Ikonika: »Es gibt keine Verschwörung.«

Sieht laut eigener Aussage gerne die Zukunft: Ikonika FOTO: Georg Gatas

Sieht laut eigener Aussage gerne die Zukunft: Ikonika   FOTO: Georg Gatas

Als »Aerotropolis« bezeichnet man Städte, die um eine Drehscheibe für den Luftverkehr errichtet werden. Da schwingt der Gedanke von ständiger Bewegung, von Künstlichkeit, aber auch von einer technokratischen Utopie mit. Dass die britische Bass-Produzentin Sara Abdel-Hamid aka Ikonika ihr neues Album nach dieser Art von Städten benennt, überrascht nicht. Denn die Musik darauf klingt wie der Soundtrack zu eben einer dieser Städte – sie klingt rastlos, sie klingt nach Oberfläche, sie klingt wie eine geniale und doch hirnrissige Vision.
Rückblende: Mit der Single Please / Simulacrum debütiert Ikonika im Winter 2008 auf dem hervorragenden englischen Plattenlabel Hyperdub – seither ihre Homebase. Mit diesem ersten Entwurf ihres Rezeptes, das vereinfacht ausgedrückt B-Boy-Beats mit R’n’B-esquen Melodien verbindet, etabliert sie sich auch gleich in der Bass-Szene (die damals noch Dubstep hieß). Es folgen weitere Singles und EPs auf dem von Steve Goodman aka Kode9 geführten Label, ein Ausflug auf Planet Mu (eine zweite nicht wegzudenkende Instanz im britischen Bass Continuum der vergangenen Jahre) sowie  das erste Album namens Contact, Love, Want, Have und die Gründung ihres eigenen Labels Hum + Buzz im Jahr 2010. Dann lange Zeit: Ruhe.
Aerotropolis, das erneut bei Hyperdub erscheint, ist nun die logische Fortsetzung ihres Œuvres. Denn auf diesem zweiten Album werden noch immer grimy Rhythmen mit süßlichen Synthlines gepaart, jedoch wirken diese weniger gebrochen und entsprechend tanzbarer. Das Album knüpft also auch da an, wo etwa ein Kuedo mit Severant oder ein Jam City mit Classical Club Mixes ihren Entwurf von Bass-Musik 2011 bzw. ’12 von der Hand ließen. Gründe genug, Sara Abdel-Hamid ein paar Fragen zu schicken.

Ist Aerotropolis für Sie eine Art Soundtrack zu einer Aerotropolis? Einer fiktiven oder einer realen – wie etwa Heathrow, der Stadt, in der Sie leben?
Es ist so ziemlich alles davon.

Wie stehen Sie Konzepten hinter musikalischen Werken gegenüber – auch als Konsumentin?
Für mich kommt das Konzept immer ganz am Schluss hinzu. Es ist quasi das Fazit, der Grund für alles. Die Musik aber kommt zuerst – und ist entsprechend das wichtigste an der Sache. Das Konzept und auch das Artwork sind da um die Geschichte lebendig zu machen, und um die anderen Sinne anzusprechen.

Im Zusammenhang mit dem neuen Album haben Sie den Film Gattaca erwähnt. Der Film wird als Teil der Familie von Streifen wie Jean-Pierre Jeunets The City Of Lost Children, Brazil von Terry Gilliam und natürlich Ridley Scotts Verfilmung von Philip K. Dicks Blade Runner gehandelt – also Filme mit einem dystopischen Setting, in dem Technologie ein eminenter Teil der Gesellschaft spielt. Denken Sie, wir werden so oder ähnlich enden?
Eigentlich bin ich eine positive Person. Darum: Nein. Aber um ehrlich zu sein, ich habe The City Of Lost Children noch nicht gesehen und bei Brazil ist es eine Weile her. Entsprechend kann ich die Frage nicht abschließend beantworten.

Dann bleiben wir bei Gattaca. Im Film wird eine Reihe von Themen angesprochen: Das Streben nach Perfektion, das Beeinflussen des Schicksals – oder auch Diskriminierung. Sind das Themen, die Sie grundsätzlich interessieren?
Ja, klar. Ich bin Teil einer Minderheit – es gibt nicht viele Frauen, die der Arbeit nachgehen, die ich mache; und nicht viele haben eine ähnliche Abstammung wie ich und zudem einen Arbeiterklasse-Hintergrund. Kurz: Ich hatte kein Rollenmodel. Wenn ich also an Gattaca denke, werde ich an eben diese Tatsache erinnert. Ich möchte das nicht allzu sehr ausführen – ich denke auch nicht, dass es eine Verschwörung oder so gibt. In meinen Augen hat der Film lediglich damit zu tun; also mit Themen wie Ambitionen oder Entschlossenheit.

Sind Sie eine Film-Liebhaberin?
Nicht fanatisch. Ich mag es aber auf jeden Fall, die Zukunft zu sehen – vor allem die Zukunft aus der Perspektive der Achtziger Jahre. Das war der Zeitpunkt, an dem wir Menschen angefangen haben, Technologie – also vor allem Computer – zu Hause zu benutzen. Zudem entstanden während dieser Zeit futuristische Filme und die Musik wurde zusehends elektronischer. Das finde ich faszinierend.

Spannend, dass Sie die Achtziger erwähnen. Denn das Artwork hat diesen Eighties-Touch. Wer hat das gemacht?
Das war Optigram. Er macht seit der Single Sahara Michael alle Artworks für meine Veröffentlichungen. Er ist auch für viele andere Artworks bei Hyperdub verantwortlich. Er versteht meine Musik. Und er kann meine Musik visuell übersetzen, ohne dass ich ihm ein striktes Briefing abzugeben habe.

Dann haben Sie ihm also auch nicht gesagt, er solle sich an dieser in den Achtzigern angewendeten Ästhetik orientieren?
Nein, das war nicht nötig. Für Aerotropolis hat er ohne Vorgaben dieses unmittelbare Artwork kreiert… Auch die Katze war seine Idee. Und sie lässt mich Millie vermissen – meine alte Katze. Sie war übrigens das Thema meiner zweiten Single… Wie auch immer, das Artwork erinnert mich eben an sie und das ist schön. Jedes Mal wenn ich das Cover sehe, muss ich an Millie denken.

Das klingt, als ob Sie sich in diesem Artwork verlieren könntest. Ich habe gelesen, Sie würden auch gerne Videospiele spielen. Beides – Kunst und Games – sind Wege um aus der Realität zu fliehen…
Generell mag ich es, alleine zu sein. Darum reise ich auch sehr gerne. Unterwegs zu sein gibt mir Zeit um das, was ich im Studio erlebe zu verarbeiten; weg von meiner Familie und meinem Sozialleben. Manchmal fühlt sich der Alltag für mich einengend, ja klaustrophobisch an.

Welche Art von Musik haben Sie eigentlich während des Produktionsprozesses von Aerotropolis angehört?
Ein paar elektronische Ambient-Sachen und dann viele Freestyle- und Pop-Platten meiner Schwester.

Abschlussfrage: Wie geht es bei Ihnen weiter – gibt es beispielsweise konkrete Pläne für Ihr eigenes Label Hum + Buzz?
Wir haben ein paar Sachen in der Pipeline, aber diese sind noch nicht spruchreif.

Ikonika Aerotropolis erscheint am 2. August beim Hyperdub / Cargo Records und ist nachfolgend komplett im Stream zu hören.

Ikonika live
16.08. Berlin – Berghain
16.12. Hamburg – Golden Pudel Club

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