„Ich finde es einfacher, ich selbst zu sein“– NAO im Interview

Dass Neo Jessica Joshua alias Nao es im vergangenen Frühjahr auf den dritten Platz der Sound of 2016 Künstlerriege der BBC schaffte, überraschte wohl niemanden mehr als sie selbst. Nach zwei EPs veröffentlichte die britische Nu-Soul Sängerin im Sommer mit For All We Know erstmals ein Langformat, gefolgt von einer ausgedehnten Europatour. Ein ganz schön weiter Weg für das einst schüchterne Mädchen, das von seiner Mutter zur Gesangsgruppe gezerrt wurde. Mit SPEX sprach Nao über introvertierte Künstler, Perfektionismus und ihren (verhältnismäßig) späten Weg zur eigenständigen Künstlerin. 

Nao, du hast am renommierten Guidhall Konservatorium Jazz studiert und singst seit Jahren, deine eigene Musik schreibst du aber erst seit kurzer Zeit.
Ja, es ist seltsam, aber obwohl ich Musik und Gesang studiert habe, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal Musikerin oder Sängerin sein würde. Ich hatte keine Ahnung, wie das funktioniert, also habe ich erst mal alle möglichen Gesangsjobs angenommen. Ich denke, ich war einfach so glücklich, singen und damit Geld verdienen zu können, dass ich mich damit zufrieden gab, weil ich mich sicher fühlte.

Was hat dich dazu bewogen, dich aus deiner sicheren Zone herauszubewegen?
Ich hatte plötzlich das Gefühl, etwas zu sagen zu haben – auch musikalisch. Ich bin selbstbewusster geworden. Aber es war immer noch ein langer Weg, bis ich die Sprache und den Sound meines Albums gefunden habe. Anfangs war das alles viel düsterer, schwerer und elektronischer, ein bisschen wie James Blake oder Banks.

Der Sound auf deinem Album ist sehr voluminös und reich an Ebenen an. Wie hast du diesen Klang entwickelt?
Es dauert Jahre, bis du deinen Stil entwickelt hast, aber irgendwann hast du deine eigenen Sound-Signaturen. Fast wie deine Lieblingszutaten beim Backen, die du immer im Haus hast und auf die du immer zurückgreifst, auch wenn jedes Mal ein anderer Kuchen dabei herauskommt. Wenn ich auf Tour bin, habe ich zwischendurch eine Menge freie Zeit und kann an tausenden Songideen arbeiten, mit ihnen experimentieren und sehen, wo sie mich das hinführen. Das Tolle ist, wenn du nicht daran hängst und keinen Druck hast, die nächste Single zu liefern, kannst du alles mögliche damit anstellen. So entstehen die besten Ideen.

„Ich hatte plötzlich das Gefühl, etwas zu sagen zu haben, auch musikalisch.“

Du hast auch mit Produzenten wie AK Paul, Mura Masa und Disclosure gearbeitet. Spielen Kollaborationen eine wichtige Rolle für deine Musik?
Drei Kollaborationen sind nicht gerade eine Menge – oder vielleicht kommt es mir nur so vor, weil ich so viele Angebote hatte, die ich leider nicht wahrnehmen konnte. Ich liebe den Sound von AK Paul und seinem Bruder Jay, er ist sehr spezifisch, und es war ein großes Kompliment, das mit ihm gemeinsam entdecken zu können. Zu meiner Musik kann man tanzen, aber die Musik von Mura Masa und Disclosure ist richtige Clubmusik mit einem Drop, der alle Leute zum gleichen Zeitpunkt zum Tanzen bringt. Ein wahnsinnig euphorischer Moment!

