„London ist am Arsch“, sagt der Musiker Gaika. Und zählt in einer Brandrede die Kapitalverbrechen der britischen Politik auf, deren Früchte heute das Land zu erdrücken drohen. 

„Schau dir diese verdammten Idioten an“, sagt der Taxifahrer und muss lachen. Vor dem Dorchester Hotel im noblen Londoner Bezirk Mayfair steht ein vergoldeter Lamborghini in einer Reihe mit vier anderen sündhaft teuren und geschmacklich fragwürdigen Sportwagen. „Das ist London“, erklärt er sichtlich amüsiert. „Wir befinden uns hier in der teuersten und lächerlichsten Gegend der Welt.“

London hat ein Problem. Die Stadt wandelt sich, tagtäglich. Das tun andere Metropolen natürlich auch. Aber in London läuft der Veränderungsmotor schneller, als es die Stadt an der Themse verkraften kann, und verpestet sie längst mit purem Gift. „London ist zur gigantischen Geldanlage geworden. Superreiche fucker kaufen alles auf und wohnen selbst vielleicht sechs Wochen im Jahr hier“, doziert der cabbie weiter, während er Belgravia durchquert und auf die Chelsea Bridge Richtung Süden zusteuert. Was heißt das für Londoner wie ihn? „Die Stadt stirbt uns unter den Füßen weg.“

Ein paar Meilen weiter südlich haben die Leute mit dieser Glitzerwelt nichts zu tun. Sie trennt eine unsichtbare Grenze, die man immer deutlicher spürt, je weiter man sich von den Lamborghinis entfernt. Es ist nicht nur eine Grenze der Kaufkraft, sondern auch eine ethnische. Straßen wie die Coldharbour Lane zwischen Clapham und Brixton sind alles andere als gepflegt, schon am frühen Nachmittag hängen hier Gruppen von meist schwarzen männlichen Jugendlichen an Hauseingängen und auf Parkbänken herum und beäugen Ortsfremde mit einer Mischung aus Abschätzigkeit und unverhohlener Aggression. Die etwas mehr als eine Meile lange Straße schaffte es erst kürzlich in die britischen Medien wegen der zweithöchsten Konzentration an Messerattacken im ganzen Land. Um die 40 allein im Jahr 2014.

„London ist im Arsch“, sagt einer, der auch einmal aus diesen Hauseingängen Passanten beäugte. Der Rapper Gaika Tavares, Künstlername schlicht Gaika, kennt in Brixton jede Gasse, er hat die meiste Zeit seines Lebens hier verbracht, war als junger Bursche in kriminelle Aktivitäten verwickelt. „Wie die meisten hier“, sagt er. Ein gutes Jahrzehnt später sitzt er mit Hut, Ledermantel und einem vergoldeten Hanfblatt am linken Ringfinger im Café eines Kinos an der Haupteinkaufsstraße seines Viertels. Er beäugt abwechselnd die Szenerie vor dem bodentiefen Fenster und seinen mit einem Herzchen geschmückten Cappuccino – fast ungläubig, als würde er beide nicht wiedererkennen. Als Kind habe er in diesem Kino mit seiner Mutter Filme über Malcolm X gesehen, erzählt er. Das habe ihn geprägt. Heute ist er der einzige Schwarze in dem weitläufigen Raum.

„Mehr Repression, weniger Chancen“

„Gentrifizierung gibt es überall. Das ist traurig, aber logisch“, sagt Gaika. Er selbst lebt seit kurzem gar nicht mehr im Viertel. Stattdessen verwenden seine Brüder und er einen Großteil ihres Einkommens darauf, ihre Mutter in deren Brixtoner Wohnung zu halten. Ohne Unterstützung durch ihre Söhne, einer Stipendiat am Bostoner MIT, der andere semi-bekannter Filmemacher, der sein Debüt Jonah 2013 beim Sundance Film Festival zeigte, und der dritte eben Musiker und längst mehr als ein Geheimtipp, könnte sich Mutter Tavares ihre zwei Zimmer nicht mehr leisten.

