Ab heute im Kino: In The Darkroom

IN THE DARKROOM
DE, IL, FI, RO, IT 2012. REGIE: NADAV SCHIRMAN. MIT MAGDALENA KOPP, ROSA KOPP, HANS-JOACHIM KLEIN U. A.

Heute läuft Nadav Schirmans sehr gelungene Film-Dokumentation über Magdalena Kopp, die ehemalige Ehefrau des Terroristen Carlos, im Kino an. Die Rezension zu In The Darkroom.

Die Öffentlichkeit führt eine bizarre Liebesbeziehung mit Terroristinnen. Besser als eiskalte Flintenweiber, die für Ideologien über Leichen gehen, sind nur noch Terrorbräute, die Ehefrauen oder gar Mütter sind. Mit geilem Schaudern wird deren Weg ins Verbrechen als besondere Anomalie gedreht und gewendet, der Subtext brüllt immer: Wie nur können weibliche Wesen ihre Urinstinkte wie Empathie und Fürsorge über Bord werfen? Männer haben Überzeugungen, Frauen Gefühle.

Die Dokumentation zu Magdalena Kopp, die aus der schwäbischen Provinz auf Umwegen zur Ehefrau des Terroristen Carlos und von der Boulevardpresse als skrupelloses Terror-Groupie gebrandmarkt wurde, stellt dringlich die Frage nach dem Wie – und es ist das Frustrierendste an diesem Thrillerhaft spannenden Film und gleichzeitig sein größtes Verdienst, dass er keine klaren Antworten gibt.

Kopp, die als sichtbar gebrochene Persönlichkeit wieder in ihrer alten, spießbürgerlichen Heimat lebt, aus der sie einst so dringend weg wollte, kann sich selbst nicht erklären: Was sie dazu trieb, eine Beziehung mit Carlos zu führen; abstoßend habe sie ihn beim ersten Zusammentreffen gefunden. Warum sie nach ihrer Haft in Paris und einem Intermezzo im Neu-Ulmer Elternhaus zu ihm zurückkehrte; Angst um ihr Leben habe sie gehabt. Wieso sie in Damaskus eine Tochter mit ihm zeugte; ein normales Familienleben habe sie sich gewünscht. Ist das starre, selbstzerfleischende Beichten in die Kamera alles, oder gibt es da noch etwas anderes in Kopp, die jahrelang in einer Art Terror-Jetset-Leben um den Globus flog, an der Seite des damals mächtigsten Terrormoguls?

Die Doku von Nadav Schirman, die entgegen dem Assayas-Biopic Carlos – Der Schakal mit viel Originalfootage und Interviews eben nicht auf coolen Terrorglam setzt, wird durch die Einführung der Tochter von Magdalena und Carlos, Rosa Kopp, noch um einiges beklemmender. Die sucht als junge Erwachsene in Carlos wider besseres Wissen den liebenden Vater, den sie nie hatte, und kann daran nur scheitern. Es ist schmerzhaft, die beiden Frauen zu sehen, die sich hinsichtlich persönlicher und politischer Entscheidungen wohl selbst ein Rätsel sind, und gerade deswegen ist es Regisseur Schirman hoch anzurechnen, dass er nicht auf die voyeuristische Flintenweibkarte setzt, sondern einen exzellent komponierten Film aus vielen Fragezeichen sprechen lässt.

Weitere aktuelle Film-Kritiken und ein großes Spezial zu Liberace mitsamt einem Interview mit Michael Douglas, Barbara Schweizerhof über Liberace selbst und Georg Seeßlen über Queerness im Film finden sich aktuell in SPEX N°348 am Kiosk.

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