Von Stranger Things bis Greta Thunberg: Wir laden unsere Hoffnungen und Sehnsüchte auf Kindern ab. Dies ist symptomatisch für den infantilen Kapitalismus der Gegenwart. Zeit, sich vom Konzept der Kindheit selbst zu verabschieden.

Kinder sind unsere Zukunft und deshalb arm dran. Denn sie müssen die Schulden begleichen, die die Vergangenheit ihnen vererbt hat. Jedes Erbe wiegt schwer, und das der sogenannten Generation Z lässt sich in CO²-Ausstoß aufwiegen. Oder in dem, was fehlt: zum Beispiel in Sozialleistungen, die abgebaut wurden, ein Prozess, der die Kinder von heute umso mehr zu Kindern von morgen macht – denn wer sonst kümmert sich später um die greisen Eltern, wenn der Staat es nicht tut?

Das Konzept der Kindheit ist ein junges und seine Einführung machte einige Menschen nachträglich sehr wütend. Shulamith Firestone etwa, die bereits 1970 in The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution die graduelle „Segregation“ von Kindern aus der Gesellschaft ab dem ausgehenden Mittelalter beschrieb. Spätestens im viktorianischen Zeitalter sei ein regelrechter „Kult“ um Kindheit und Kinder entstanden, die zur Abladefläche erwachsenen Begehrens wurden. Die Kindheit wird als quasi-mythischer Lebensabschnitt idealisiert, als Zeit der Unschuld. Doch was heißt das eigentlich – Unschuld?

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Eleven (Millie Bobby Brown) aus der Netflix-Serie Stranger Things ist eines dieser Kinder, das mit Superkräften die Welt retten soll, während die Erwachsenen auf dem Sofa lümmeln (Collage: SPEX).

Paul Rekret liefert auf diese Frage keine direkte Antwort, obwohl sein von Firestone beeinflusstes Buch den Titel Down with Childhood: Pop Music and the Crisis of Innocence trägt. Herauslesen lässt sich zumindest das: Unschuld hat insbesondere in Hinsicht auf Kinder zwei verschiedene Dimensionen. Die erste ist die, dass sich Kinder noch nicht an der Welt vergangen haben. Die zweite ist die einer Idee, nach welcher sich die Welt noch nicht am Kind vergangen hat.

Doch Kinder sind nicht unschuldig, denn sie kommen mit einem Berg von Schulden auf die Welt. „Es gibt einen allgemeinen Glauben daran, dass in unserer Zeit Fortschritte gemacht wurden, weil Kinder von der hässlichen Mühe der Kinderarbeit und anderen traditionellen Formen von Ausbeutung früherer Generationen befreit wurden“, schreibt Firestone und teilt diesen Glauben überhaupt nicht. Fast ein halbes Jahrhundert später ist auch mehr als eindeutig, warum er naiv war. Denn es mag für Kinderrücken zwar schonender sein, nicht mehr als Arbeiter_innen, sondern primär als Konsument_innen identifiziert zu werden, doch das macht ihre Zukunft nicht weniger dystopisch.

Wer heute geboren wird, wächst von der ersten Sekunde an mit einem sich ständig entwickelnden Datenprofil auf, das multinationale Konzerne pflegen – im schlimmsten Fall ein ganzes Leben lang. Angestoßen wird es von Eltern mit weniger definierten Profilen und fortgeführt durch die eigenen totalgamifizierten Erfahrungen der Kinder im Internet, in dem sie nicht nur als Konsument_innen aktiv sind, sondern gleichermaßen Content produzieren und bei der Akkumulation von Datensätzen helfen. Unentgeltlich, versteht sich. Alles andere wäre ja Kinderarbeit. Wäre dafür allein nicht eine Entschuldigung angebracht?