Dabei war die Familie nie wirklich arm. Während Gaikas Mutter gelegentlich als Verkäuferin jobbte, verdiente der mittlerweile verstorbene Vater sein Geld als Materialwissenschaftler, als ziemlich guter sogar. Dr. Tavares war der weltweit Erste, der es erfolgreich schaffte, ein hochleistungsfähiges Halbleitermaterial herzustellen – die wichtigste Grundlage heutiger Elektrotechnik. „Daher kommt wohl mein Faible für maschinenartige Klänge“, sagt Gaika. Während seine Schulfreunde mit Tamagotchis und Sammelkarten spielten, hantierte er zu Hause mit Röntgenspektrometern, magnetischen Systemen und anderem Fachwerkzeug seines Vaters. „Was für andere Papas Gitarre war, war für mich die Technik – die Initialzündung“, sagt er.

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„Wäre ich heute 18, ich wäre am Arsch.“ Foto: Ronald Dick

Dennoch geht es in Gaikas Musik immer auch um jene Ungerechtigkeit, die man als junger Schwarzer in den Vorstädten täglich erfährt. Die ohnehin längst Abgehängten würden immer weiter zurückgedrängt, ihre wachsende Unzufriedenheit brutal beantwortet, sagt Gaika. „Ich sehe von hier aus fünf CCTV-Kameras. Und wie viele nicht-kommerzielle Clubs oder echte Jugendzentren haben wir im ganzen Viertel? Vielleicht zwei.“ Diese Dinge sollen in seiner Musik spürbar werden, der ganz normale Wahnsinn: „Mehr Repression, weniger Chancen.“

Gaikas Musik ist mehr als mit der Klangfarbe von retrofuturistischen Sci-Fi-Filmen unterfütterter Post-Grime mit Hang zur Düsternis. Sie ist der Versuch einer Antwort der Marginalisierten. Seine Waffen sind Grime, House und eine der Sonne beraubte Version von jamaikanischem Dancehall. Daraus formt er ein Gemisch, das sich anhört wie der Soundtrack zu den Unruhen, die den Londoner Süden 2011 heimsuchten. „This is my city / And these are my streets / In a state of emergency“, heißt es in im Stück „3D“ von seiner jüngsten EP Spaghetto. In Gaikas Texten geht es um Ausweglosigkeit und Aufstand, die Unmöglichkeit der Liebe in einer kapitalgesteuerten Welt, um eine Standortbestimmung und nicht zuletzt ein kleines bisschen Romantik im Betondschungel. „We struggle every day in the rubble where we play / But I’ll stay and you’ll stay“, heißt es in „In Between 2“. Spaghetto klingt, als wolle Gaika mit seiner Musik eine Mischform skizzieren: Dystopie und Durchhalteparole zugleich.

Keine Anerkennung, keine Sichtbarkeit, keine Gnade

„Bullshit“, sagt er und lacht laut auf. „Wir leben mitten in dieser verdammten Dystopie!“ Wer das anders sehe, solle einfach mal um sich schauen: „Wir haben eine repressive, faschistische Politik. Die Leute kaufen den Tories jede noch so blöde Finte ab. Es gibt einen tiefsitzenden Rassismus, wir werden ständig überwacht, verlieren wegen des Terrorismus unsere Bürgerrechte und unsere Freiheit. Sogar unsere Kultur wird sanktioniert“, rattert er runter, ohne Luft zu holen. „Real talk? Ich würde lieber in Orwells 1984 leben.“

