„Ich würde gern sterben“ – Rosa von Praunheim im Interview

Foto: Oliver Sechting

Die Ausstellung Abfallprodukte der Liebe in der Berliner Akademie der Künste beleuchtet ab 18. Mai Leben und Werk der drei Filmschaffenden Elfi Mikesch, Werner Schroeter und Rosa von Praunheim. Die „Poetin“, der „Ästhet“ und der „Politische“, wie von Praunheim das Dreiergespann bezeichnet, verband Freundschaft, Liebe und das gemeinsame Schaffen. Der Kultregisseur und Mitbegründer der politischen Schwulenbewegung Rosa von Praunheim feierte im November seinen 75. Geburtstag und brachte kurz darauf sein autobiografisches Stück Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht auf die Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. Im Spex-Gespräch zuhause in Wilmersdorf redet er über Liebe und Tod, die Rolle von Frauen und darüber, warum die Alten es richten sollen.

Rosa von Praunheim, in Abfallprodukte der Liebe geht es laut Pressetext um „die Verdichtung künstlerischer Freundschaft zum biografischen Motiv.“ Bei Ihnen waren die Übergänge zwischen künstlerischer Freundschaft und Liebesbeziehung oft fließend. Haben Sie je versucht, Grenzen zwischen beiden zu ziehen?
Das kommt ja nicht so oft vor. Oder doch? Das mit Werner Schroeter fing an mit einer Liebesgeschichte, die aber nicht sehr lang dauerte, dann wurde es eine Freundschaft und Arbeitsbeziehung. Und dann hat ja jeder seine eigene Karriere gemacht. Elfi Mikesch hat bei unseren Filmen zuerst fotografiert und dann sehr viel Kamera gemacht, ist dann auch sehr berühmt geworden als eigenständige Regisseurin. Sonst arbeite ich seit 40 Jahren mit Mike Shephard, das war fünf Jahre eine Liebesgeschichte und wir wohnen immer noch zusammen. Und mein Freund Oliver (Sechting), mit dem ich seit zehn Jahren zusammen bin und der jetzt ebenfalls eigene Filme gemacht hat, unterstützt mich auch in der Arbeit, machte Ton und vieles mehr.

Viele der Menschen, mit denen Sie künstlerische Beziehungen und auch Liebesbeziehungen pflegten, sind mittlerweile verstorben. Mischt sich in das Gefühl der Liebe nicht irgendwann auch so etwas wie Schmerz?
Naja, diese Liebesgeschichten dauern ja nicht ewig. Bei Werner Schroeter war das wie gesagt sehr kurz. Natürlich, wenn jemand, mit dem man verbunden war, stirbt, ist das ein Bruch. Aber es sterben ja ständig Leute. Besonders in der AIDS-Zeit, in der ich ja politisch sehr aktiv war, waren das ja hunderte, tausende, die gestorben sind. Aber jetzt in meinem Alter ist das ganz natürlich, dass wir sterben. Natürlich ist das immer ein Bruch, aber man ist ja selbst bald tot.

„Ich habe mit Männern nicht so viel am Hut, außer sexuell.“

Gibt es einen Modus, wie man damit umgehen kann?
Man geht einfach damit um. Ich würde gern sterben. Ich finde alt werden nicht so erstrebenswert. Ich habe mir in der Ausstellung ja auch ein Mausoleum gebaut. Aber momentan geht es mir gut, ich bin aktiv und mache sehr viel – insofern sind die Dinge wie sie sind.

Dieses Mausoleum, von dem Sie gerade sprachen, ist ihr eigenes Mausoleum?
Nicht nur. Ich throne zwar darüber, und da steht: „Tote Stars“, aber gewidmet ist es Lotti Huber und meiner Tante Luzi aus der Bettwurst. Zwei Frauen, die mich und meine Filme bereichert haben mit ihrem Talent und die beide tot sind.

Warum haben es außer Ihnen nur Frauen in dieses Mausoleum geschafft?
Ich habe mit Männern nicht so viel am Hut, außer sexuell. Ich habe jetzt Glück, am Deutschen Theater läuft gerade mein Stück Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht, ein Musical: Die beiden Hauptdarsteller sind großartig. Das sind heterosexuelle Männer, der eine spielt mich als schwulen Mann. Die beiden werden auch die Hauptrollen spielen in meinem nächsten Film Tödliche Tropfen. Ansonsten habe ich viel mit Frauen gearbeitet, also als Identifikation des Schwulen mit dem Weiblichen. Viele schwule Regisseure haben Frauen zu Protagonisten gehabt, Fassbinder hat das gemacht, Pedro Almodóvar und wie sie alle heißen. Frauen haben den Vorteil, dass sie fantasievoller sein dürfen in der Gesellschaft. Sie dürfen sich fantasievoller anziehen, sie dürfen auch mehr Gefühle zeigen. Das macht sie auch interessant. Und für einen schwulen Mann, der diese feminine Seite eben gerne ausleben möchte oder bewundert, gibt es da oft eine Freundschaft zwischen Frauen und Schwulen. Männer sind da eher langweilig: spielen Krieg, saufen, sind aggressiv. Das ist das, was der schwule Mann in der Regel nicht so toll findet. Insofern gibt es da erst mal nicht so viele direkte Bezugspunkte, eher auch Angst.

Angst wovor?
Aggression, Ablehnung.

1 KOMMENTAR

  1. Das Interview hat mich durch seine Ehrlichkeit und Direktheit sehr berührt. Ich fühle mich Rosa sehr verbunden. Was er über Männer, Frauen und das Sterben sagt, sehe ich genauso, obwohl ich eine Frau bin. Trotzdem hoffe ich, dass das Alt werden noch ein bisschen wartet.
    Ich hoffe, das lässt sich hinausschieben, wenn man aktiv und optimistisch bleibt. Jedes neue Projekt hält und jung und lebendig. Rosa ist ein großes Vorbild für mich. Er hat immer wieder neue Ideen und setzt sie um, auch wenn seine Kräfte sicher nachlassen. Jeder neue Erfolg stärkt uns und bereichert die Welt!

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