“Ich glaube nicht an Zuversicht” / Lafawndah im Interview

Lafawndah

Seit Lafawndahs letzter EP Tan sind mittlerweile zwei Jahre vergangen. Doch der schon darauf zu hörende Anspruch, gängige Kategorien aufheben und repressive Strukturen offenlegen zu wollen, ist bis heute geblieben. Nachdem die in New York lebende Kosmopolitin vereinzelt an Kooperationsprojekten wie etwa mit Kelela, Klein und Kelsey Lu gearbeitet hatte, meldete sie sich mit ihrer Solo-Single „Joseph“ zurück, deren Video im Oktober bei SPEX Premiere feierte. Aus diesem Anlass traf SPEX Lafawndah zum Interview in Berlin und fand zwischen wässrigem Kaffee, kalten Frühlingsrollen und Henna heraus, dass sich die Dualität von Leben und Tod durch Lafawndahs Leben wie auch Oeuvre zieht.

Das Interview begann recht holprig – in den Räumlichkeiten des Plattenlabels herrschte großer Trubel, nachdem weder ein freies Büro noch die Sojamilch zu finden waren und Lafawndahs Hunger, der sich während des Fluges von New York nach Berlin angestaut hatte, stetig größer zu werden schien. Doch als dann das leere Büro des Chefs annektiert, der Kaffee mit Wasser statt Milch gestreckt und der Lieferdienst bestellt war, ging es endlich los.

Lafawndah, erst kürzlich hast du dich mit der Single „Joseph“ und dem zugehörigen Video zurückgemeldet. Der Song handelt von einer Geburt und den Gefühlen einer Mutter. Es heißt, du wurdest dazu inspiriert von der sogenannten Artemis Response Coalition, kurz ARC, einer außerstaatlichen matriarchalen Gruppierung, die Geburtshäuser auf der ganzen Welt führt. Wie kamst du denn auf diese?   
Ich habe zufällig eines der Mitglieder in Paris getroffen und mich mit ihr unterhalten. Was ein ziemlicher Glücksfall war, bedenkt man, wie geheim die ARC vorgeht. Da ich kurz zuvor die Doku Regarde, Elle A Les Yeux Grands Ouverts von 1980 gesehen habe, in der es um eine Gruppe von Frauen im Südfrankreich der Siebziger geht, die Abtreibungen vorgenommen haben, noch bevor sie legalisiert wurden, aber auch bei Geburten halfen, wurde mir klar, wie viel in den letzten Jahrhunderten, ja Jahrzehnten verloren gegangen ist. Dass ein Verlust von Wissen, von Körpergefühl und Intuition stattgefunden hat, seitdem die Geburt zu einem eher medizinischen und weniger natürlichen Vorgang geworden ist. Klar, diese Veränderung brachte auch Positives mit sich – seither sterben weniger beim Geburtsvorgang und der ist auch nicht mehr so schmerzhaft –, dennoch finde ich eben jene Frauen inspirierend, die sich dieses Wissen zurückholen und einander helfen wollen.

Es ist doch aber auch ziemlich problematisch, Frauen einzureden, dass sie eine wahre Geburt nur erleben können, wenn sie nicht auf medizinische Hilfe, etwa Schmerzmittel zurückgreifen? 
Ja schon, aber im Falle der ARC etwa geht es ja um ein Für- und Miteinander von Frauen. Es gibt keinen Mann, der die Vorschriften macht. Der meint, Aussagen über den weiblichen Körper treffen zu können. Ich finde, das ist etwas anderes.

Im Video entwirfst du eine Szenerie nur mit Frauen und auch der Songtext gibt eine Emotionalität wieder, die gemeinhin als mütterlich verstanden wird. Allerdings hast du das Lied nach der wohl bekanntesten Vaterfigur der christlichen Kultur benannt, Joseph, dem Mann, der nicht Erzeuger, aber liebendes Elternteil von Jesus Christus ist. Sprichst du damit explizit Männern solche Gefühle zu, die in unserer hegemonialen Gesellschaft oftmals als dezidiert weibliche betrachtet werden? 
Auf jeden Fall. Wobei es nicht zwingend darum gehen soll, Männern derartige Emotionen wiederzugeben, sondern eher, ihnen Raum für solche zu schaffen. Raum, um gemeinsam Rollen zu redefinieren. Die von Männlichkeit und Weiblichkeit als zwei Pole, die noch immer so unterschiedlich behandelt und beschrieben werden. Und auch deshalb wollte ich den Geburtsvorgang als solchen im Video nicht fetischisieren. Ich wollte ihn nicht verklären als ein Wunderwerk der Frauen. Elterliche Gefühle haben für mich im Übrigen auch nichts mit Genetik zu tun. Als ich während des Drehs gesungen habe, meinte ich Gesagtes sehr ernst: iIch wollte in dem Moment eine Mutter sein, eine Mutter für alle, die ich liebe.