Gaika ist kein Mann der sanften Diplomatie. Nicht in seiner Musik und auch nicht im Gespräch. Und er möchte es auch gar nicht sein, das hält er in Zeiten wie diesen für unangebracht. Er sieht sich als Realist, der schonungslos die Wahrheit vertritt, modisch, musikalisch und textlich. Seine oft düsteren Outfits, die aus Sneakers geschneiderte Maske auf dem Cover seiner 2015 erschienenen EP Machine, die stets durch diverse Filter gejagte Stimme, die wie ein Reggae-Entwurf des Internetzeitalters klingt, die gespenstischen Beats und anklagenden Texte sind für ihn Übersetzungen des Status Quo seiner Umgebung. „Während meine Stadt vor die Hunde geht, kann ich schlecht vom Chillen am Strand singen. Schließlich steuern wir hier geradewegs auf den großen Knall zu“, erklärt er trocken. Die Situation sei gefährlicher, als man im Alltag wahrnehme. „Und deshalb kann ich nur Musik machen, die gefährlich klingt.“

Die Politik der Tories treibe die Leute in die Selbstaufgabe. Keine Anerkennung, keine Sichtbarkeit, keine Gnade. Einem Jugendlichen aus Croydon sei es egal, ob er in den Knast wandert, weil er jemandem ein Messer in den Rücken rammt, oder ob er selbst den Löffel abgibt. „Perspektivlosigkeit ist das größte Problem“, sagt Gaika, und es betreffe nicht nur diejenigen, die sich einen Nine-to-five-Job wünschen: „Hier wird auch niemand mehr Künstler. Meine eigene Geschichte wäre heutzutage nicht mehr möglich.“

Gaika wuchs in einem anderen London auf, in einer Stadt der progressiven Clubs, der Pirate-radio-Sender, der sich entfaltenden Subkulturen. „Seit die Tories an der Macht sind, werden diese Fixpunkte systematisch plattgemacht“, sagt er. Er selbst hatte noch die Möglichkeit, Grime-Events aufzuziehen, junge Künstler zu fördern und eine Szene zusammenzubringen. Als 15-Jähriger schmiss er seine erste Party, zu der Ashley Walters von der bekannten Grime-Truppe So Solid Crew kam. Zwei Jahre später war Gaika schon eine Nummer in der Stadt, zu seinen Partys in einer stillgelegten Lagerhalle kamen Grime-Fans aus der ganzen Stadt, auch viele Weiße aus den gut betuchten Vierteln. In den Jahren darauf arbeitete er weiter als Veranstalter, verdingte sich nebenbei mit Designjobs für befreundete Bands und Labels, bevor er nach einer Weile genügend Kontakte und Erfahrung gesammelt hatte, um selbst voll auf die Musik zu setzen. Gaika ist der Spross einer Szene, die es in dieser Form nicht mehr gibt: „Heute schließt ein wichtiger Club nach dem anderen, Radiomacher werden hart bestraft, nur staatlich oder kommerziell getragene Orte überleben“, sagt er und zeigt in Richtung der O2-Academy, ein Venue für mittelgroße Konzerte am anderen Ende der Straße. „Wäre ich heute 18, ich wäre am Arsch.“

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„Ich sage: Macht die Stadt zu Kleinholz!“ Foto: Ronald Dick

London ist also nicht mehr zu retten. Auch kreativ nicht: „Musik kann die Situation hier nicht retten. Meine nicht und auch die der anderen nicht“, sagt Gaika. Warum nicht? „Weil die Stimmen der Kids aus den Ghettos immer mehr verstummen. Es gibt keine Möglichkeiten mehr, außer man ist eine verkackte weiße Indieband ohne Meinung.“ Es gebe massenweise talentierte, junge Künstler in den Randbezirken, „aber ohne Clubs und Treffpunkte bildet sich keine neue Szene“.

„Die Kids müssen alles kurz und klein hauen. Nur das hilft.“

In der Folge sterbe auch jene künstlerische Energie langsam ab, die London lange Zeit einzigartig machte, die Leute wie Gaika überhaupt erst ermöglichte. Acts, die plötzlich auftauchen, an den Sound ihrer Vorbilder anknüpfen und ihnen gleichzeitig ihren eigenen Entwurf kontemporärer Musik an den Kopf werfen – für Gaika ein Phänomen der Vergangenheit. „Wen gibt es denn noch?“, fragt er mit ausgebreiteten Armen. „Skepta und seinen Bruder JME, seit Ewigkeiten dieselben Leute.“ Man könnte zwar noch Dizzee Rascal oder Wiley zur Liste hinzufügen, auch junge MCs wie Stormzy oder Bossman Birdie, aber die Botschaft ist klar: „Meine Generation kann noch von den Errungenschaften unserer musikalischen Vorfahren leben. Aber nach uns ist Schluss. Die Regierung hat die Stimme der Ghetto-Kids erfolgreich abgewürgt.“

