»Ich mochte seinen Blick auf die Welt« – Richard Linklater über Boyhood

Bilder: Universal Pictures International

Es war eine der verrücktesten Ideen der Filmgeschichte. Für Boyhood hat Regisseur Richard Linklater zwölf Jahre lang gedreht. Es hat sich gelohnt (auch wenn dem Independent-Drama die Oscars für Regie und besten Film bedauerlicherweise verwehrt blieben). Boyhood ist im SPEX-Leserpoll auf Platz 2 der beeindruckendsten Streifen des vergangenen Jahres gelandet – ein Interview mit dem Macher des Langzeitprojekts aus SPEX °353.

Mr. Linklater, es ist nie leicht, einen guten Kinderdarsteller zu finden. Aber wie sind die Voraussetzungen, wenn man jemanden für ein Langzeitprojekt wie Boyhood sucht?
Glauben Sie mir: Bei diesem Film war alles anders als bei jedem anderen, den ich bislang gedreht habe. Alles! Beim Finden des Protagonisten war definitiv eine riesige Portion Glück mit im Spiel, viel mehr als sonst. Unter den Entscheidungen meines Lebens war diejenige, Ellar Coltrane als Hauptdarsteller auszuwählen, definitiv eine der besten. Aber das konnte ich damals natürlich noch nicht wissen.

Wie sind Sie vorgegangen?
Ich habe mir unglaubliche viele Kinder angesehen, von denen auch etliche sehr interessant wirkten. Aber Ellar war von allen am aufmerksamsten und nachdenklichsten. Ich habe in die Gesichter dieser Jungs gestarrt und mich gefragt: Wie seht ihr wohl aus, wenn ihr zehn Jahre alt seid? Was für Typen werdet ihr sein, wenn ihr 15 seid? Man hat natürlich keine Ahnung. Und ich würde auch im Rückblick sagen, dass es keine Möglichkeit gibt, diese Entwicklung vorherzusagen.

Wie haben Sie also entschieden?
Mein Hauptkriterium waren die Gedanken und Gefühle, die Ellar mir gegenüber äußerte. Ich mochte seinen Blick auf die Welt, sofern man das bei einem Sechsjährigen so nennen kann. Aber letztlich war das einfach ein enormer Vertrauensvorschuss meinerseits, gepaart mit einer großen Portion Hoffnung. Außerdem musste ich darauf vorbereitet sein, mit dem Film seiner Entwicklung zu folgen, wohin sie auch immer führen würde. Dass Boyhood nun so ein Film geworden ist, wie er ist, verdanke ich zu einem Großteil Ellar.

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Wie viel von der Geschichte, die wir heute auf der Leinwand sehen, war am Anfang des Projekts geplant?
Die Struktur des Films, also seine Architektur, habe ich natürlich vorab ausgearbeitet. Und das nicht nur in zwei Sätzen, sondern ziemlich gründlich. Dieser Planung entspricht das Endprodukt heute noch größtenteils. Aber jedes Jahr, wenn es ans Drehen ging, haben wir an den Details gefeilt, haben die Leerstellen im Konzept mit Leben gefüllt und die Dialoge ausgearbeitet. Das war ein sehr kollaborativer Prozess zwischen mir und den Darstellern, bei dem wir das echte Leben und unsere eigenen Erfahrungen als Grundlage nahmen.

Klingt fast so, als hätten alle mehr oder weniger sich selbst gespielt.
Oh nein, so kann man das nicht sagen. Da muss ich mir nur meine Tochter Lorelei ansehen, die im Film die Schwester des Protagonisten spielt. Man sieht in Boyhood nicht ihre tatsächliche Jugend, da gab es große Unterschiede. Gleichzeitig haben wir uns für die Filmfigur in gewissen Details doch an ihrer privaten Entwicklung orientiert. Man könnte vermutlich sagen, dass sie und Ellar für Boyhood immer in eine Parallelwelt geschlüpft sind und Personen verkörpert haben, die zwar nicht deckungsgleich mit ihnen waren, aber ihre Persönlichkeit zumindest momentweise gespiegelt haben.

Hätte Ellar sich irgendwann geweigert, weiter mitzumachen, wäre das gesamte Projekt gescheitert. Bestand diese Gefahr zu irgendeinem Zeitpunkt?
Erstaunlicherweise nicht. Bei Lorelei wurde es ein paar Mal kritisch, weil sie die Lust zu verlieren schien. Aber Ellar blieb zu meinem großen Glück all die Jahre mit Enthusiasmus bei der Sache. Manchmal rief er mich von sich aus an, weil er Ideen für den Film hatte oder erzählen wollte, was es in seinem Leben Neues gab.

Trotzdem gab es Phasen, in denen Boyhood auf der Kippe stand.
Das ist richtig. Nicht aus künstlerischer Sicht, aber finanziell. Meine Idee, zwölf Jahre lang jeweils eine Woche zu drehen, ist natürlich die verrückteste und vor allem unpraktischste Art, wie man einen Film drehen kann. Es hat schon seinen Grund, warum das vor mir noch niemand mit einem Spielfilm so gemacht hat. Produzenten finden die Aussicht, Geld in ein Projekt zu stecken, dessen Ergebnis erst zwölf Jahre später zu sehen sein wird, nicht allzu prickelnd. Zumal wenn sie nicht mal ein klassisches Drehbuch in der Hand halten, auf das sie mich hätten festnageln können.

Welchen Effekt hatte die Langzeitplanung in erzählerischer Hinsicht? Sie haken ja nicht unbedingt die klassischen Stationen einer Jugend ab.
Genau das war der springende Punkt. Gerade weil wir die Geschichte über so viele Jahre verteilen und diese ungewöhnliche Art des Drehens zur Verfügung hatten, wollte ich nicht das Übliche zeigen, was man in klassischen 90-Minütern bereits zur Genüge gesehen hat. Nicht den ersten Kuss und all die anderen »großen« Momente, die in einer Coming-of-Age-Geschichte fast immer vorkommen. Mir waren die kleinen, vermeintlich unscheinbaren Erlebnisse im Alltag dieses Jungen viel wichtiger. Ich war mir sicher, dass die sich auf lange Sicht zu etwas zusammenfügen würden, das für mich in diesem Fall über allem stand: Normalität.

Dieses Interview stammt aus der Printausgabe SPEX °353, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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