Geil, für wie dumm Netflix sein Publikum hält

In seiner sprunghaften historischen Bestandsaufnahme zum Einsatz von Kinderstimmen in der Popmusik macht Rekret immerhin im Jahr 1982 einen Umbruch aus, den Beginn der im Untertitel seines Buchs angesprochenen Krise. Der Siegeszug neoliberaler Politik hier, die Veröffentlichung von Neil Postmans The Disappearance of Childhood dort und nicht zuletzt die Etablierung von MTV als Medium der Jugendkultur, die sich erstmals auf Augenhöhe mit erwachsener Kultur auf globaler Ebene auszudrücken vermochte, sind für ihn drei der entscheidenden Faktoren.

1982 ist allerdings auch das Jahr, in dem die ersten Millennials geboren werden. Benannt werden diese nach ihrem Bezug zur Zukunft, das heißt der Jahrtausendschwelle. Wichtiger ist für diese Generation jedoch wohl, was nach der Y2K-Panik passierte. Von 9/11 über die weltweite Finanzkrise ab dem Jahr 2008 wachsen sie in ein System hinein, das einerseits in seiner Emblematik keinen semantischen Schutz zu bieten scheint und andererseits ganz konkret jede Form von Sicherheit rapide abbaut. Es kommt, wie es kommen muss: Nostalgie setzt ein.

Die ab Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends einsetzende retromania, welcher der Musikjournalist Simon Reynolds im Jahr 2011 ein ganzes Buch widmete, wird neben den Dabeigewesenen maßgeblich auch vom neuen Markt der Millennials getrieben und popkulturell verhandelt. Während eine ganze Generation Vinyl-Reissues irgendwelcher Platten kauft, deren nahezu perfekte Imitationen die Charts dominieren, treiben die Medien die Regression noch weiter. Buzzfeed füttert eine ganze Generation mit „Only 80s Kids Will Remember This“-Listicles, die kulturellen Signifikanten einer vermeintlich besseren Vergangenheit werden zum Trigger für Readymade-Nostalgie, die ihre Abnehmer_innen immer kindischer werden lässt. „In einer scheinbaren Ironie haben die Medien, indem sie sich dagegen verweigerten, paternalistisch aufzutreten, keine Bottom-Up-Kultur von atemberaubender Vielfalt nach sich gezogen, sondern eine, die fortlaufend infantilisiert ist“, notiert Mark Fisher bereits 2009 dazu in Capitalist Realism.

Aber es kommt noch schlimmer. Denn Stranger Things (Serienstart 2016) wird zum Welterfolg. Während sich andere fiktive Kinder wie Harry Potter oder Katniss Everdeen (The Hunger Games) in para-realen Fantasy-Settings oder historisch angehauchten Zukünften gegen das Böse der Welt zur Wehr setzen, tun das die Kids aus Stranger Things ausgerechnet in den achtziger Jahren, 1983 um genau zu sein, ein Jahr nach Geburt der ersten Millennials. Es ist kein Zufall, dass die Serie von Netflix produziert wurde. Kaum eine andere Internet-Plattform ist neben Spotify dermaßen raffiniert darin, aus Big Data das Begehren seines Publikums herauszulesen, um daraus eine Koulture-Produktion für den Feierabendeskapismus maßzuschneidern.

Stranger Things lässt sich auf verschiedene Arten lesen und die meisten sind recht plump: Eine Metapher auf den Kalten Krieg, angesiedelt im Kalten Krieg? Die Nuklearpanik der achtziger Jahre, neu ausgespielt in und für Zeiten neuerlicher Öko-Dystopien? Die verschwörerische, paranormale Kraft unschuldiger Kinder, welche die Schuld der Erwachsenengeneration auf sich nehmen, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen? Geil, für wie dumm Netflix sein Publikum offenkundig hält, und wie smart das Unternehmen ihm genau diese Scharade verkauft. Dank des verspielten Gestaltungsreichtums der Serie – ein einziger Clusterfuck von „Only 80s Kids Will Remember This“-Triggern – fällt ihre inhaltliche Armut kaum auf. Dies wiederum ist zumindest die perfekte Metapher für die Art von Kapitalismus, in den die Millennials hineingeboren wurden.

