Innerer Mindfuck: Das 16. CTM Festival in der Rückblende

Electric Wizard (Foto: CTM / Fausto Caricato 2015)

Von bewährten und sich wandelnden Paradigmen: Die Macher des Experimental-Festivals CTM setzten neben Trash, der im Avantgarde-Wasser fischt, auf Authentizität qua Handbetrieb und öffneten die Genderschere.

Es wabert und walzt etwas zwischen den Ohren herum. Ein Puls, ein Dröhnen, ein innerer Mindfuck. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Grunde spielt sich all das nur im Kopf ab. Thomas Ankersmit, dessen Performance im Mittelpunkt des Eröffnungsabends der 16. Ausgabe des CTM Festivals steht, macht seine RezipientInnen zu ProduzentInnen.

Die psychosomatischen Effekte werden mittels ›otoakustischer Emissionen‹ hervorgerufen, wie der trockene physikalische Name für ein poetisch anmutendes Phänomen lautet: Durch Sinustöne von außen getriggerte Schallwellen werden vom Ohr selbst produziert und in den Gehörgang gejagt. Kurz gesagt: Das Publikum macht die Musik, Ankersmit liefert nur die Stimuli dafür. Es ist der denkbar passendste Auftakt für ein Festival, das sich unter dem Motto »Un Tune« den »körperlichen Effekten von Frequenzen, Klängen und Musik sowie deren synergistisches Zusammenspiel mit anderen Sinnesstimuli« nachgehen wollte. Genau das passierte über die acht prall gefüllten Abende, die in mehreren über Berlin verteilten Spielstätten ein disparates und doch homogenes Programm boten.

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Evian Christ (Foto: CTM / marco microbi / photophunk)

Da war der von psychedelischen Visuals unterlegte Zitate-Metal von Electric Wizard, der sich durch das gefüllte Astra drückte. Da war The Bug, der im Berghain zu seiner beatlosen Drone-Symphonie »Sirens« mitwippte, als handele es sich um einen fetten Dub-Track. Da war Lawrence English, der selbst die leisesten Momente seines 2014 veröffentlichten Albums »The Wilderness Of Mirrors« zum Klirren brachte. Da war Alec Empire, der nach English mit der Weltpremiere seines 1995 veröffentlichten Ambient-Meisterwerks »Low On Ice« seinem Publikum ein paar Tränen abquetschen konnte. Da war TeZ, der im HAU2 gebannt auf die Visuals zu seiner »PV868«-Performance starrte und Ankersmit in Sachen halluzinogener Nebeneffekte fast das Wasser reichen konnte. Da waren Emptyset, die das HAU1 mit dem Krach der Ionosphäre erschüttern ließen. Da waren Carter Tutti Void, die kantig und nonchalant selbst den hartnäckigsten Zweifelnden den Tanz diktierten.

Nicht nur in den Körper schrieb sich das abwechslungsreiche Line-Up der vielleicht am meisten die Nerven herausfordernden Ausgabe des CTM Festivals ein, die Körper stemmten sich auch dagegen. Ein Highlight war der Auftritt der Britin Gazelle Twin, deren performative Bühnenpräsenz für Verstörungseffekte sorgte: Wo hört der neugierige Blick auf die Darstellerin auf, wo beginnt der gewalttätige Eingriff in die Lebensrealität eines Menschen? Ähnlich Jenny Hval & Susanna, die mit der Deutschland-Premiere ihres Albums »Meshes Of Voices« vokale Verwirr- und Vexierspiele spielten. Oder die Fotografin Nan Goldin, die kurz nach Thomas Ankersmit erschreckend ausdruckslos von brutalen Vätern, Aidstoten und den Opfern des kapitalistischen Systems erzählte.

Tatsächlich öffnete sich eine weite Genderschere im Verlauf des CTM Festivals, das 2015 in seiner Kuration viel Wert auf die quantitative Gleichberechtigung der Geschlechter legte und damit, verglichen mit den vor einiger Zeit durch das Netzwerk female:pressure vorgelegten Zahlen zur Unterrpräsentation weiblicher Künstlerinnen auf Festivals, seiner Vorbildfunktion gerecht wurde: Die auf dem Festival vertretenen Männer drangen auf ihr Publikum ein, die Frauen öffneten sich nach außen, suchten die Konfrontation. Das von Testosteron dominierte Nerd-Kontinuum kriegt seinen Knacks ab. Das ist auch mehr als überfällig.

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Carter Tutti Void (Foto: CTM / Udo Siegfriedt 2015)

Paradigmen müssen sich jedoch nicht unbedingt wandeln. Manchmal ist ihre Gleichzeitigkeit am fruchtbarsten. Während viele der Acts in sich versunken über analoge Synthesizer beugten und damit bewusst oder unbewusst den seit der zunehmenden Digitalisierung wuchernden Mythos vermeintlicher Authentizität qua Handbetrieb von Hardware bedienten, rotzte eine Riege von Teilnehmern auf Realness und Elitarismus. Angefangen von der PC Music-Clique um Sophie über den norwegischen Kryptografen TCF bis hin zum Rihanna-sampelnden Evian Christ: Pointillistischer Trance erlebte zwischen all dem trockenen Maschinenknuspern sein Comeback. Trash fischt im Fahrwasser der Avantgarde.

Sind das Beispiele für eine neu gefundene, unironische Hingabe ans Verschmähte? Für Kunst, die sich jenseits von cool oder uncool dort einnistet, wo sie sich fühlt? So viel zumindest steht fest: Neben der übertriebenden Bierernstigkeit des in diesem Jahr bis zur Ermüdung mal gekonnt (We Will Fail), mittelmäßig (RSS Boys) oder schauerlich-schlecht (Grebenstein) durchexerzierten Industrial-Techno-Hypes waren Auftritte wie der von Yung Lean und seiner Sad Boy-Posse dringend notwendig, um die zwangsläufig hohen Erwartungen an ein konzeptuell gleichermaßen offenes wie geschlossenes CTM Festival zu erfüllen.

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