„Ich weine die ganze Zeit, immer und überall“ / Colin Self im Interview

Colin Self / Foto: Jonathan Grassi

Ein Interview mit Colin Self, dem US-amerikanischen, queeren Musiker und Performancekünstler, ist wie ein Date mit dem_der guten Freund_in. Man trifft sich in der Kreuzberger Altbauwohnung, die voll von Pflanzen, Platten und zusammengesammeltem Geschirr ist. Nach langer Umarmung greift man sich eine der vielen bunten Tassen, füllt sie mit Tee und stellt sich in den Rahmen der Badezimmertür, um zu warten, bis der_die andere mit dem Wäscheaufhängen fertig ist. Dann wird sich unterhalten, weniger also werden Fragen gestellt und Antworten gegeben.

Obwohl sich Self und unsere Autorin nicht kannten, war die Stimmung von Beginn an eine vertraute und eine voller emotionaler Höhen und Tiefen. Ebenso wie die besprochenen Themen. Denn im Interview ging es um Fragen nach der Zukunft des Planten, des Menschen und der Geschlechtlichkeit, die allesamt zeigten: Der sozialgesellschaftliche Wunsch nach völliger Harmonie muss und wird unerreicht bleiben.

Colin Self, lass uns direkt mit dem Unangenehmen beginnen: Vor zwei Jahren bist du von New York nach Berlin gezogen, in eine Stadt, die viel kreativen Raum für nicht-binäre Künstler_innen bietet. Wie gehst du damit um, dass nun in beiden deiner Heimatländer zunehmend konservative, rechte Politiker_innen an Macht gewinnen?
Natürlich macht es einem Angst, zu beobachten, wie die Rechten auch außerhalb von Deutschland und den USA zunehmend politischen Einfluss bekommen. Als Donald Trump gewählt wurde, war ich in Berlin und noch am Schlafen. Schlagartig bin ich aufgewacht, weil ich wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Aber ebenso schnell machte ich mir bewusst, dass es schon immer, schon in der gesamten Geschichte der Menschheit faschistische Leute an der Spitze von Nationen gab und wieder andere, die für das Gute in der Welt kämpften. Die Stimmen, die Krieg und Unterdrückung fordern, werden nur ab und zu leiser. Und dann umso lauter, wenn sich eine Person findet, die eben diese Forderungen öffentlich durchsetzen möchte. Dass derzeit allgemein eine so große Verschlechterung der politischen Situation wahrgenommen wird, liegt einfach daran, dass die positiven Entwicklungen, der Widerstand, kaum erwähnt werden in den Medien. Man hört täglich von Bombenanschlägen, von Morden, aber nicht von Protestaktionen, vom Mut in der Welt.

„Man hört täglich von Bombenanschlägen, von Morden, aber nicht von Protestaktionen, vom Mut in der Welt.“

Welche Gründe hat das deiner Meinung nach?
Wüssten die Menschen, wie viel Macht sie haben, wären sie vermutlich zu weiteren und noch extremeren Aktionen bereit. Das möchte die Politik verhindern. Dadurch dass lediglich Informationen übers Scheitern zu einem gelangen, ist man natürlich demotiviert. Kürzlich habe ich einen Vortrag von der Whistleblowerin Chelsea Manning gehört, die sieben Jahre für eine außerordentlich mutige Tat im Gefängnis saß. Und sie betonte, dass wir uns die Hoffnung zurückholen müssen. Wir müssen nach den inspirierenden Geschichten suchen! Eine von solchen habe ich zum Beispiel selbst erlebt: Im letzten Jahr habe ich eine Chor-Gruppe in New York geleitet, wir waren etwa 20 Leute. Und wegen der Unmenschlichkeiten, die in unserem Land passieren, wollten, ja mussten wir protestieren. Es war die Zeit des Muslim Ban. Also fuhren wir zum JFK Airport, doch das NYPD hatte kurz zuvor den Eingang des Flughafens abgeriegelt für alle, die keinen Boardingpass hatten. Innerhalb weniger Stunden bekamen wir über Social Media und unsere privaten Netzwerke hunderte Boardingpässe zugesandt und konnten so in die Eingangshalle des Flughafens! Das war so ergreifend… Was sogar Mayor Bill de Blasio so sah und schließlich das NYPD wieder zurückbeorderte. Eine Gruppe von 20 Leuten hat das System der USA lahmgelegt! Aber auf CNN wurde es nur nebenbei erwähnt.

Und genau dieser Umgang mit kollektiven, zivilgesellschaftlichen Erfolgen lässt sich immer wieder beobachten. Sowas frustriert und entmutigt.
Ja, das ist die Gefahr. Aber man darf sich nicht entmutigen lassen! Denn oft, und es ist wichtig, das im Hinterkopf zu behalten, folgt der Triumph auch erst viel später. Nehmen wir doch nur das Beispiel des Arabischen Frühlings – Martin Luther King hält eine Rede und knapp 50 Jahre später führt die zu Protesten gegen die autoritären Strukturen der arabischen Länder. Veränderung braucht Zeit.

Dein neues Album Siblings scheint genau das Welt- und Menschenbild wiederzugeben, das du hier auch im Gespräch zeichnest: Dass wir zwar in einem zerstörten Raum leben. Aber es doch noch Hoffnung gibt.
Ich glaube, Leid und Freude sind eng miteinander verknüpft, sie bedingen einander. Utopie ist eine Illusion. Es gab sie nie und es wird sie auch nie geben. Nur wenn du Schmerz kennst, kannst du auch Glück als Gegenstück verstehen oder kennenlernen. Gerade in Zeiten von humanitären Krisen und Umweltkatastrophen wie den Hurricanes Catrina und Sandy oder dem Erdbeben in Indonesien kann man beobachten, was Menschlichkeit und Verbundenheit bedeutet. Menschen helfen Menschen, die sie nicht kennen, von denen sie aber wissen, dass sie ohne ihre Unterstützung all das nicht überstehen werden.

Werden Fremde dann zu Familie? Du betonst ja immer wieder, wenn du auf Siblings zu sprechen kommst, dass Geschwisterliebe nichts mit geteilter DNA zu tun hat.
Auf jeden Fall. Und ganz grundsätzlich sind Beziehungen ein zentrales Element meiner Arbeit. Auch, wenn viele das als künstlerisches Medium nicht anerkennen wollen. (lacht) Ich möchte Geschichten erzählen, und nicht nur meine eigenen. Denn durch die Erlebnisse anderer, vor allem älterer Generationen, kann man Lösungen für die Zukunft entwickeln. Und über den Mikromoment hinausdenken. Deshalb habe ich es auch schon immer geliebt, mich mit den 60-/70-jährigen Dragqueens in San Francisco zu unterhalten, die ich in meiner Jugend getroffen habe. Sie haben oftmals Vorstellungen von der Zukunft entworfen, die, obwohl sie so abgespaced klangen, tatsächlich eingetroffen sind. Wie alte Sci-Fi-Stories, die wahr wurden! Eben deshalb nochmal der Appell: Resigniere nicht vor dem dystopischen Bild des Jetzt, das du gezeigt bekommst, sondern suche Lösungen für die Zukunft!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.