In der Retrospektive: Laurel Halo im Feature aus SPEX N° 339

Foto: Leonard Grecco

Es hat viel zu lange gedauert. Anderthalb Jahre, um genau zu sein. Ein Wimpernschlag für Normalsterbliche, eine halbe Ewigkeit in der Zeitrechnung elektronischer Musik. Ebenso lange hat Laurel Halo mit der Nachricht auf eine Neuveröffentlichung warten lassen, seit ihr zweites Album Chance Of Rain erschien. Und wie das 2012er Debüt Quarantine durch die Decke schoss. Nun ist sie da. Die Nachricht. Im September wird Laurel Halo eine Doppel-EP mit acht Tracks auf dem Londoner Label Honest Jon’s veröffentlichen. Bis genaueres bekannt ist, bleibt Zeit für einen ausführlichen Rückblick. Das Feature zur Künstlerin aus Michigan aus SPEX N° 339.

Die musikalischen Erben von Detroit werden auch immer seltsamer. Was bei der Geschichte der Stadt niemanden groß wundern sollte. Zur Erinnerung: Das Zentrum der US-Autoindustrie, von dem aus Henry Ford vor gut 100 Jahren seine Tin Lizzie, den Ford T, als erstes Auto der Welt vom Fließband rollen ließ und in dem zur Boomzeit der Branche während der 50er-Jahre mehr als 1,8 Millionen Menschen wohnten, ist seit Jahrzehnten im Niedergang. Die Einwohnerzahl der Stadt schrumpfte bis heute um die Hälfte, ganze Straßenzüge sind unbewohnt, die Arbeitslosenquote liegt bei über zehn Prozent. Detroit ist eine in Zeitlupe sterbende Stadt. Zur unfreiwilligen Ikone des Zusammenbruchs wurde die Michigan Central Station, der monumentale frühere Hauptbahnhof Detroits. Jener neoklassizistische Bau von 1913 war mit 70 Metern Höhe einst das größte Bahnhofsgebäude der Welt. Zwischen den beiden Weltkriegen täglich von tausenden Passagieren genutzt, ging der Zugverkehr nach 1945 rapide zurück. 1988 wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Seitdem bevölkern hauptsächlich Obdachlose und Junkies die Ruine. Den vor drei Jahren geplanten Abriss konnte eine Denkmalschutzinitiative knapp verhindern.

Eine ähnliche Verfallsgeschichte erlebte auch die Musikindustrie der Motor City, vor allem in Gestalt der Motown Record Company. Nach der Blütezeit in den 60ern und frühen 70ern mit »Fließbandhits« von Soul-Heroen wie Smokey Robinson, Marvin Gaye oder Diana Ross, ging es mit dem Label zunächst künstlerisch, schließlich auch kommerziell bergab. Motown wurde im selben Jahr verkauft, in dem der letzte Zug den Detroiter Bahnhof verließ. Laurel Halo, die Heldin unserer Geschichte, war zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein Jahr alt.

Weil aber jedem Ende auch ein Anfang innewohnt, war 1988 zugleich das Aufbruchsjahr für die Detroiter Techno-Produzenten Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson. Die »Belleville Three«, die seit den frühen 80ern einer kleinen Detroiter Untergrundszene angehörten, wurden durch die 1988 in Großbritannien einsetzende Acid-House-Welle weltbekannt. Mit langfristigen Rückwirkungen auf die Stadt: Seit dem Jahr 2000 wird in Detroit jeden Mai zum Memorial Day Weekend das Detroit Electronic Music Festival abgehalten, bei dem elektronische Clubmusik aller Art zu hören ist. Unter den Besuchern des Festivals war 2003 auch die damals 16-jährige Ina Cube alias Laurel Halo aus Ann Arbor, einer 100.000-Seelen-Gemeinde im suburbanen Detroit. Zur Motor City hatte Ina Cube schon als Kind eine enge Beziehung: »Meine Mutter ist dort aufgewachsen. Sie hatte fünf Geschwister, es war eine typische, arme katholische Midwest-Familie, ich kann mich noch schwach an das Haus meiner Großmutter erinnern. Meine Eltern haben dort beide eine Zeitlang in der Autoindustrie gearbeitet.«

