»Ich will die Musik umkrempeln« – Peder Mannerfelt im Interview

Fotos: Miguel Angel Regalado

Schwer zu knacken: Die Musik des Produzenten, Musikers und Labelbetreibers Peder Mannerfelt ist eine harte Nuss. Im SPEX-Interview gibt sich der Schwede vergleichsweise zugänglich – ein Gespräch über die politische Dimension von Instrumentals, kulturelle Aneignung und fehlende Innovationen in der schwedischen Musiklandschaft.

Peder Mannerfelt hat als Produzent für Fever Ray und Blonde Redhead gearbeitet und kein Problem damit, im Hintergrund zu agieren. Auch in Bezug auf seine eigenen Tracks blieb der Schwede lange anonym. Viele Jahre veröffentlichte Mannerfelt seine Produktionen und Remixe unter dem Pseudonym The Subliminal Kid. Erst 2013 folgte das Bekenntnis zum eigenen Namen. Als Peder Mannerfelt arbeitet er oftmals abstrakt und immer detailverliebt. Trotzdem folgen seine Konzeptalben stets einem Narrativ. In einer EP-Trilogie erforschte Mannerfelt zuletzt die Dynamik der Wiederholung, auf seinem aktuellen Studioalbum Controlling Body widmet er sich der Ambivalenz von Kontrolle. Im November ist Mannerfelt bei Loop, einem Summit von Ableton für Musikmacher, in Berlin zu Gast, um unter anderem über die Frage zu diskutieren, ob und inwiefern Sounds sich – jenseits des klassischen Protestsongformats – politisch positionieren können.

Peder Mannerfelt, wenn man Ihre Musik auf Vinyl hört, weiß man manchmal gar nicht, welche Geschwindigkeit man einstellen soll. Zuletzt ging es mir bei der EP III so. Das lag auch daran, dass die Tracks eine sehr repetitive Struktur haben und das Tempo eher zweitrangig zu sein scheint. Was ist der Reiz der Wiederholung?
Ich versuche, meine Musik so minimalistisch und reduziert wie möglich erscheinen zu lassen. Aber es ist schwer, diese Strategie konsequent zu verfolgen. Irgendetwas verändert sich immer, auch wenn ich mir das nicht vornehme. Ich mag den Gedanken, dass Wiederholung auch Veränderung bedeuten kann. Wenn man eine Sache so lange wie möglich wiederholt, hört und erkennt man dabei automatisch auch andere Dinge. Das gilt in ähnlicher Weise auch für Humor und die Funktionsweise von Comedy: Wenn man eine Sache ständig wiederholt, kann das sehr lustig werden.

Im Track »Limits To Growth« Ihres aktuellen Albums fordert eine Frauenstimme fünf Minuten lang unentwegt »Create« zu monotonen Beats – eine Anspielung auf den Kreativitätsdruck, dem Sie als Musiker auch ausgesetzt sind?
Für mich steckt hinter dem Track ein anderer Sinn, aber mir gefällt die Idee. Jeder verbindet mit Wörtern etwas Unterschiedliches und ich genieße die Möglichkeit, dass so diverse Bedeutungen entstehen. Bevor ich mit einem Track beginne, habe ich bereits ein loses Konzept und einen Rahmen erarbeitet, am dem sich die Musik orientiert. Aber man muss dem Hörer nicht zwangsläufig mitteilen, wie bestimmte Passagen aufzufassen sind.

»Ich mag den Gedanken, dass Wiederholung auch Veränderung bedeuten kann.«

Traditionelles Songwriting übt scheinbar keinen Reiz auf Sie aus.
Selbst die klarsten Singer/Songwriter-Botschaften kann man unterschiedlich verstehen. Es gibt immer Raum für Interpretation. Als ich angefangen habe, Musik unter meinem eigenen Namen zu veröffentlichen, habe ich gar nicht versucht, möglichst verfremdet zu klingen. Aber ich würde trotzdem sagen, dass es nicht sonderlich einladend wirkt. Ich empfinde die Musik als sehr persönlich, möchte dem Publikum aber trotzdem nicht zu viel preisgeben.

