Im Sog – Transcentury Update No. 1 in der Rückblende

Beak

Drei außergewöhnliche Abende im ältesten Kinosaal Leipzigs, die man nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann. Ist es diese düstere weirdness, ist es der massive Männerüberschuss auf der Bühne? Die Macher des Transcentury Update No. 1 befanden, dieser Nenner sei das „explicit“, also das Explizite, Klare, Unmissverständliche. Doch klar ist nach diesem Festival eigentlich nur, dass Leipzigs Position auf der musikalischen Landkarte Europas ein deutliches Update erfahren hat.

Nachdem Patrick Higgins und Ensemble Economique bereits nach einer guten Stunde krankheitsbedingt durch sind, sind Bohren & der Club of Gore der Höhepunkt des ersten Abends. Es ist praktisch, dass sich die Mehrzahl der Leute die Lords der Langsamkeit am liebsten im Sitzen ansehen möchte – das UT Connewitz wirkt dadurch fast komplett voll, obwohl das Konzert lange nicht ausverkauft ist.

Bohren & der Club of Gore
Bohren und der Club of Gore

Donnergrollen und dichter Nebel kündigen das Konzert an. Die Bühnenbeleuchtung besteht nur aus wenigen Halogenspots, zwei beleuchteten Bassdrums und einer sich drehenden Snaredrum als ironischem Discokugel-Ersatz. Es beginnt eine Stunde (oder sind es zwei?) voller großartig schleppender, anschmiegsam morbider Musik, die jede Bar in einem David-Lynch-Film bereichern würde. Als die ersten Grasschwaden durch die Luft ziehen wirkt das seltsam deplatziert: Das hier ist Trinkermusik, gemacht, um dazu in ein Bierglas zu starren, nicht um breit herumzulümmeln.

Deplatziert, dann aber gleich unglaublich sympathisch wirkt der Humor von Saxofonist und Vibrafonist Christoph Clöser. Die Band als „drei Gammler aus Westdeutschland“ vorstellend, erinnert die Absurdität seiner Zwischenansagen an Helge Schneider. Anders als die „singende Herrentorte“, die übrigens genauso wie Bohren aus Mülheim an der Ruhr kommt, gibt Clöser eher den finsteren Herrenanzug. Er erzählt von der Weisheit des Alters, die sich in Regeln wie „erst Zelt aufbauen, dann saufen“ manifestiere, oder vom Motto, das hinter allen Bohren-Stücken stehe: „Keine Möbel, aber eine Putzfrau.“

alex-cameron
Alex Cameron

Der Freitag ist im Gegensatz dazu ziemlich wild geraten: Nachdem die Leipziger White Wine die Gemüter aufgewärmt haben, betritt Alex Cameron die Bühne: Shiny von den zurückgelegten Haaren über den silbrigen Anzug mit Hochwasserhosen bis zu den Lackschuhen, übt er sich in Dance-Posen, während die Musik vom Band läuft. Einzig sein „good friend and business partner“ Roy, der die ganze Zeit über unbeweglich auf einem Barhocker sitzt, steuert ein paar romantic vibes mit seinem Saxofon bei. Das Publikum ist indessen aufgekratzt, unterhält sich angeregt. Cameron kommentiert dies mit: „It’s friday night. People want to socialize.“

Nach ihm kommen Stereo Total an die Reihe, der Alkoholpegel im Saal ist indes deutlich gestiegen. Die Menge dreht bei jedem weiteren Hit mehr durch, es wird gekreischt und gegröhlt, während die Band sich ständig verzettelt, Françoise Cactus ihr Kazoo im Turnbeutel vergisst oder das richtige Liederbuch noch sucht. Irgendwann verkündet sie deshalb: „Macht einfach das Licht aus, wenn es vorbei sein soll.“ Es ist klar: Die meisten Leute sind wegen Stereo Total gekommen, und so leert sich der Saal auch ein wenig, als zuletzt Wooden Shjips aufdrehen. Deren Sound ist so voll, dass er die letzten Ritzen des Kinosaals ausfüllt. Dazu rauschen breitflächig krisselige Psychedelic-Muster über die Wand. Ein heftiger Kontrast zur vorherigen Band, die verbliebenen Stereo-Total-Fans allerdings stört das wenig: Sie tanzen alkoholbeseelt in die Nacht hinein.

marching-chruch
Marching Church

Samstags kehrt die Langsamkeit zurück. Ganze fünf Bands stehen an diesem Abend auf dem Programm, deshalb beginnt er schon pünktlich um 19 Uhr. Eine Uhrzeit, zu der die meisten Festivalbesucher wahrscheinlich gerade über ihr Abendessen nachdenken, was schade ist für die Leipziger Slow-Post-Rock-Combo Warm Graves, während sie spielen füllt sich der Saal nur allmählich.

Der andächtige Sog, in den sie die Anwesenden gezogen haben, erfährt durch den nächsten Act gleich wieder einen harten Bruch: Marching Church bestehen aus Sänger Elias Bender Rønnenfelt und einer Horde Musiker, die größtenteils aussehen wie britische Hooligans. Rønnenfelt selbst zelebriert eine massive Abgefucktheit, trägt einen zerschlissenen Pullover, taumelt über die Bühne und schreit mehr als er singt. Was zunächst irgendwie fasziniert, wirkt auf Dauer eher anstrengend.

clinic
Clinic

Während der Raum immer voller wird, ziehen Clinic das Publikum wieder in einen Sog – ihren ganz eigentümlichen. Wie immer treten sie in Operationskluft auf, wie immer liefern sie ein gleichförmiges, angenehm schräges Rock-Rumpeln ab. Dann kommt die Band, auf die die meisten gewartet haben: Beak> machen weiter mit dem Sog, ihr krautiger Progressive-Sound lässt das Publikum selig strahlen und begeistert im Rhythmus wogen. Die Band ist bestens gelaunt. Geoff Barrow führt das bei sich selbst auf die Schmerzmittel zurück, die er vor dem Konzert genommen hat. Billy Fuller wird zwischendurch mit einer Tablette beworfen, woraufhin die Band ausführlich rätselt, ob das nun Ecstasy sei oder nicht. Obwohl der Zeitplan ziemlich straff ist, fordert das Publikum johlend eine Zugabe, die letztlich gewährt wird. Barrow findet noch Zeit, sich über die politischen Ereignisse des Jahres auszulassen, kommentiert Trumps Wahlsieg mit: „We need to fuck them!“ und den Brexit mit: „We are an EU band.“

Deerhoof
Deerhoof

Nach Beak> leert sich der Saal wieder ein wenig, obwohl zum Abschluss noch ein großer Name auf dem Zettel steht: Deerhoof schicken sich an, den Sog an diesem Abend ein zweites Mal zu brechen. Ihr schriller, krachiger Sound weckt die Leute wieder auf, bläst aber auch die Beak>’sche Seligkeit aus den Ohren. Am Ende wirkt das Transcentury Update wie die Lieblingsband-Zusammenstellung echter Musiknerds – oder wie Geoff Barrow sagt: „There are fantastic bands playing on this festival. And we’ve played enough festivals to tell you this.“ Vielleicht ist der gemeinsame Nenner da auch erstmal egal.

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