Mit der Techno-Tradition der Stadt war die junge Ina Cube bis dahin nur selten in Berührung gekommen, sie war zunächst eher traditionell orientiert. »Ich habe regelmäßig Klavier und Geige gespielt, für mich allein auch Gitarre geübt«, erzählt sie. Mit jenem ersten Besuch des Detroit Electronic Music Festivals änderte sich jedoch auf einen Schlag alles, der späteren Laurel Halo »erschloss sich eine völlig neue Musikwelt«, wie sie sagt. Bis 2010 kam sie jedes Jahr wieder, bis sie schließlich begann, sich selbst an elektronischer Musik zu versuchen. Später nahm sie ein Musikstudium auf, fand die akademische Form der Musikvermittlung jedoch bald ernüchternd. »Die Arbeit für das College-Radio oder wenn ich Carillon spielte (große Glockenspiele, die per Klaviatur bedient werden) und in freien Improv-Ensembles jammte – das hat mir mehr gegeben.« Unter ihren musikalischen Partnern waren bald prominente Jazzmusiker wie der Bassist Henry Grimes: »In Ann Arbor habe ich mit ihm mal ein Konzert gespielt, das war eine große Ehre und eine wirklich tolle Erfahrung für mich.« Inzwischen lebt Cube in Brooklyn, wie etwa auch Daniel Lopatin, der unter dem Namen Oneohtrix Point Never elektronische Forschungsvorhaben zwischen kosmischen Schwebeflügen und Werbejingle-Cut-ups betreibt. (Gemeinsam mit David Borden, James Ferraro und Sam Godin nahm man im letzten Jahr das Album Frkwys Vol. 07 auf.)

Die Musik der Motor City prägt Laurel Halo ungeachtet dessen weiter. Fragt man sie etwa nach ihren liebsten Platten von Detroiter Künstlern, gerät sie ein wenig in Entscheidungsnot. Als erstes fallen ihr schließlich More Songs About Food And Revolutionary Art von Carl Craig, Donuts vom Hiphop-Experimentalisten J Dilla sowie – am entwaffnendsten – Stevie Wonders Talking Book ein. Womit ein nicht unerheblicher Teil des musikalischen Spektrums der Stadt abgedeckt wäre – Prä-Punk-Bands wie MC5 oder The Stooges, letztere stammen bekanntlich wie Halo selbst aus Ann Arbor, dürfen an dieser Stelle allerdings nicht unerwähnt bleiben.

In Laurel Halos Musik tauchen die Stooges allerdings weniger als hörbarer, sondern vielmehr als konzeptueller Einfluss auf. Wenn man ihre knappe Diskografie aus drei EPs, einer Kassette und dem dieser Tage erscheinenden Debütalbum Quarantine als Maßstab nimmt, fällt es ohnehin schwer, ihre Vorbilder fein säuberlich zu sortieren. Techno ist eine eindeutige Inspiration, wie man auf den EPs Hour Logic oder Spring (unter dem Namen King Felix veröffentlicht) hören kann. Doch selbst da, wo Techno als eindeutige Folie dient, mischen sich von Drum’n’Bass bis Breakbeat und Drone stets andere Stile und Produktionsfacetten ins Gesamtbild. Laurel Halos Musik scheint sich in mehrere Richtungen gleichzeitig zu bewegen, stets zwischen den Bedeutungsebenen hin und her zu pendeln. Besonders auf ihrem für das Londoner Bassmusik-Label Hyperdub eingespielten Langspieldebüt verliert man leicht die Übersicht. Ihr kippbildhafter Synthiepop kommt ohne die genretypischen Zutaten aus, verkabelt abstrakte Soundscapes mit Synthesizer-Arpeggien, über denen Laurel Halos meistens roh aufgenommene Stimme dominant schwebt und mitunter leicht gewundene, an Kate Bush erinnernde Melodien intoniert. Was im Hintergrund geschieht, scheint zunächst nicht recht zu passen, doch ergibt sich aus dem Zusammenspiel der einzelnen Elemente eine wunderbare Traumlogik, in der Verstörung durchaus erwünscht ist.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass Laurel Halo zu ihren wichtigsten Inspirationen den Science-Fiction-Autor Philip K. Dick zählt. Dick, in dessen menschlichem Versuchslabor die Wirklichkeit regelmäßig mit mehreren Ebenen versehen ist, durch die man unversehens durchrauschen kann, um plötzlich hart auf dem Boden der Realität aufzustoßen oder sich im Rätselhaften zu verlieren, ist der ideale Stichwortgeber für Laurel Halos musikalisches Verweisdickicht, in dem man nie sicher sein kann, wo genau man im nächsten Moment landen wird. Und Rätsel sind bei ihr definitiv ein sinnstiftendes Element: »Wir verstehen einander nie wirklich, zudem fühle ich mich meistens wie Sternenstaub«, sagt sie. »Das ist traurig, aber auch lustig.«

