Im O-Ton: 20 Jahre Raster-Noton

Alva Noto / Foto: Dieter Wuschanski

Die Techno-Avantgarde aus Chemnitz feiert im Berghain Geburtstag. SPEX gegenüber erklären die Gründer von Raster-Noton, warum sie sich fühlen, als wären sie immer noch auf dem Spielplatz.

Straight Outta Karl-Marx-Stadt. Wie kein anderes Label steht Raster-Noton für die Fortführung einer Avantgardehaltung, die noch unter den Bedingungen der DDR-Diktatur geformt wurde. Besondere Kennzeichen: ästhetische Strenge, Mut zur Sperrigkeit, ausgeprägter Hang zum Gesamtkunstwerk. Das »Archiv für Ton und Nichtton«, so die nüchterne Selbstbeschreibung von Raster-Noton, praktiziert Techno als universellen Ansatz. Die Acts des Labels verbinden Klangforschung mit kompromisslosem Design und Aktivitäten im Bereich der bildenden Kunst – und das seit mittlerweile 20 Jahren, mit weltweiter Wirksamkeit.

Ihre 1996 in Chemnitz begonnene Zusammenarbeit feiern die Label-Gründer Olaf Bender und Frank Bretschneider (beide waren Mitglieder der 1986 im damaligen Karl-Marx-Stadt gegründeten Band AG Geige) sowie Carsten Nicolai (alias Alva Noto) jetzt mit dem White Circle, einer durch die Lande ziehenden Klang- und Lichtinstallation, und einem großen Konzert- und Partyabend im Berghain in Berlin.

Bei einem Gespräch in den Räumlichkeiten über Nicolais Berliner Atelier erklären die Macher, wie sie sich fühlen, wenn sie auf 20 Jahre Raster-Noton zurückblicken. »Alt!« »Krank!« »Müde!«, rufen sie. Und brechen in schallendes Gelächter aus.

Carsten Nicolai: In erster Linie fühlt man sich alt, weil man gar nicht merkt, dass schon 20 Jahre vergangen sind. Das ist eine Menge Zeit, ein Kind wäre jetzt erwachsen. Aber wir fühlen uns nicht erwachsen, es ist, als wären wir immer noch auf dem Spielplatz. Viele der Platten, die wir vom ersten Tag an veröffentlichten, lieben wir immer noch – das ist großartig. Einiges davon ist vielleicht sogar avantgardistischer als heutige Veröffentlichungen. Wir sind manchmal überrascht, wie roh und experimentell die Dinge zu jener Zeit waren. Aber das war fantastisch. Wenn man so sehr drinsteckt wie wir und die ganze Zeit davon umgeben ist, bemerkt man gar nicht, wie 20 Jahre vorbeigehen.

Frank Bretschneider: Ich weiß gar nicht mehr, was für Erwartungen wir am Anfang hatten. Was ist das? Wird es Erfolg haben, wenn wir das anpacken? Was wird passieren? Wir haben nie daran gedacht, was in 20 Jahren sein könnte. Aber wenn ich heute zurückschaue, bin ich überrascht: Es ist echt ein ziemliches Ding, das wir da auf die Beine gestellt haben. Wenn ich mir allein die Zahl der Veröffentlichungen ansehe, es sind jetzt ungefähr 170 – in solchen Zahlen habe ich anfangs nie gedacht. Ich kann mich erinnern, wie wir damals darüber diskutierten: Es sollte schon etwas Langfristiges sein, aber wir wussten, wir arbeiten auf einem schmalen Terrain und machen etwas sehr Spezielles.

Olaf Bender: Ein zentraler Einfluss für uns waren Can. Nicht nur, was die Musik betrifft, sondern die ganze Art und Weise, wie sie das angingen. Can waren eine Musik-Crew, die großen Einfluss auf mehrere Generationen von Musikern hatte, aber man kann nicht behaupten, dass sie je besonders karriereorientiert gewesen wären oder gar Superstars. Sie passten nirgendwo zu hundert Prozent hinein. In unserer Vorstellung passte diese Haltung gut zu uns. Selbst ohne Masterplan war Raster-Noton doch als Langzeitprojekt angelegt. Es gibt bis zum heutigen Tag viele Dinge, in denen wir wirklich, wirklich unprofessionell sind. Zum Beispiel ist es nicht leicht, unsere Veröffentlichungen in Plattenläden zu finden, wir nehmen am normalen Tagesgeschäft des Musik-Business nicht teil. Daher bin ich sehr stolz darauf, dass wir als Label immer noch überleben. Aber das Beste ist, dass wir sehr viel Freiheit haben. Ich habe bis heute das Gefühl, dass wir unserer Platten im Grunde an Freunde verkaufen. Das merken wir vor allem bei unseren Auftritten: Wir könnten unser eigenes Publikum sein. Viele erfolgreiche Musiker spielen letztlich vor Leuten, mit denen sie danach keine Zeit hinter der Bühne verbringen wollen. Das ist bei uns anders, und diese Art von Freiheit liebe ich.

White Circle
28.-30.04. Halle am Berghain, Berlin
Mehr Informationen hier.

20 Jahre Raster-Noton
Konzert: Atom Heart, Dasha Rush, Emptyset, Grischa Lichtenberger; Party: Alva Noto, Byetone, Donnacha Costello, Robert Lippok, Kangding Ray, Kyoka, Marcel Dettmann, Alpha & Beta, Credit 00, Magda, Nastia
29.04. Berghain, Berlin
Alle Informationen hier.

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