Innerlichkeit in Zeiten des Viralgangs: Ry X-Clip & Review des Howling-Debüts Sacred Ground

Der Produzent und Musiker Ry Cuming alias Ry X alias Zitterstimme des Songwriter-Electronica-Doppels Howling ist Künstler im Allgemeinen. Und im Besonderen Künstler im Zeitalter der Digitalkultur. Diesen Schuh zieht er sich zumindest im Video der aktuellen Converse-Kampagne »Made by you« an.  Die Aufnahmen entstanden beim gemeinsamen Konzert mit The Acid im Record Loft in Kreuzberg.

Der Hang zur Innerlichkeit schwingt nicht nur in Cumings Reflexion über die künstlerische Verantwortung in Zeiten des Viralgangs, sondern auch auf der Ende Mai erscheinenden Howling-Debütplatte mit Âme-Kollaborateur Frank Wiedemann mit. SPEX-Autor Tim Caspar Boehme hat Sacred Ground vorgehört.

Krisenzeiten bilden einen guten Nährboden für die verstärkte Nachfrage nach Wärme und Innerlichkeit. Und da sich gegenwärtig allemal von einer großen Unruhe in der Welt sprechen lässt, kommen der Australier Ry Cuming alias Ry X und Frank Wiedemann vom Berliner House-Duo Âme mit ihrem Projekt Howling gerade zur rechten Zeit. Zerbrechlich-zerknitterter Gesang trifft auf hingehauchte Elektronikflächen mit stoßfreundlich abgerundeten Bässen und kaminfeuerartig knisterndem Beat. Dass Cuming mit seiner Stimme bevorzugt einen leicht wehklagenden Ton anschlägt, scheint zum Konzept zu gehören, sofern die Namenswahl des Duos programmatischer Natur sein sollte. Es wird also geheult. Und zwar verhalten, ohne extreme Affekte wie nervenzerrendes Jaulen, eher wie ein Tränen verschluckendes In-sich-hinein-Schluchzen.

Neben dezenten Synthesizern lassen Howling sanft gezupfte Gitarren oder gelegentlich Klavierklänge durch ihren Mix perlen, in gemessen romantischem Duktus, womit man im Ergebnis bei einer Art Post-Rave-Biedermeier wäre. Dieser Stimmung hatte zuvor insbesondere James Blake charttauglichen Ausdruck verliehen, in den vergangenen Jahren sind ihm zahlreiche Produzenten vom Club in die heimische Behaglichkeit gefolgt. Howling stehen so gesehen bereits in einer längeren Tradition, und von der hat man inzwischen vielleicht einfach ein bisschen zu viel gehört, als dass man begeistert zur Kamelhaardecke greifen möchte, um sich mit Sacred Ground auf der Couch einzuigeln.

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