Wenn alles derart aus den Fugen gerät, wenn Politik, Gesellschaft und auch die Musik versagen, wie kann die Lösung der Probleme aussehen? Für den Realisten Gaika ist die Sache klar: „Die Kids müssen alles kurz und klein hauen. Nur das hilft“, sagt er ohne Ironie. „Und das wird auch passieren.“ Auf die Ausschreitungen 2011 sei nichts gefolgt als mehr Repression. „Äußerlich wurde weiterhin business as usual betrieben, unter der Oberfläche aber haben sich die Bedingungen noch einmal drastisch verschlechtert. Dieser Druck muss dringend überkochen.“ Da ist sie wieder, die hohe Schule der Diplomatie nach Gaika. Von der britischen Presse wird er für solche Aussagen gerne wahlweise als Protestkünstler oder Gangster-Rapper bezeichnet, beides Zuschreibungen, die er vehement ablehnt. Gaika ist kein Gangsta, nur weil er von der Straße erzählt, und genauso wenig ein Protestler, bloß weil er zum Aufstand aufruft. Sondern das vertonte schlechte Gewissen einer zerfallenden Zivilgesellschaft. Mit den tradierten Kategorien zivilen Ungehorsams kann er ohnehin nichts mehr anfangen: „Ich werde mich jedenfalls nicht hinstellen und etwas von friedlichem Protest faseln. Ich sage: Macht die Stadt zu Kleinholz!“

Moment mal. Sich erheben? Gegen „die da oben“? War da nicht gerade etwas? „Der Brexit war eine rein weiße Bewegung“, sagt Gaika unbeeindruckt. „Und die Weißen hier sind bekanntlich irre.“ Niemand aus der schwarzen Bevölkerung Brixtons hätte gegen den Verbleib in der EU gestimmt. „Denn wir wissen, was als nächstes kommt: exit for us.“ Überhaupt sei das Gerede vom Aufstand im Zusammenhang mit der Kampagne für den Austritt aus der EU eine Farce. „Das waren Angehörige der Mittel- und Oberschicht, die sich der Rhetorik des Klassenkampfes bedient und unsere Sprache gestohlen haben“, sagt er. „Die sollen sich ficken.“

Während Gaika sich langsam von seiner gut einstündigen Brandrede erholt und die Sonne hinter der nahegelegenen St. Matthew’s Church untergeht, traut man sich kaum zu fragen, ob es überhaupt noch Hoffnung gebe. Für London, Großbritannien, die Welt. „Darum geht es doch in meiner Musik“, sagt er und schaut etwas verwundert. „All meine Songs sind für diese Ghetto-Kids geschrieben.“ Er zeigt aus dem Fenster. „Es geht mir dabei nicht um Hoffnung an sich, auch nicht um Besserung. Aber wenn ich ein paar Leuten das Gefühl geben kann, dass man ihr Leben versteht, ist meine Arbeit getan.“

Auf dem Weg aus dem Kinocafé, hinaus in die kühle Brixtoner Abendluft, erzählt Gaika beiläufig, dass der Onkel eines schwarzen Bekannten gerade an gebrochenen Rippen und einem kaputten Jochbein laboriere. „Polen“, sagt er. „Sie haben ihn anscheinend auf offener Straße angegriffen.“ Einige karibischstämmige Londoner hatten nach dem Brexit Osteuropäer überfallen. „Weil sie unsinnigerweise glaubten, die hätten irgendetwas mit ihrer miesen Situation zu tun“, sagt Gaika. Der Angriff jetzt sei wohl eine wahllose Racheaktion gewesen. „Wie soll man da noch Hoffnung haben?“