Tinder als Paradebeispiel für Infantilisierung

Im Frühjahr 1987, im selben Jahr als der Begriff „Millennial“ von William Strauss und Neil Howe zur Einschulung dieser Generation geprägt wurde, hielt der japanische Theoretiker Asada Akira im Rahmen einer Tagung internationaler Japanolog_innen einen Vortrag mit dem Titel „Infantile Capitalism and Japan’s Postmodernism: A Fairy Tale“. Darin definierte er ausgehend von einer Diskussion mit Félix Guattari ein dreistufiges Schema kapitalistischer Geschichtsschreibung, die in irrwitziger Ironie auf die totale Regression hinausläuft: „Elderly Capitalism“ wird erst vom „Adult Capitalism“ und schließlich vom „Infantile Capitalism“ abgelöst.

Asada typisiert diese drei Formen vor allem ausgehend von individuellen Verhältnissen. Im „betagten“, katholisch geprägten Kapitalismus in Italien und Frankreich nach dem Mittelalter – zu diesem Zeitpunkt wurde die Kindheit erfunden – steht ein Subjekt in seinem Zentrum. Ein Gott etwa oder ein König, die Figur des Vaters oder in der Wirtschaft das Gold: Alles richtet sich nach einem „transzendentalen Signifikanten“. Der „erwachsene“ Kapitalismus ist in erster Linie ein wachsender, sich langsam über die Kolonialbestrebungen des britische Commonwealth und der Vereinigten Staaten entwickelnder. In ihm konkurrieren die „erwachsenen“ Individuen miteinander und sogar mit sich selbst. Das Individuum ist nach innen orientiert.

Der infantile Kapitalismus hingegen setzt einerseits auf einen Bezug der Menschen zueinander: „Eine nahezu rein relative (oder relativistische) Form von Konkurrenz, welche diese Kinder an den Tag legen, wird zum treibenden Motor des Kapitalismus.“ Die Menschen in dieser Form des Kapitalismus „spielen“ auf kindliche Art und Weise miteinander, und das nicht etwa unter einer „‚harten‘ Herrschaftsstruktur“, sondern in der „‚soften‘ Unterordnung unter einen scheinbar horizontalen ‚Ort‘ ohne Zentrum.“ Ein anderes Wort für die von Asada knapp skizzierten Relationen ist Neoliberalismus. Den Ort ohne Zentrum kennen wir als Internet – in welches Millennials als (digital) natives hineingeboren werden.

Das beste Beispiel dafür, wie infantiler Kapitalismus heute funktioniert, ist die Plattform-Logik von Dating-Apps wie Tinder, auf der User_innen gleichzeitig als Konsument_innen und Produzent_innen aktiv sind, und das nur deshalb nicht kapieren, weil die Erfahrung eine spielerische ist. Es geht im ständigen Links- oder Rechtswischen eben nicht darum, „erwachsen“ zu werden, soll heißen sich im klassischen heteronormativen Verständnis auf Dauer zu binden und Kinder zu zeugen. Stattdessen wird ein ständiger Flow der Vergleichbarkeiten geschaffen, der auf möglichst spielerische und damit kindliche Art erfahrbar gemacht wird und nicht abreißt, weil das Kapital anderes im Sinn hat. „Single macht, was Single will“, lautet der Werbeslogan dazu und eigentlich macht Single damit nur, was das Unternehmen will – ansonsten würde es schließlich herzlich wenig verdienen.

Das innere Kind überwinden

Stranger Things und Tinder sind zwei Seiten desselben Infantilisierungsprozesses, den Asada 1987 in Japan erkannte und der seitdem die Welt ergriffen hat. „Handelt es sich um utopischen Kapitalismus?“, fragte er damals, und meinte, dass die Frage nur mit einem Lachen verneint werden könne. „Und, so sollten wir nach dem Lachen ergänzen, es ist eine spielerische Utopie und zur gleichen Zeit eine schreckliche ‚Dystopie‘.“ Es ist geradezu pervers, dass es nun wieder Kinder sind, die uns aus dieser heraushelfen sollen, indem sie entweder in der Fiktion die Geschichte von hinten aufrollen oder aber in der Realität politische Interventionen gegen den Klimawandel erzwingen sollen.