Der Künstlername der 25-Jährigen lässt hingegen auf ein gerüttelt Maß an Hybris schließen. Wenn man sich symbolisch mit Lorbeer (Laurel) kränzt und darüber noch einen Heiligenschein (Halo) leuchten lässt, weckt das einiges an Erwartungen. Die stellt die Musikerin übrigens nicht zuletzt an sich selbst, wie sie entschlossen zu Protokoll gibt: »Ich will nichts weiter tun, als überwältigende Musik zu machen. Für etwas anderes bin ich gar nicht geschaffen!«

Laurel Halos Musik mit ihrem prominenten Gesang und den eigengesetzlich fließenden Songschichtungen verführt – wohl vornehmlich männliche Autoren – fast unweigerlich zu der Frage, ob ihr Zugang zu elektronischer Musik etwas spezifisch Weibliches habe. Was in erster Linie damit zu tun haben dürfte, dass es im Verhältnis zu den heerscharen maskuliner Laptop-Produzenten und Oszillatorenschinder bisher eher wenige weibliche Synthesizer-Nerds gibt. Für Laurel Halo sind solche Gender-Unterscheidungen großer Quatsch: »Manche Leute scheinen ganz selbstverständlich dieses beschissene Zeug zu unterstellen, dass weibliche Klänge immer leicht, luftig und unwirklich sind und dass alles mit Rums und Druck männlich ist. Ich hingegen höre Musik auf ganz andere Art, mir scheint ›heiß‹ das beste körperliche adjektiv für Musik zu sein, weil es alles umfasst. Die Leute schieben einem gerne Rollen unter, wie es ihnen passt, insbesondere bei weiblichen Künstlerinnen, sodass die Fantasien vom Innenleben der Künstler die Musik selbst verdrängen. Dabei ist es bloß Musik.«

Für Spekulationen über ihr Innenleben könnte Laurel Halo jedoch allein schon mit der Covergestaltung ihres Albums sorgen. Das zeigt nämlich einen Ausschnitt aus dem Gemälde Harakiri School Girls des japanischen Künstlers Makoto Aida, auf dem Mädchen in Schuluniform zu sehen sind, die sich mit Samuraischwertern wahlweise die Innereien herausreißen, den Kopf absäbeln oder ihre Körper anderweitig zerstückeln. Laurel Halos Erklärung für ihr Interesse an Aida kann entsprechende Spekulationen denn auch nicht vollständig aus der Welt schaffen: »Mir gefällt an ihm, dass er Themen wie Besitz und Fetisch frontal angeht, und dass seine Arbeit wirklich ansprechend ist, selbst wenn man es gar nicht möchte.«

Klar sein sollte zumindest so viel: Wer Laurel Halos Sound-Entwurf als harmlosen ätherischen Frauenpop wahrnimmt, ist ihr kräftig in die Falle getappt. Oder hat nicht richtig hingehört. Denn ihre Musik ist so reich an ambivalenten Regungen und Andeutungen, dass man sich gleichermaßen bestens unterhalten und ziemlich verunsichert fühlt, wenn man im letzten Song des Albums, »Light + Space«, mit dem Hinweis entlassen wird, das zuvor Gehörte seien doch alles »bloß Worte« gewesen. Was man dabei gar nicht genug an ihr loben kann, ist das völlig retrofreie Gestenrepertoire, in dem sie sich bewegt. Wenn eine Platte in diesem Jahr nach Zukunft klingt, dann ist es Quarantine. Eine ungewisse Zukunft zwar, aber dennoch oder vor allem deshalb eine aufregende und bezaubernde. Ist das am Ende der Sound des künftigen Detroit? Für die Gegenwart jedenfalls kann man schon einmal Hoffnung schöpfen. Laurel Halo gibt dazu allen Anlass. Wie fasst sie doch ihre eigenen musikalischen Ziele zusammen? »Präzision, verrücktere Songs und Klänge.« Philip K. Dick würde sich freuen.

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.