„Die Welt wäre mir völlig fremd ohne Musik.“

Woher rührte deine emotionale Verbundenheit in dieser Situation? 
Ich habe „Joseph“ an einem sehr dunklen Tag in der Geschichte geschrieben. Es war Election Day in den USA. Ich wusste nicht, was ich tun und wo ich hin sollte, ich hatte solche Angst. Alle hatten Angst. Plötzlich bekam ich den Anruf meiner besten Freundin, in dem sie mir sagte, dass sie eben ihr Kind bekommen hatte. Und dann ging irgendwie alles von allein. Text und Musik schrieben sich praktisch von selbst. Ich wollte einen Tag einfangen, der gezeichnet ist von Leben und von Tod. So habe ich nachträglich auch nichts mehr am Song verändert, nichts aufpoliert, was ich sonst eigentlich immer tue. Ich bin nämlich eine ziemliche Perfektionistin, aber in „Joseph“ steckt so viel Momenthaftes, sodass Ecken und Kanten bleiben mussten, um genau das wiederzugeben. Es ist schon verrückt: das Baby wird sein Leben lang mit eben jenem apokalyptischen Tag verbunden bleiben.

Hast du noch immer solche Angst? Oder bist du zuversichtlicher, nachdem die Midterm Wahlen einen zumindest kleinen Rückschlag für die Republican Party bedeutet haben?
Das ist von Tag zu Tag anders. Manchmal bin ich recht optimistisch, manchmal (und das eher öfter) schaue ich sehr pessimistisch in die Zukunft. Eben deshalb ist „Joseph“ genau genommen auch eine Lüge. Zwar eine beschützende, aber dennoch. Ich singe von Zuversicht, davon, dass alles gut werden wird, wenn ich doch selbst nicht daran glaube. Wirklich hoffnungsvoll werde ich erst dann, wenn die Linke weltweit anfängt, Ziele und Strategien zu formulieren. Und aufhört, lediglich zu reagieren. Kennst du Adam Curtis, den britischen Dokumentarfilmer? Was er macht und sagt, ist in vielerlei Hinsicht problematisch, aber ich mag ihn dennoch sehr. Durch ihn habe ich verstanden, warum die Linke ausgestorben ist. Eben weil sie ihre Fähigkeit verloren hat, zu agieren! Der Verlust, verändern zu wollen, führt in den kollektiven Tod. Liest man beispielsweise die freie Presse in den USA, findet man 50 Mal den Namen einer sehr schrecklichen Person, in Reaktion auf etwas, was er getan oder gesagt hat. Ich möchte seinen Namen nicht einmal nennen.

Hältst du Ignorieren für die angemessenere Reaktion? 
Nein, ignorieren sollte man ihn auch nicht, aber man muss mit Sorgfalt vorgehen. Es schockiert mich deshalb auch so, wie sehr sich alle über diese Person lustig gemacht haben, als seine Kampagne startete. Ich meine, wirklich nichts daran war lustig! Aber ich muss sagen, dass mir meine Musik enorm dabei geholfen hat, das zu verstehen. Die Welt wäre mir völlig fremd ohne Musik. Denn wenn ich einen Song schreibe, muss ich zwangsläufig Entscheidungen treffen: Welche Worte soll ich verwenden, welche Melodien, und ähnliches. Und genau dieser Prozess funktioniert für mich dann wie das Lösen eines komplizierten Rätsels.

Du machst aber nicht nur Musik, du malst auch. Selbst deine Videos wirken häufig wie zum Leben erwachte Gemälde. Würdest du dennoch sagen, dass Musik für dich die größere Rolle spielt?
Tatsächlich war Malen eine der ersten Kunstformen, mit der ich in Berührung kam. Und das auf sehr emotionaler Ebene. So gesehen nehmen Malerei und Musizieren wohl denselben Stellenwert ein. Sie bedingen sich: Denke ich an einen Song, denke ich ans Video und das kann ich bereits in meinem Kopf füllen. Ich weiß genau, wo ich welche Farbe, welchen Gegenstand und welchen Menschen sehen will. Eben weil ich direkt das Visuelle eines Liedes mitdenke. So gesehen habe ich die wohl schwersten Kunstformen ausgewählt. Schließlich sind Malerei und Musik die ältesten Gattungen, womit man selbst in einem jahrtausendealten Konkurrenzverhältnis steht. Klar, man müsste sich von sowas nicht unter Druck setzen lassen. Für mich aber hat Kunst jeglicher Art nur eine Daseinsberechtigung, wenn sie etwas Neues beinhaltet. Wenn sie eine eigene Sprache findet. Das zumindest ist mein Anspruch.

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