„Ich weine die ganze Zeit, immer und überall“ / Colin Self im Interview

Colin Self / Foto: Jonathan Grassi

Kann man Siblings, das ja finaler Part deiner Opernserie Elation ist, in dem Sinne als ein mahnendes Ende verstehen? 
Ich will klarmachen, dass die Apokalypse – auch wenn sie unausweichlich scheint – nicht auf einen Schlag kommen wird. Und wir, bis es soweit ist, gelernt haben müssen, gemeinsam zu leben und zu überleben. Aber, dass ich diese Nachricht in eine Oper packe, geht auf eine völlig verrückte Idee zurück! (lacht) Vor sieben Jahren haben meine Freund_innen mein durchgeknalltes 23-järhiges Ich gebeten, mit einer Performance aufzutreten, die ich in jugendlichem Größenwahn mit den Worten begonnen habe: Dies wird die erste von sechs Opern sein! (lacht) Tja, ich wusste nichts über die Oper und auch heute weiß ich nur wenig. Und was ich weiß, mag ich nicht. Alles ist so elitär! Das wollte ich ändern. Meine Oper sollte ein Gesamtkunstwerk sein. Eines, in dem man gemeinsam eine kollektive Katharsis erlebt. Ich und meine Freund_innen als Geschwister.

„Ist man der einzige nicht-binäre Mensch inmitten von lauter cis-Leuten, ist man immer der Weirdo.“

Zugegeben, die Songs des Albums erinnern nur in wenigen Momenten an eine Oper, dann aber besonders während der ergreifenden Balladen, die sich mit geradezu ekstatischen Technosequenzen abwechseln. Ich als Hörerin habe gemerkt, dass gerade diese Mischung auch eine emotionale Bandbreite in der Rezeption hervorruft. War genau das deine Intention?
Ich persönlich kann Alben nicht leiden, die nur an ein einziges Gefühl appellieren. Traurig soll man sein, oder eben glücklich. Aber es gibt doch ein riesen Spektrum an Emotionen! Und genau das ist wichtig. Vor allem als queerer Mensch ist man ständig damit konfrontiert: Frau ist sensibel, Mann ist stark. Ich selbst weine die ganze Zeit, immer und überall. Aber meinen Vater beispielsweise habe ich nur ein einziges Mal weinen sehen. Und das war, als er einen hysterischen Lachanfall hatte. Er hat sich aus Scham sogar im Badezimmer versteckt. Diese toxischen Verhältnisse, diese geschlechtsspezifischen Limitierungen müssen gesprengt werden. Der Mensch ist komplex und muss es auch sein dürfen.

Du sagst, Veränderung braucht Zeit und Mut. Da stimme ich dir vollkommen zu, nur würde ich den Begriff von Mut noch erweitern. Die Menschen müssen sich endlich trauen, Dinge und Lebensformen zuzulassen, die sich nicht verstehen. 
Witzig, dass du das sagst. Denn vor wenigen Tagen erst fragte mich ein_e Interviewer_in, wie ich denn damit umgehen wolle, sollten Hörer_innen mein Album nicht verstehen. Ähm, naja, dann verstehen sie es halt nicht? (lacht) Für wen soll ich denn eigentlich verständlich sein? Als queere Person verfolgt einen diese Frage. Ist man der einzige nicht-binäre Mensch inmitten von lauter cis-Leuten, ist man immer der weirdo, der komische Sachen sagt und tut. Aber natürlich freue ich mich sehr, wenn ich merke, dass es auch solche gibt, die meine Musik verstehen, die sich damit identifizieren. Höre ich andere meine Songs singen, muss ich weinen. Es ist so ergreifend zu erkennen, dass ich nicht die einzige Person mit solchen Problemen bin. Und dann vergesse ich direkt, dass ich diese Lieder geschrieben habe! So als wäre ich ein Sprachrohr für viele andere.

Sicherlich wird es Leute geben, die Siblings hören und verwirrt sind von seiner Heterogenität. Die sich einzelne Songs rauspicken und die dann auf Dauerschleife hören. 
Doch genau so funktioniert ein Album nicht, so sollte es zumindest nicht funktionieren. In Zeiten von Streamingdiensten wird Musik zum Hintergrundgeräusch. Diese unsäglichen Playlists! Chill Study Music, Chill Workout Music, Chill Winter Playlist. Und dann klingt alles gleich! So stirbt das Medium Album aus! Es braucht Überraschungen und Irritationen. Deshalb hatte ich ursprünglich auch einen ziemlich…naja…extremen Plan für das Album Siblings. Zum einen sollte es 31 Songs umfassen. Von denen manche auf dem Album erscheinen, andere aber im Internet versteckt sein würden. Und so müssten die Hörer_innen im Cyberspace auf eine Art Schatzsuche gehen, bis alle Stücke aufgespürt wären. (lacht) Aber in der Musikbranche heißt es, man dürfe niemandem ein 80-Minuten Album zumuten und so musste ich mich an die gängigen 45 Minuten halten. Und bisher verdiene ich einfach nicht genug, um das selbst stemmen zu können. Ich und meine Freund_innen sind sehr darauf angewiesen, dass Menschen Lust auf die Dinge haben, die wir tun. Und bereit sind, Geld in uns zu investieren.

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