Du hast dich anfangs dagegen ausgesprochen, dich hinter einer Künstlerpersönlichkeit zu verstecken. Hältst du daran fest?
Ich glaube, das einzige, was sich seither verändert hat, ist mein Haar. Afro-Haar ist sonst viel zu aufwändig in der Pflege, wenn ich auf Tour bin … Aber es hat sich immer richtig angefühlt, sich nicht mit ausgefallen Kostümen zu verkleiden, sondern mir treu zu bleiben. Wie wäre das sonst bei einem Interview: gehe ich da als ich selbst oder als meine Künstlerperson hin? Ich finde es einfacher, ich selbst zu sein.

Bemerkenswert für jemanden, der als Kind sehr schüchtern war.
Ja, es ist schwierig, als introvertierter Mensch im Kunstbereich zu arbeiten. Man erwartet da exzentrische Personen, die sehr von sich eingenommen sind. Aber ich frage mich, ob überhaupt jemand wirklich so ist oder ob das nicht auch nur eine Fassade ist, hinter der sich eine im Grunde schüchterne und unsichere Person versteckt.

„es ist schwierig, als introvertierter Mensch im Kunstbereich zu arbeiten.“

Wie geht es da den Menschen in deinem Umfeld?
Tatsächlich ist fast jeder, mit dem ich zusammen arbeite, eher introvertiert und zurückhaltend. Es kam noch nie vor, dass ich im Studio ankam und der Produzent meinte: „Okay, Kleines, heute mach ich dir einen Hit. Don’t worry, I’ve got this.“ Wir sind alle erst mal unsicher, wenn wir anfangen, gemeinsam Musik zu machen. Und es ist schwer, sich ständig zu etwas äußern zu müssen oder fotografiert zu werden.

Gab es für dich in deiner Jugend ein musikalisches Vorbild? Jemanden, der dir vermittelt hat: Du kannst es trotz deiner Unsicherheiten nach oben schaffen?
Nein, überhaupt nicht! Und das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum ich nie die Rolle der Künstlerin eingenommen habe. Ich bin in der Zeit vom MTV aufgewachsen. Alles, was wir kannten, war der Inbegriff des Popstars: Perfekt inszenierte Musikvideos voller wunderschöner Menschen, herausragend in jeder Hinsicht. Ich dachte: Ich liebe es, zu singen, aber ich kann niemals diese Art von Künstlerin sein. Es gab niemanden, von dem ich gesagt hätte: Ich weiß, wie du das anstellst und ich glaube, ich kann das auch. Die Idole früherer Zeiten haben mich eher inspiriert, Stevie Wonder zum Beispiel. Sein musikalisches Handwerk war etwas, das irgendwie erreichbar wirkte. Wonder ist ein überragender Pianist, ein großartiger Sänger und ein hervorragender Songwriter. Auch Aretha Franklin und Donna Hathaway – sie waren glamourös, aber man hat in ihnen immer noch das Menschliche erkannt.

„an einem Punkt musst du einfach sagen: So fühlt es sich gut an. Lassen wir es dabei.“

Haben dich diese Musiker auch dazu bewogen, an der Guildhall so hart zu arbeiten?
Ich denke, das waren eher meine Eltern. Dieser typische Eltern-Spruch: Du kannst alles erreichen, wenn du wirklich hart dafür arbeitest. Um überhaupt an der Guildhall angenommen zu werden, muss man wahnsinnig ehrgeizig sein. Dort ist die Konkurrenz dann noch einmal größer. Jeder, der dort studiert, ist wohl der oder die Beste des Landes, in dem, was sie tun. Wenn du nicht über dich hinaus wächst, fällt das sofort auf. Ich bin jeden Morgen um fünf aufgestanden und habe geübt, um sicher zu stellen, dass ich das Beste aus mir heraushole. Die Einstellung hätte ich lieber dort zurück lassen sollen …

Treibt dich der gleiche Perfektionismus auch im Songwriting an?
Nein, das zum Glück nicht! Einen Song kannst du immer verändern. Du kannst die Lyrics umschreiben, die Akkorde ersetzen, den Rhythmus variieren. Aber an einem Punkt musst du einfach sagen: So fühlt es sich gut an. Lassen wir es dabei.

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