Auf Controlling Body wird die weibliche Stimme durch die Loops stark fragmentiert und man hat den Eindruck, dass sie so von der Person, die sie besitzt, gelöst wird.
Ich behandele die Stimme exakt so wie einen Sound. Ich versuche die Klänge ohne Hierarchie zu arrangieren. Die Stimme wiederholt sich bei mir in derselben Weise wie die Kick-Drums. Für mich gibt es keine Konventionen, wie man eine weibliche Stimme in Szene zu setzen hat. Andererseits muss auch kein mächtiger Bass die Hauptrolle spielen. Man kann die Art, wie ich Audios verwende und arrangiere, durchaus politisch begreifen.

Roll The Dice, das Ambient-Projekt, das Sie mit Malcolm Pardon betreiben, kommt ganz ohne Samples und Vocals aus. Eine der wichtigsten Bands des Genres sind Qluster. Ich halte es nicht für abwegig, dass auch Instrumentals eine politische Aussage transportieren können. Wenn Qluster beispielsweise Bilder der Natur hervorrufen, kann uns das daran erinnern, dass die Macht und Souveränität des Menschen eine Grenze hat. Bei Loop werden Sie darüber diskutieren, ob Sounds politische Entwicklungen kommentieren können. Wie sehen Sie das?
Das hängt auch davon ab, aus welchem Umfeld der Hörer kommt und mit welcher Motivation man an die Musik herantritt. Ambient, generell jede Musik, die nicht auf Texte zurückgreift und mit dem Anspruch auftritt, politisch zu sein, muss viele Details berücksichtigen. Die Wahl des Titels ist relevant. In welchem Kontext man auftritt, mit wem man weshalb zusammenarbeitet, wie das Artwork aussieht – es gibt eine Menge Möglichkeiten, ein Werk politisch aufzuladen.

Es scheint aber auch im Produktionsansatz möglich zu sein. Auf Ihrem Album The Swedish Congo haben Sie afrikanische Musik aus dem Archiv verarbeitet, aber nicht nur gesampelt, um klarzumachen, dass es Ihnen nicht um kulturelle Aneignung geht.
Es war eine Herausforderung für mich, diese Rhythmen zu durchdringen. Ich habe über ein Jahr an den Aufnahmen gearbeitet, sodass ich mich während der Produktion in einem richtigen Kaninchenloch befand. Afrikanische Stammesmusik lediglich zu sampeln und aus ihr mit bekannten Mitteln wie Loops Technotracks zu machen, wäre zu einfach gewesen. Stattdessen ging es mir darum, die Musik umzukrempeln und etwas Neues aus ihr zu kreieren. Das war die politische Absicht dahinter: Ich wollte mir diese Musik nicht als privilegierter, nordeuropäischer, weißer Mann aneignen. Ich habe mich sehr bemüht, dieser Musikkultur gegenüber meinen Respekt auszudrücken. Auf Controlling Body verläuft das genau andersherum: Hier basiert vieles auf Samples.

»Etwas wie Dubstep hätte in Stockholm niemals entstehen können.«

Loop möchte einen Austausch zwischen Musikmachern und Produzenten ermöglichen. Wie wichtig ist Ihnen Feedback während der Produktion?
Ich konnte Musik lange nicht alleine fertigstellen. Das war ein riesiges Problem. Ich war immer auf jemanden angewiesen. Ich genieße jede Form von Austausch. Kritik ist extrem wichtig – der Blick von außen treibt die Dinge voran.

Was bedeutet für Sie als Musiker, der nach eigener Aussage eher schwer zugängliche Werke produziert, die Poptradition Schwedens?
Es gibt fantastische Musik aus Schweden. Aber vor allem in Stockholm versteht man es, etwas bereits Vorhandenes zu perfektionieren und es noch besser als das Original zu machen. Das gilt für Mando Diao und den Garage-Rock genauso wie für Disco und Abba. Aber vor allem in Stockholm hat man nie etwas erfunden – es gibt hier wenig Künstler, die für mich wirklich originelle Arbeit leisten. So etwas wie Dubstep hätte in Stockholm niemals entstehen können. Andererseits gibt es natürlich auch The Knife, deren Sound einzigartig ist. Auch die Musik von Klara Lewis, mit der ich schon auf meinem Label zusammengearbeitet habe, entwickelt eine ganz eigene musikalische Stimme, die sich jenseits der vorgegebenen Grenzen und Strukturen bewegt.

Loop – Ableton Summit For Music Makers
04. – 06.11. Berlin – Funkhaus
Alle weiteren Infos finden sich hier.

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