Es ist aber eben auch nicht überraschend. Denn seit der Erfindung der Kindheit im ausgehenden Mittelalter ist das Kind auch jenseits von Abtreibungsdebatten fester Bestandteil jeder politischen Argumentation, selbst wenn diese nicht als Kann-denn-nicht-wenigstens-einer-an-die-Kinder-denken-Rhetorik daherkommt. „Denn Politik bleibt, wie radikal auch immer die Mittel, mit denen bestimmte Bevölkerungsgruppen versuchen, eine erstrebenswertere soziale Ordnung zu schaffen, im Kern konservativ insofern, als dass sie darauf hinarbeitet, eine Struktur zu affirmieren, eine soziale Ordnung zu beglaubigen, die sie dann in Form ihres inneren Kindes in die Zukunft zu übertragen versucht“, schrieb Lee Edelmann 2004 in No Future. Queer Theory and the Death Drive. „Dieses Kind bleibt der ständige Horizont von jeder Form anerkannter Politik, der phantasmatische Nutznießer jeglicher politischen Intervention.“ Kurz gesagt können Kinder ihrem Schicksal nicht entkommen und erst recht nicht erwachsen werden, solange Politik in ihrer Haltung der Zukunft gegenüber konservativ bleibt.

Doch wie lässt sich vermeiden, dass Neugeborenen diese Schuld vererbt wird? Die xenofeministische Theorie um das Kollektiv Laboria Cuboniks, die sich gleichermaßen auf das Schaffen Firestones bezieht wie das prominenteste Mitglied Helen Hester auf Edelmans Kritik am immer auch heteronormativen „reproduktiven Futurismus“, schlägt deswegen eine „Politik der Entfremdung“ vor. Das bedeutet auch, dass die Rolle des Kindes als tradierter Teil der Kernfamilie neu definieren werden soll. Ausgehend von Donna Haraways Slogan „Make kin, not babies“ fordern Hester und andere, neue „Netzwerke der Solidarität“ zu etablieren, welche der immer patriarchalisch nach der Logik des Kapitals organisierten Kernfamilie und somit auch der Gleichung von „Kind = Zukunft“ einen Strich durch die Rechnung machen. Wie diese Netzwerke aussehen könnten, bleibt indes herzlich vage, und Hester selbst räumt ein, dass ein solches Projekt vermutlich nur im wohlhabenden Westen möglich wäre. Eine Miteinbeziehung von Kindern – wenn diese überhaupt noch so genannt werden sollen – wäre allerdings verpflichtend.

Und was bliebe sonst über? Der retromanische, regressive und letztlich lähmende Rückgriff auf Stranger Things kommt ebenso wenig infrage wie die Fetischisierung des kindlichen Aktivismus, wie ihn derzeit Greta Thunberg auf der Show-Bühne der Welt repräsentiert. Denn sie wäre nicht die erste, deren Tage als Kind und damit auch als politische Wortführerin gezählt sind. Oder erinnert sich hier jemand daran, wie Emma González, mittlerweile 19 Jahre und damit rechtlich in den meisten Teilen der Welt eine Erwachsene, in den Vereinigten Staaten die Abschaffung des zweiten Verfassungszusatzes erreicht hat? Nein, weil es nie passiert ist. Und überhaupt: Erinnert sich überhaupt noch jemand dran, wer Emma González war und was sie warum bewirken wollte?

„Wir sollten nicht darüber sprechen, wie wir Kinder für ein paar Jahre lang den Horror des Erwachsenenlebens ersparen können, sondern wie wir diesen Horror selbst eliminieren können“, schrieb Firestone bereits Anfang der siebziger Jahre. 2019 bedeutet das, den infantilen Kapitalismus zu überwinden. Dies umfasst einerseits den Abschied von einer Industrie, die aus der Infantilisierung ihres Publikums genauso Profit schlägt wie aus Kindern an sich, und andererseits ein Nachdenken darüber, wie eine andere Form von Kindheit aussehen könnte – oder ob sich dieses vergleichsweise junge Konzept nicht als völlig nutzlos erwiesen hat.