In eigener Sache: Die Spex-Redaktion sendet auf Byte FM

RadioDas Radio – liebe Leserinnen und Leser – ist nun wirklich kein junges Medium mehr. Vor nicht wenigen Jahren noch – vor der großflächigen Erschließung des Internet – war das Radio eine der relevaten Institutionen in Sachen Geschmacksbildung. Diesen Status hat das Medium längst eingebüßt – begrüßenswert ist die musikalische bzw. stilistische Vielfalt, die das Internet heute bietet. Gleichzeitig begann mit der universellen Verfügbarkeit von Musiken der Verlust des Überblicks: Online-Magazine, Musikblogs, Webradios und soziale Netzwerke nahmen bald die Leuchtturm-Funktion ein und verschafften dort Überblick, wo ein Interesse abseits gigabytegroßer Datenablagen bestand.

Besonders Webradios waren vor einigen Jahren noch äußerst populär, weil sie – anders als die Livestreams der großen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendeanstalten – abseitige Musik spielten. Das Problem des Gros jener Sender war meist die fehlende redaktionelle bzw. inhaltliche Begleitung des Musikprogramms. In einem Fall hat sich dies hingegen deutlich geändert: Anfang Januar nahm in Hamburg der Radiosender Byte FM den Betrieb auf. Mit striktem Sendeschema, moderierten Sendungen und einer überschaubaren Musikauswahl – im Internet. Anders als bei vielen Webradio-Streams steht bei Byte FM klar der journalistische Anspruch, der Wunsch nach Aufarbeitung musikalischer Informationen und die Greif- und Erreichbarkeit der Moderatoren und Redakteure im Vordergrund – beginnend bei Moderatoren wie Klaus Walter, Eva Garhte, Christoph Twickel, Sandra Zettpunkt oder Tobias Rapp und endend mit profanen Dingen wie der unregelmäßigen Service-Ansage der Uhrzeit.

Bereichert wird das eigene, vielfältige Programm durch Kooperationen mit anderen Medien wie ZEIT Online, der taz – und ab heute Nacht auch in Kooperation mit Spex. Ab Mitternacht stellt die Spex-Redaktion in einer einstündigen, unmoderierten Sendung die »20 besonderen Songs« der aktuellen Ausgabe #317 vor – ein Programm, das wir fortan stets am letzten Dienstag des Kalendermonats zwischen 0 und 1 Uhr morgens gestalten dürfen. Wir freuen uns, die unter unseren Lesern beliebte Rubrik der Printausgabe so auch adäquat hörbar machen zu können.

Im Anschluss an die Sendung wird man an dieser Stelle übrigens auch die Playlist der Sendung samt zusätzlicher Künstlerinformationen finden können.

Spex-Mixtape auf Byte FM:
28.10. auf www.byte.fm (00:00 bis 01:00 Uhr)
immer am letzten Dienstag des Monats

(Foto: YlvaS | CC)
Spex-Mixtape vom 28./29.10.2008:

01. Bill Drummond / The 17 – Score 1. Imagine

Beautiful Books Limited
Musik nimmt Bill Drummond schon seit langem nicht mehr so gefangen wie früher – und das nicht erst, seit er in England medienwirksam eine Million Pfund verbrannte. In seinem neuen Buch »17« stellt der Gründer von The KLF unser aller Beziehung zur Musik in Frage. In »Score 1. Imagine« formuliert Bill Drummond den entscheidenden Satz: »Imagine waking up tomorrow morning and all music has disappeared.«

02. Department Of Eagles – In Ear Park
4AD / Beggars Group / Indigo
Daniel Rossen, Mitglied von Grizzly Bear, erinnert sich in diesem Song, den er mit seinem Freund Fred Nicolaus schrieb, an die schönen Momente, die er mit seinem im letzten Jahr verstorbenen Vater im Ear Park verbrachte – satte Streicher und ein Honky-Tonk-Piano instrumentieren dies aufreizend.

03. Beach House – Used To Be
Carpark Records / Import
Die Bassdrum imitiert einen schwachen Herzschlag, der Schellenkranz wird gestreichelt, die Orgel dudelt und dazu singt Victoria Legrand verträumt-romantisierend über die verrinnende Liebe: »And when there is nothing left to pretend / we will know it’s coming to an end«.

