst Resonate ins Leben rief. Dessen Anliegen: eine faire Bezahlung für Musiker und verbesserte Bedingungen für Independent-Labels mit Hilfe der Bitcoin-Technologie. Mehr Transparenz für alle am künstlerischen Prozess Beteiligten wäre auch angesichts der nahezu neokolonialen Sample-Praktiken von Nöten, auf die Aktivist und SPEX-Autor Christoph Twickel in seinem Kurs verweist. Auch wenn das Pop-Kultur Berlin Festival durch das als Gegenveranstaltung missverstandene OFF-Kultur ein kritisches Echo erfährt: Eine diskursorientierte Verschmelzung von Pop und Politik ist zentrales Anliegen der meisten Workshops.

Am Ende? Bleibt ein Stapel Visitenkarten von PR-Agenten, Bookern und anderen Nachwüchslern. Vermisst wird anscheinend hingegen das Feuerzeug von Kurt Cobain, das neben anderen Künstler-Habseligkeiten im Backstage-Bereich des Neuköllner Vollgutlagers ausgestellt wurde. Ein bisschen Schwund ist immer, würde Savage vielleicht denken – und weitermachen.

Nicht im Bild: das Feuerzeug von Kurt Cobain

Ein Blick hinter die Kulissen des männerdominierten Musikvideo-Business von Stephanie von Beauvais ist in der Printausgabe SPEX N° 359 erschienen. Das Heft ist als Back Issue nach wie vor versandkostenfrei im Online-Shop erhältlich.

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