»In Skandinavien werden schon Autos mit Spotify-Playern ausgeliefert« – Gespräch mit VUT- und City-Slang-Chef Christof Ellinghaus

Der Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) vergibt auf den Indie Days im Rahmen des Hamburger Reeperbahn Festivals zum dritten Mal den VIA! VUT Indie Award. Wir haben den VUT-Vorsitzenden und City-Slang-Chef Christof Ellinghaus getroffen, mit ihm über den neuen Apple-Music-Service gesprochen und erfahren, warum Streaming von unten keine Lösung ist und weshalb Deutschland einen weiteren Musikaward braucht.

Warum wird der Verband unabhängiger Musikunternehmen VUT und nicht VUM abgekürzt und was bietet er seinen Mitgliedern?
Weil er früher Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen hieß. Dieser Name wurde geändert, weil mittlerweile auch Verleger und Vertriebe und eben auch eine steigende Anzahl an Selbstvermarktern mit dabei sind, die ohne Label auskommen wollen und sagen, wir bilden unsere Strukturen selbst. Der Verband hat um die 1300 Mitglieder. Ein großer Vorteil, den der Verband bietet, ist ein vorverhandelter Gemavertrag, den man nur als VUT-Mitglied abschließen kann. Durch diesen Vertrag erhält man die gleichen Bedingungen bei der Gema, die auch für Majorlabels gelten – man zahlt niedrigere Prozentsätze Lizenzgebühr und man rechnet mit der Gema beispielsweise nach Anzahl der verkauften Platten und nicht nach Anzahl der fabrizierten Platten ab. Zwar hat die unabhängige Musik mittlerweile 30 Prozent Marktanteil, doch das spiegelt sich nicht überall wieder  – da gibt es die berühmten Nadelöhre und Gatekeeper, etwa Charts oder stationärer Handel. Oder die Airplay-Geschichten, bei denen die kleinen, unabhängigen Künstler oft über den Tisch gezogen werden. Da helfen wir mit Rechtsberatung.

Als Repräsentant der Independent-Unternehmen und selbstmarktenden Künstler richtete sich der VUT auch mit einen offenen Brief an Apple, weil der Konzern Kosten, die aus der geplanten dreimonatigen Testphase seines neuen Streamingdienstes Apple Music resultieren, auf die Indielabels und Indiekünstler abwälze. Sehen Sie hier die Indie-Labels besonders im Nachteil?
Die Majors müssen da irgendwie Geld kassiert haben, sie würden doch niemals drei Monate gratis ihre Musik zur Verfügung stellen. Von uns wird das aber einfach so erwartet – deshalb der offene Brief. Apple dachte natürlich, genauso wie alle anderen digitalen Dienstleister zuvor auch, sie machen einen Deal mit Warner, Sony und Universal und dann hätten sie es. Die Indie-Labels wurden komplett links liegen gelassen. Es gab nur fertige Verträge als Basis für eine Entscheidung: mitmachen oder eben nicht.

Nun hat Apple auf die Kritik reagiert und ein Entgegenkommen signalisiert.
Ich denke eher, dass Apple einfach gemerkt hat, dass man gerade einen Musikservice starten will und mit Taylor Swift von einer der erfolgreichsten Künstlerinnen des letzten Jahres beschimpft wird. In den beiden Jahren zuvor hieß die Künstlerin, die am besten verkauft hat, Adele. Sie ist bei Beggars, einem Indie-Label. Ergo: Apple würde einen Musikservice starten, ohne die erfolgreichsten Künstlerinnen der letzten drei Jahre anbieten zu können. Vermutlich rudert Apple deswegen zurück. Aber das sind momentan ohnehin bloße Lippenbekenntnisse.

Parallel zum offenen Brief veröffentlichte der VUT 2014 auch ein Positionspapier, in dem mehr Transparenz und Fairness in Bezug auf Vergütung und Nutzung von Songs fordert. Was genau bedeutet das für das Streaming-Geschäft?
Zunächst gibt es eine Fairtradeverpflichtung, die viele unserer Indie-Labels unterschrieben haben und nach der die Einnahmen fair aufzuteilen sind. Denn der Vorwurf lautet: beim Streaming kommt nichts bei den Künstlern an. Das Problem war ja häufig, dass die Majors zu Spotify, oder jetzt auch Apple gegangen sind und gesagt haben: Wenn wir einen Deal mit euch machen, wollen wir dafür auch equity, das heißt in irgendeiner Form Teilhaber werden und einen immensen Vorschuss haben. Sie erhandeln sich also lauter Konditionen und Ertragsmöglichkeiten, die nicht unbedingt an die Künstlerinnen weitergegeben werden, sondern in den Unternehmen bleiben. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Majors durch die Bank ihre Künstlerinnen nicht bezahlen. Schwarzen Schafe gibt’s überall – auch bei den Indies.

Was bedeutet das nun konkret?
Beim Streaming ist es so, dass zumindest in Deutschland, die kritische Masse noch lange nicht erreicht ist. In Skandinavien ist das anders, weil dort die komplette Bevölkerung streamt. Da werden ja schon Autos mit Spotify-Playern ausgeliefert. Dementsprechend spielt das Streaming-Geschäft bei einem Deal mit einem schwedischen Künstler wie José González eine ganz andere Rolle. Es ist auch problematisch, dass sich immer die Metallicas oder Taylor Swifts beschweren, dass nichts bei den Künstlern ankäme, weil sie sehen, dass das Geschäft mit den Platten einbricht, das nun durch das digitale Geschäft kompensiert werden muss. Das sind aber auch die Künstler, die Konzertkarten für 150 Euro verkaufen und dort ein riesengroßes Geschäft machen – jammern auf hohem Niveau. Viel schwieriger ist es, Künstler aufzubauen.