04. Antony And The Johnsons – Shake That Devil
Rough Trade Records / Beggars Group / Indigo
»Schüttel den Teufel, schüttel ihn aus dem Baum! Dieses Schwein wollte mir alles stehlen, ich töte das Schwein!« Zu einem langsam aufblühenden Gitarren-Drone erklärt Antony bösen Geistern den Krieg. Er reinigt die Erde, mordet die Tierdämonen und trauert um den Frieden, den er nach dem Mord nicht mehr findet. Seine Baritonstimme ist heiser verknappt und von bösartig flackernden Lichtern befunkelt; aus einem dünn-repetitiven Kinderliedstil steigert er sich in einen Gospel. Mit einem kehlenden Rocksaxofon werden am Ende noch die letzten Dämonen vertrieben: irre, geschmacklos, mutig, grandios; zur Austreibung des schwulen Gothic-Schamanen schlitzte man selbst gern Schweine auf. Text: Jens Balzer

05. Devendra Banhart – In The Summertime

Live at Outside Lands Festival / Bootleg
Devendra Banhart veröffentlicht heuer mit seinem Nebenprojekt Megapuss ein Album, im Sommer versuchte er sich als gefühlt fünfhundertster Musiker an der Ode an die Sonne »In The Summertime«. Mitten im kahlen deutschen Herbst wirkt die freakfolksche, dudelnde Verneigung vor Mungo Jerry Wunder.

06. Final Fantasy – The Butcher
Blocks Recordings / Import
Neues Material aus der Fleischerei: Owen Palletts leicht nasaler Gesang wird hier von satten Bläsersätzen flankiert, wie man sie auch aus Björks »Wanderlust« kennt. Im Hintergrund zwitschern die Vögel, vorne überschlagen sich Geige, Bratsche und Klavier.

07. KanYe West – Love Lockdown

Roc-A-Fella Records / Universal Music
Feedback zur Single »Love Lockdown« holte sich KanYe vorab auf seinem Blog ein. Die Fan-Kommentare waren verhalten: Den mit massig Autotune-Effekt beladenen Track arbeitete West daraufhin um. Popmusik im Web 2.0 – It’s a collaborative thang!

08. Little Boots – Stuck On Repeat

I Am Sound Records / Import
Little Boots wird man gewiss auf den schon bald auftauchenden »Hot in 2009«-Listen finden. Der von Joe Goddard (Hot Chip) produzierte Discotrack wummert mit Tamburin-Rhythmus sowie strammer Synthie- und Vocoder-Sektion massiv.

09. Man Like Me – Carny
Prestel Records / Import
Wer übers Wetter schimpft, hat längst verloren: Man Like Me vermanschen sonnige Steeldrums, Posaunensoli und »Keep it up, keep it up!«-Chöre zu einem aus dem Stand begeisternden Pop-Ditty. Nottingham Carnival daheim im Master Blaster.

10. The Pharcyde – Passin’ Me By (Hot Chip Remix)
Delicious Vinyl / Groove Attack
Ungewöhnliche Remix-Arbeit von Hot Chip: Sie machen aus The Pharcydes ’93er-Hit, der sich mit den immer tragisch endenden Liebeleien der MCs Bootie Brown, Slimkid3, Imani und Fatlip zu Schulzeiten beschäftigt, eine traurig-doomige Ballade mit scary dröhnenden Kirchenorgeln.

11. Fuck Buttons – Sweet Love For Planet Earth (Andrew Weatherall Remix)
ATP Recordings / Neuton Medien / RTD
Andrew Weatherall erinnern die Fuck Buttons an »Fripp und Eno im Jahre 1973 – als ob man die Musik durch riesige Boxen hören würde, deren Membrane mit einem Schlachtermesser aufgeschlitzt wurden«. Sein Remix bereichert das trippige Original um riskante Hallschleifen und eine mächtige Bassdrum.

12. Gang Gang Dance – House Jam (Hot Chip Remix)

Warp Records / RTD
Mit Tag-Team-Technique veröffentlichen Hot Chip derzeit Remixes wie am Fließband: Buraka Som Sistema, Late Of The Pier, Skream, die bereits gespielten The Pharcyde sowie die New Yorker Weirdos Gang Gang Dance holten sich kürzlich Editierungen ihrer Originale ab. Der vorliegende »House Jam«-Remix zeigt Schwächen und Anflüge von Genialität – nachhören kann man ihn als exklusiven Track auf der aktuellen Spex-CD #81.

13. Kylie – 2 Hearts (Version by Studio)

Information / Pias / RTD
»Two hearts are beating together«, säuselt Kylie Minogue in diesem Stück, das schwedische Produzententeam Studio untermauern den Track mit Balearic-Gitarre, Rasselschlägen, Handclaps und einer sanft wummernden Bassdrum.

Um mit einem schmierigen Schlusswort – liebe Hörer und Leser – zu enden: unsere Herzen schlagen im November wieder miteinander. Das nächste Spex-Mixtape auf Byte FM folgt in der Nacht von Dienstag, 25. November 2008 auf Mittwoch ab 00:00 Uhr.

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