Im Osten viel Neues: Polnisches Kino hat Hochkonjunktur & das Berliner Festival Film Polska feiert Zehnjähriges

Foto: Warschau 44

Ab heute wird beim Film Polska sieben Tage lang in diversen Berliner und Potsdamer Kinos der aktuelle polnische Film gewürdigt.

Man kann es nicht anders sagen: 2015 ist bisher ein ziemlich gutes Jahr für das polnische Kino. Paweł Pawlikowskis Drama Ida gewann als erster polnischer Film den Oscar in der Kategorie Bester Nicht-englischsprachiger Film, Małgorzata Szumowskas tragisch-philosophische Komödie  Body wurde mit einem Silbernen Bären veredelt, und – es grenzt an Fügung – außerdem feiert in diesem Jahr Film Polska, das größte polnische Filmfestival außerhalb Polens, sein zehnjähriges Bestehen.

Sieben Tage lang wird mit über fünfzig Produktionen, von denen viele noch nie hierzulande gezeigt wurden, das zeitgenössische Kinogeschehen Polens durchleuchtet. Wobei das Augenmerk des vom Polnischen Institut Berlin organisierten Festivals auch in diesem Jahr wieder auf Filmen liegt, die sich kontrovers diskutierten oder wenig aufgearbeiteten Teilen der jüngeren polnischen Geschichte annehmen.

Es gäbe wohl kaum einen geeignetern Film als genannten Ida, der anhand des inneren Konflikts zweier sehr unterschiedlicher Frauen fast beiläufig auch die Zerrissenheit Polens auf den Punkt bringt, um den Festival-Auftakt zu bestreiten. Als Ehrengast eingeladen ist die bedeutende Regisseurin Agnieszka Holland (Total Eclipse – Die Affäre von Rimbaud und Verlaine), die mit einer Retrospektive gewürdigt werden soll. Und gleichzeitig steht Holland Patin für einen weiteren Schwerpunkt des Festivals: die Frau vor und hinter der Kamera.

Auffällig ist der hohe Anteil junger Filmemacher. Diejenigen, die das kommunistische System nur noch als Schulkinder erlebt haben und unbefangen die leider immer noch zähe Geschichtsaufarbeitung vorantreiben wollen. Mit dem ambitionierten Warschau 44 wagt sich Jan Komasa an die Ereignisse des brutal niedergeschlagenen Warschauer Aufstands – immer noch hochsensibles Thema in Polen. The Caged Swallow (Regie: Bartos Warwas) beleuchtet vom Heute ausgehend das Aufwachsen während der politischen Unruhen in den 1970ern, Citizen (Regie: Jerzy Stuhr) thematisiert die Verlorenheit der Nachkriegsgeneration, Wojciech Starzowski in Zum Starken Engel die Nationalkrankheit Alkoholismus. Doch auch der ehrwürdige »Mann aus Eisen« Andrzej Wajda, mittlerweile 89-jährig, doch aktiv wie eh und je, weiß mit seinem Film über den Anführer der Solidarność-Gewerkschaft Lech Wałęsa immer noch dort anzusetzen, wo Mythos und Geschichte sich gegenseitig bis zur Unkenntlichkeit verwischen.

citizen
Foto: Citizen (Filmstill)

Natürlich wird auch das problematische Jetzt fiktionalisiert: die Irrungen und Wirrungen der neuen Mittelschicht (Kebab und Horoskop, Regie: Grzegorz Jaroszuk), der digitale Eskapismus (The Word, Regie: Anna Kazejak), oder das vermeintlich aufpolierte Warschau, das unter der glänzenden Fassade noch an vielen Stellen Brach liegt (Hardkor Disko, Regie: Krzysztof Skonieczny).

Wer nun eine todernste Leinwandwoche befürchtet, soll an die Worte Pawilowskis erinnert werden, der die Heimat in seiner Oscar-Dankesrede mit vier Worten würdigte: »You are what I love about Poland: Resilient, courageous, brave and funny!« Die Polen haben einen stark ausgeprägten Sinn für Humor, Absurdität und nicht zuletzt den Horror, dem im Club der Polnischen Versager ein ganzes Sonderprogramm gewidmet wird.

Workshops für junge Filmemacher unter der Leitung des Praunheim-Schülers Robert Thalheim und zahlreiche Gesprächsrunden mit Künstlern rahmen das Festival ein.

Film Polska
22. bis 29. April
Berliner Babylon, Zeughauskino, Arsenal, Filmmuseum Potsdam u.a.
Alle Informationen, Tickets und das vollständige Programm gibt’s hier.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.