Jay-Z versucht mit Tidal einen Streaming-Service zu etablieren, welcher sich zumindest offiziell das Prinzip »von Künstlern für Künstler« auf die Fahnen schreibt …
Jay-Z gibt 56 Millionen Dollar für eine Firma aus, die Wimp heißt. Dann stellt er fest, dass er als tougher HipHop-Guru keine Firma haben kann, die Wimp heißt. Also wird sie in Tidal umbenannt. Dann fragt er natürlich, wie lanciere ich Tidal nun gegen die ganzen anderen Marktführer?

Selbst wenn es sich nur um eine Marketingstrategie handelt, zeigt es doch, dass es noch Raum für neue Streaming-Strategien gibt. Das bisherige Verhalten des VUT wirkt dagegen eher reaktiv. Gibt es denn darüber hinaus auch Bestrebungen, konkrete Modelle und Konzepte für die anstehenden Herausforderungen im digitalen Markt für die unabhängige Musikindustrie zu entwickeln?
Wir haben das ganz schlau gemacht, indem wir nicht gesagt haben, dass wir einen eigenen Marktteilnehmer entwickeln wollen. Denn ein Service, der nicht von den Majors lizensiert wird und auf dem damit zwei Drittel der Musik nicht stattfinden, würde ja niemandem nützen. Die Leute verlangen für 9,90 Euro im Monat mittlerweile einen Streamingservice, der jegliche Musik anbietet. Diese Unternehmen sind dementsprechend mit viel Venturekapital ausgestattet und machen Verluste ohne Ende. Wir wollten uns nicht hinstellen und Streaming von unten in der Hoffnung machen, dass uns die Leute unterstützen. Das wäre der falsche Ansatz gewesen. Der richtige ist, dass wir mit der Agentur Merlin eine Anlaufstelle und Stimme für alle Indies geschaffen haben. Merlin kann als Vertreter der Mehrzahl der Indies mit den Streaming-Diensten dieselben Deals aushandeln, die auch die Majors bekommen.

Ein weiterer Ansatz, um eine größere Öffentlichkeit für unabhängige Musik zu schaffen, ist der VIA! Indie Award, der in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben wird. Der Preis wird ausschließlich unter unabhängigen Künstlerinnen vergeben. Soll damit ein Gegenpol zu den Majors etabliert werden?
Wir vergeben den Award nicht gegen die Majors, sondern gegen den Echo. Die Echo-Vergabe basiert ausschließlich auf Verkaufszahlen. Das ist langweilig. Es gewinnen Helene Fischer und dann noch mal Helene Fischer und dann vielleicht noch Andrea Berg. Daneben gibt es dann noch das Feigenblatt namens Kritiker-Echo – der wird noch nicht einmal auf der Veranstaltung selbst vergeben. Die Idee unseres Awards ist, die Aufmerksamkeit auf die andere, die unabhängige Musik zu lenken, die in diesem Land gemacht wird. Es gibt eine Jury aus 100 Leuten. Das sind Musikkritiker, das sind Bookingagenten oder Händler, also alles Leute, die kein Label betreiben. Diese Jury nominiert und wählt schließlich die Gewinner der Kategorien »Bestes Album«, »Bestes Label«, »Bester Act« und »Bestes Experiment«. Der Preis für den besten Newcomer vergeben die VUT-Mitglieder, das heißt jedes Mitglied hat eine Stimme. Den Sonderpreis für besondere Verdienste für die unabhängige Musikbranche und die Indieaxt vergeben der Vorstand und die Geschäftsstelle des VUT seit diesem Jahr gemeinsam.

Die diesjährige Preisvergabe findet im Rahmen des Hamburger Reeperbahn Festivals statt. Wie kommt das?
Wie der Echo waren wir bisher in Berlin – auf der Berlin Music Week, die es nicht mehr gibt. Das Reeperbahn Festival hat sich in den letzten Jahren absolut entwickelt. Es ist schade, dass Berlin auf die Berlin Music Week verzichten will, dagegen ist in Hamburg die ganze Stadt Feuer und Flamme für die Sache.

Kann man die Wahl Hamburgs als Stadt, die traditionell eine starke Independent-Szene vorzuweisen hat, auch als ein Zeichen gegen die Kultur-Zentralisierung in Richtung Berlin verstehen?
Wir wollten etwas raus aus diesem Immer-nur-in-der-eigenen-Suppe-Schwimmen, raus aus Berlin. Es ist wichtig, dass es in Deutschland nicht so wird wie in Frankreich, wo es nur Paris gibt oder in England, wo es nur London gibt, während Glasgow und Manchester gerade mal gut genug sind, um Musik zu liefern. Die Industrie sitzt aber nur in London und Paris. Dagegen ist es etwa in den USA herrlich zu sehen, dass auch große Firmen in Bloomington, Indiana sitzen. Und auch unser Preis zeigt diese Vielfältigkeit und ist nicht so Berlin-fokussiert.

Unter den Preisträgerinnen in den letzten Jahren waren auch viele City-Slang-Künstlerinnen. Ein Hinweis auf starke Hierachien – auch unter den Indies?
Das hat jetzt vielleicht so ein Geschmäckle, wenn hier einer sitzt, der Vorsitzender des VUT und gleichzeitig Labelchef von City Slang ist. Ich habe allerdings mit der Wahl nichts zu tun. Bei Notwist, die ja bei City-Slang unter Vertrag stehen, ist das beispielsweise so, dass diese Band nur alle sechs Jahre eine Platte macht und dann finden die Kritiker diese immer gut. Ich kann da gar nichts steuern, weiß nicht einmal, wer in der Jury sitzt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.